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Fragile Religion

Nein zum Weltethos: Sowohl Ulrich Körtner als auch Gerd Neuhaus üben an Hans Küngs Projekt heftige Kritik - aus höchst unterschiedlichen Gründen.

Was ist es, das die globalisierte Welt im Innersten zusammenhält? Woraus entstehen die notwendigen "Ligaturen" (Ralf Dahrendorf) der religiös und weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft, die tendenziell eine "Konfliktgesellschaft" (Paul M. Zulehner) ist? Hans Küng sucht sie in einem zivilreligiösen "Welt-Ethos". Unbeschadet der Konkurrenz ihrer Weltdeutungen und Heilserwartungen hält Küng die Religionen für die Entwicklung eines Weltethos für unentbehrlich, weil einzig sie "die Unbedingtheit und Universalität ethischer Verpflichtungen begründen" können. Die These: "Kein Weltfriede ohne Religionsfriede" lässt sich aber mit guten Gründen bestreiten, belehrt uns doch die Geschichte, dass Konfessionen und Religionen zu Dialog und Konvivenz allererst durch politische Instanzen gezwungen werden mussten. Basis eines tragfähigen Religionsfriedens ist die Geltung moderner rechtsstaatlicher Prinzipien.

Westliches Konzept

Dass wir angesichts der globalen Probleme und des Konfliktpotenzials multikultureller Gesellschaften einen interreligiösen Dialog auf allen Ebenen brauchen, soll gar nicht bestritten werden. Ob aber die Religionen eine Schlüsselrolle spielen, weil sie ein gemeinsames ethisches Fundament haben, bleibt fraglich. Küngs Versuch, die ethischen Systeme der Religionen auf einige wenige Grundregeln zurückzuführen, wird weder den vorhandenen Divergenzen der Religionen noch der Komplexität globaler Probleme und gesellschaftlicher Konflikte gerecht.

Gerade die zwischen den Religionen bestehenden Differenzen in der Menschenrechtsfrage zeigen deutlich, wie schnell Küngs Weltethos an seine Grenzen stößt, sobald nach den ethischen Konkretionen fragt. Nicht selten werden religiöse Sittenlehren über die Menschenrechte gestellt und diese in ihrer Geltung relativiert. Letztlich bleibt Küngs Weltethos ein westliches Konzept, das auf einer Synthese des Christentums mit den Idealen der französischen Revolution bzw. der Ethik Kants basiert. Der von Küngs Weltethos erhobene ethische Absolutheitsanspruch ist die Fortsetzung der Absolutheit des Christentums mit anderen Mitteln. Nach einer vielzitierten Formulierung Ernst-Wolfgang Böckenfördes lebt der "freiheitliche, säkularisierte Staat (...) von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann". Ob aber die pluralistische Demokratie oder auch das Konzept einer Zivilgesellschaft in jedem Fall auf irgendeine Form von Religion, also eine Form der Zivilreligion angewiesen bleibt, ist umstritten.

Umgekehrt stellt sich die Frage, wie pluralismusfähig die Religionen sind, also in welchem Maße sie in der Lage sind, sich der Moderne zu öffnen, ohne ihre Substanz preiszugeben und ihre Kritikfähigkeit einzubüßen. Das gilt insbesondere für die monotheistischen Religionen, deren Bekenntnis zu dem einen und einzigen Gott traditionellerweise zur Behauptung eines exklusiven Geltungsanspruchs für die eigene Religion führt. Interreligiöse Dialogbemühungen dürfen sich nicht auf echte oder vermeintliche Konvergenzen der Religionen beschränken. Sie müssen sich produktiv mit der konfliktträchtigen Konkurrenz religiöser Geltungsansprüche und ihrer grundsätzlichen Relativierung in modernen pluralistischen Gesellschaften auseinandersetzen. Zur Pluralismusfähigkeit der Religionen gehört in jedem Fall die Anerkennung der Religionsfreiheit durch die Religionen selbst - auch die Anerkennung des Rechts auf Religionsübertritt und der Abkehr von der eigenen Religion! - sowie die Bejahung der repräsentativen Demokratie, des weltanschaulich neutralen Rechtsstaats und damit der Trennung von Staat und Religion.

Zweifellos brauchen wir einen spezifisch europäischen Dialog der Religionen. Die in Europa vertretenen Religionen müssen die Entwicklung demokratischer Strukturen und Werte als gemeinsame Aufgabe begreifen, soll dieses Europa gedeihen und nicht zum Schauplatz neuer religiöser und kultureller Konflikte werden. Darin ist Küng zuzustimmen.

Der Autor ist Prof. für Systemat. Theologie H.B. an der Evang.-Theolog. Fakultät der Univ. Wien.

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