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Toleranz auf Augenhöhe

Weder Gleichgültigkeit noch Wertschätzung: Plädoyer für eine Kultur der Differenz auf der Basis wechselseitigen Respekts.

Kaum eine Woche vergeht, in der man sich nicht einer Zeitreise gleich rückversetzt sieht in die dunklen Zeiten religiöser Konfrontationen, in Gang gesetzt etwa durch eine Rede des Papstes, Karikaturen in dänischen Zeitungen, den Ritterschlag für einen umstrittenen Schriftsteller, Kopftücher von Lehrerinnen, Pläne zum Bau von Moscheen oder gleichgeschlechtliche Ehen. Und all die Figuren aus vergangener Zeit scheinen ebenfalls wiederzukehren: der religiöse Fanatiker, der fanatische Religionsbekämpfer, der irenische Allesversöhner, der um Neutralität bemühte Agnostiker und so weiter.

Und so überrascht es nicht, dass der ehrwürdige Begriff der Toleranz allerorten bemüht wird, um jeweils konfliktentschärfend zu wirken. Bevor wir uns damit allerdings beruhigen, sollten wir sehen, dass in den genannten Auseinandersetzungen das Gegenteil einzutreten scheint, denn jede der beteiligten Seiten reklamiert den Begriff für sich: Sind nun die Karikaturen, die Regensburger Rede, die Kopftücher etc. Akte bzw. Symbole der Intoleranz oder vielmehr die Reaktionen darauf?

Einiges Grundsätzliches vorweg: Von Toleranz kann man nur dort sprechen, wo die zu tolerierenden Überzeugungen oder Praktiken als falsch oder schlecht verurteilt werden. Sonst hat man es entweder mit Gleichgültigkeit oder mit der Wertschätzung des anderen zu tun, nicht aber mit Toleranz. Der Ablehnung muss freilich eine Akzeptanz des anderen gegenüberstehen, die das Negativurteil zwar nicht aufhebt, aber Gründe dafür nennt, wieso das Falsche dennoch geduldet werden sollte. (Scheinbar) paradox ausgedrückt: Der Toleranzüberlegung zufolge wäre es falsch, das Falsche nicht zu tolerieren.

Intoleranz gegenüber …

Dabei aber ist zu beachten, dass die von der Toleranz vorausgesetzte Ablehnung nicht auf gravierenden Vorurteilen oder blindem Hass beruhen darf. Wenn beispielsweise jemand Menschen mit einer bestimmten Hautfarbe generell ablehnt, sollten wir ihn nicht zu einer "Toleranz gegenüber anders Aussehenden" auffordern. Ein Rassist soll nicht tolerant werden, er soll vielmehr seinen Rassismus überwinden.

Daraus darf aber nicht umgekehrt der Schluss gezogen werden, wir sollten eine Welt anstreben, in der es gar keine Ablehnungsurteile mehr gäbe. Das wäre nicht nur nicht möglich, sondern auch nicht wünschenswert. So glauben heute manche (wieder einmal), dass erst wenn die Religion verschwände, die Intoleranz ende. Aus der Geschichte kann man freilich lernen, dass solche Versuche nicht nur vergebens waren, sondern allzu oft selbst eine Ersatzreligion anboten - mit verheerenden Konsequenzen. Die Intoleranz gegenüber der Intoleranz schlägt nicht selten in dieselbe um.

Neben den erwähnten Komponenten der Ablehnung und der Akzeptanz ist freilich noch eine dritte zu nennen, die der Zurückweisung. Sie gibt Gründe dafür an, wo und weshalb die "Grenzen der Toleranz" zu ziehen sind. Hier sind besonders starke Gründe notwendig.

Die Komplexität des Begriffs der Toleranz ergibt sich auch aus den vielen historischen Schichten, die sich in ihm abgelagert haben. So kann Toleranz aus der Erlaubnis bestehen, die eine Autorität einer Minderheit gibt, ihren Überzeugungen gemäß zu leben, solange diese Gruppe nicht die bestehenden Machtverhältnisse in Frage stellt und ihren untergeordneten Status akzeptiert. Diese Erlaubniskonzeption ist die klassische Form einer hierarchischen Form der Toleranz, die hoch ambivalent ist. Während sie einerseits verfolgten Minderheiten eine gewisse Sicherheit und Freiheiten gewährt, ist sie andererseits eine Fortsetzung der Herrschaft mit anderen Mitteln. Denn die tolerierten Minderheiten müssen unauffällig, "privat" bleiben.

… Intoleranz schlägt …

Auf ein solches Verständnis darf der Begriff der Toleranz aber nicht reduziert werden. Tolerant zu sein kann auch heißen, dass man die religiösen Überzeugungen und kulturellen Praktiken anderer, mit denen man keinesfalls übereinstimmt, toleriert, sofern ein Konsens darüber besteht, auf welcher Grundlage und mit welchen Grenzen dies wechselseitig geschieht - nämlich auf der Basis von Normen, die von allen Parteien als akzeptabel eingesehen werden können. Diese Vorstellung von Toleranz nenne ich Respektkonzeption, da sie die Achtung für andere als rechtlich und politisch Gleichgestellte impliziert, mit denen man dennoch in zentralen Fragen des Guten nicht übereinstimmt.

Die Liste traditioneller Toleranzbegründungen ist lang; das Christentum fand solche im Gebot der Nächstenliebe oder der barmherzigen Duldsamkeit gegenüber den Verirrten, zentral aber im Gedanken vom freien Gewissen, da nur der freiwillig angenommene Glaube gottgefällig sein könne. Dennoch kann Toleranz keinesfalls als ureigener Besitz des Christentums angesehen werden, da man sehen muss, dass sich solche Argumente nur mühsam, unter vielen und schweren Kämpfen, Bahn gebrochen haben gegen ebenso viele Gegenargumente, die der christliche Glaube birgt - etwa die Pflicht, den Verirrten zu helfen, deren Seelenheil auf dem Spiel steht, wozu oft das Gleichnis vom "Zwang zum Eintreten" zum bereiteten Mahl (Lk 14,16 ff.) herangezogen wurde.

Aus dieser Problematik hat der in meinen Augen überzeugendste Toleranzdenker der frühen Aufklärung, der Hugenotte Pierre Bayle, die richtige Lehre gezogen. Er suchte ein Toleranzargument, das weder auf rein religiöse Gründe noch in der Weise auf "säkulare" Gründe zurückgriff, dass religiöse Gläubige ihm nicht würden folgen können. So argumentierte Bayle für eine autonome praktische Vernunft, die es den Menschen (auch wenn sie nicht an Gott glaubten) einsichtig machte, dass sie die moralische Pflicht hatten, ihre Handlungen anderen gegenüber mit Gründen zu rechtfertigen, die nicht einfach ihrem Glauben entspringen konnten. Und damit dies nicht als ein religionsfeindliches Argument gesehen würde (was freilich dennoch geschah), entwickelte Bayle eine zukunftsweisende Unterscheidung von Glauben und Wissen.

… nicht selten …

Demnach war der Glaube nicht irrational, sondern in Bezug auf letzte metaphysische Wahrheiten, die die Vernunft weder widerlegen noch eindeutig bestätigen konnte, "übervernünftig". Der vernünftige Glaube stellt sich somit als toleranter nicht in Frage, weiß aber, dass er ein Glaube ist und sieht ein, dass die endliche menschliche Vernunft an ihm festhalten, ihn aber nicht als letztlich wahr (und andere als falsch) beweisen kann. Glaube und Vernunft gehen so ein friedvolles (wenn auch spannungsreiches) Verhältnis ein.

Aus der damit zu begründenden Respektkonzeption von Toleranz ergibt sich in der Praxis, dass nicht ein Teil der Bürger, und sei es die Mehrheit, seine religiösen Symbole per Gesetz in Klassenzimmern öffentlicher Schulen aufhängen darf - und schon gar nicht diese Symbole dabei einmal zu allgemeinen Zeichen abendländischer Toleranz und einmal zum Ausdruck seines Glaubens erklären kann. Auch ist es mit dem Reziprozitätsgrundsatz nicht vereinbar, von Minderheiten "Toleranz" für die Dominanz der Mehrheit einzufordern, die Toleranz der Mehrheit aber auf das "Nichtmissionieren" zu beschränken.

Lehrer und Lehrerinnen hingegen dürften aus Gründen der Religionsfreiheit und als Ausdruck ihrer ethischen Identität religiöse Symbole tragen, solange ihnen nicht nachgewiesen werden kann, dass diese Praxis negative Konsequenzen für den Schulalltag hat, die der Lehrkraft anzulasten sind (und nicht den Vorurteilen anderer). Der gegenseitige Respekt unter Staatsbürgern bedeutet, dass sie sich in ihren unterschiedlichen kulturellen Identitäten achten und die geltenden Gesetze und Verordnungen daraufhin überprüfen, ob sie "fremde" Lebensformen benachteiligen oder unter Generalverdacht stellen. Die Neutralität einer staatlichen Institution kann weder bedeuten, dass Bedienstete, sofern sie ihre Pflicht erfüllen, zu "neutralisierten", identitätslosen Wesen werden, noch darf sie so ausgelegt werden, dass konventionelle oder "unauffällige" Lebensformen die Norm abgeben und bevorzugt werden. Kulturell oder religiös bedingte Unterdrückung in der Familie oder anderen gesellschaftlichen Bereichen muss freilich, wo immer sie vorkommt, aufgedeckt und bekämpft werden - dies jedoch nicht um den Preis einer doppelten Stigmatisierung der Betroffenen.

… in dieselbe um

Die Gegner rechtlich anerkannter gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften müssten zeigen, dass sie nicht nur versuchen, eine religiös bestimmte Lehre des rechten Lebens oder der "menschlichen Natur" zur Grundlage allgemeiner Gesetze zu machen. Eine bloße "Duldung" homosexueller Paare ohne rechtliche Gleichstellung wäre der Ausdruck eines kritikwürdigen Toleranzverständnisses nach Art der Erlaubniskonzeption.

Das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Freiheit der Kunst müssen in einer pluralistischen Gesellschaft geschützt werden; auf keinen Fall darf auf geschmacklose und eine Religion verletzende Darstellungen mit Verboten oder Gewalt reagiert werden. Die Gründe für Gewaltausbrüche müssen allerdings sorgsam analysiert werden, denn die Frage der Toleranz steht stets in einem weiteren Kontext der Fairness sozialer Verhältnisse.

Die Toleranz ist eine hohe Kunst, setzt sie doch voraus, dasjenige zu dulden, mit dem man nicht übereinstimmt, auch aus tief empfundenen Motiven heraus. Toleranz heißt nicht, diese Differenz und Ablehnung wegzudrücken, es heißt aber, dass man sie so ausdrückt, dass die anderen respektierte Gleiche bleiben - auf Augenhöhe, nicht ohne wechselseitige Kritik. Die Geschichte wie die Gegenwart lehren, dass wohl keine Gesellschaft diesen Lernprozess der Ausbalancierung von Gleichheit und Differenz je abgeschlossen haben wird.

Der Autor ist Professor für politische Theorie und Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt/Main.

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