Kreuzeskämpfe

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Das Kreuz zu einem „Kulturlogo“ zu erklären, ist problematisch. Als Hinweis auf Tod und Auferstehung Jesu ist es aber auch Zeichen des Trostes. Ein Gastkommentar von Ulrich H.J. Körtner.

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Das Kreuz zu einem „Kulturlogo“ zu erklären, ist problematisch. Als Hinweis auf Tod und Auferstehung Jesu ist es aber auch Zeichen des Trostes. Ein Gastkommentar von Ulrich H.J. Körtner.

In meinem Arbeitszimmer hängt ein Kreuz – und das obwohl ich reformiert bin. Es ist ein persönliches Erinnerungsstück, Teil meiner Lebensgeschichte, Gegenstand der Meditation, Hinweis auf den Grund meines Glaubens, Zeichen des Trostes und der Hoffnung.

In reformierten Kirchen gibt es üblicherweise kein Kreuz, schon gar kein Kruzifix, also ein Kreuz mit dem Corpus Christi. Kruzifixe stehen in der Gefahr, gegen das alttestamentliche Bilderverbot zu verstoßen, das die reformierte Tradition im Unterschied zur lutherischen und katholischen nicht aus dem Dekalog gestrichen hat. Wenn man bedenkt, wie viele Menschen gedankenlos ein Kreuz als Maskottchen oder auch als bloßes modisches Accessoire tragen, wenn man schließlich an den politischen Missbrauch des Kreuzes in Geschichte und Gegenwart denkt, bis hin zu H. C. Straches unsäglichem Wahlkampfauftritt 2009, der mit einem Holzkreuz in der Hand ausländer- und islamfeindliche Parolen ausstieß, dann versteht man vielleicht, warum die reformierte Kirche auch im Umgang mit dem Kreuz so zurückhaltend ist.

Vor allem Vertreter der katholischen Kirche verteidigen das Kreuz in öffentlichen Räumen als Symbol abendländischer Kultur und nationaler Identität. Allerdings lebt der weltanschaulich neutrale Staat von Voraussetzungen, die er weder schaffen noch garantieren kann. Zu ihnen leisten die christlichen Kirchen und die übrigen Religionsgemeinschaften einen wichtigen Beitrag. Eine religionsfeindliche Gesellschaft ist keineswegs humaner oder toleranter als eine Gesellschaft, die den Religionen ihren Platz im öffentlichen Leben, auch in den Schulen, einräumt und ihre Mitwirkung am Gemeinwohl ausdrücklich fordert und fördert. Die diktatorischen Verhältnisse in den eins­tigen Staaten des real existierenden Sozialismus sollten uns eines Besseren belehrt haben.

Ideologischer Missbrauch

Wer jedoch das Kreuz oder auch das Kruzifix zum europäischen „Kulturlogo“ erklärt, redet einer fragwürdigen Synthese von Christentum und Kultur das Wort. Sie ist in doppelter Hinsicht problematisch. Ebenso wie Kultur, Gesellschaft und Staat vor einer Klerikalisierung zu schützen sind, so ist auch der christliche Glaube gegen seinen ideologischen und politischen Missbrauch zu verteidigen. Das Kreuz zum Symbol gemeinsamer christlich-jüdischer Kultur zu erklären, wie es Integrationsminis­terin Susanne Raab getan hat, zeugt von Ignoranz. Das Kreuz ist nun einmal kein Symbol jüdischen Glaubens, und Juden sind im Zeichen des Kreuzes grausam verfolgt worden.

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