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Diesseits von Gut und Böse

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Der Theologe Hans Küng war nach seinem Vortrag und der Diskussion beim 17. Salzburger Humanismusgespräch begehrter Gesprächspartner bei Wttrstl und Wein. Es ging um „Weltfrieden, Weltreligionen und Weltethos".

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Der Theologe Hans Küng war nach seinem Vortrag und der Diskussion beim 17. Salzburger Humanismusgespräch begehrter Gesprächspartner bei Wttrstl und Wein. Es ging um „Weltfrieden, Weltreligionen und Weltethos".

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Religionsführer müßten Wege zur Versöhnung finden", sagt Hans Küng. Wir fragten: Wie? „Religionen könnten, wenn sie wollten", ein gemeinsames Programm finden, meint der in Tübingen lehrende Schweizer Theologe. Daß alle Religionen miteinander immer und immer wieder im Lauf der Geschichte mehr als Schuld auf sich geladen haben, sollte die Bemühungen dennoch nicht hindern. In den gegenwärtigen Konflikten sei die religiöse Dimension ernst zu nehmen, selbst wenn man selbst nicht religiös ist; denn „die Religion ist ein Faktum, so alt und so universal wie Mensch und Kunst sind". Bei aller Machtversessenheit, die die Weltreligionen im Lauf der Geschichte auch hätten erkennen lassen, müsse man fragen, „ob Religionen nicht auch ein Friedenspotential haben könnten", denn „Mißbrauch sagt noch nichts gegen den Gebrauch aus".

Wie in seinem Buch „Projekt Weltethos" erinnert Küng an die „Weltkonferenz der Religionen für den Frieden" 1970 imjapanischen Kyoto, wo es um ein Weltethos der Weltreligionen im Dienst an der Weltgesellschaft ging. Dort hieß es in dem verabschiedeten Papier, eine Absichtserklärung freilich, nicht mehr, auch nicht weniger; „Bahai, Buddhisten, Confuzianer, Christen, Hindus, Jains, Juden, Moslems, Shintoisten, Sikhs,, Anhänger von Zoroaster und Vertreter anderer Religionen, wir alle trafen uns hier im gemeinsamen Interesse für den Frieden. Als wir zusammen waren, um uns mit dem überragenden Thema des Friedens zu befassen, entdeckten wir, daß die Dinge, die uns einen, wichtiger sind als die Dinge, die uns trennen". Es folgte dann ein Katalog, reichend von der Einheit der menschlichen Familie, von der Gleichheit und Würde aller Menschen über das „Gefühl" für die Unantastbarkeit des einzelnen, seines Gewissens, der menschlichen Gemeinschaft bis hin zur „tiefen Hoffnung, daß letztlich der gute Wille siegen wird".

Er hat konkrete, im Grund selbstverständliche Vorschläge parat: „Mißverständnisse abbauen, stereotype Feindbilder auflösen, Haß abbauen, Gemeinsamkeiten herausarbeiten."

Wenn aber jemand Mißverständnisse nicht ausräumen, Feindbilder nicht abbauen will? Jede Zeitung, jede Nachrichtensendung ist voll mit derartigen Scheußlichkeiten, bei denen Religionen mit fundamentalistischen Grundmustern (und das betrifft nicht nur Teile des Islam) andere nicht nur ausgrenzen, sondern auslöschen wollen. Woran soll man sich da noch halten, kann man mit Hans Küng fragen. Seine Antwort: Nicht nur Freiheit, sondern zugleich Gerechtigkeit, also Strukturwandel, versöhnte Vielfalt der Kulturen und „nicht nur Toleranz, sondern Ökumenismus". Zugegebenermaßen ist die Ökumene zwischen den christlichen Kirchen in das Stadium der Spannungslosigkeit abgesunken; kein, oder kaum mehr ein Zucken, wenn sozusagen ein blank liegender ökumenischer Nerv berührt wird.

Ein kleiner Ausritt Küngs wider die Glaubenskongregation und die Reka-tholisierung, die Küng mit Romani-sierung identifiziert, und dann: „Kann man ethisch leben, wenn man nicht an Gott glaubt?" Küng meint j a, und auch auf philosophischer Ebene lasse sich nicht wegdiskutieren, „daß dem Menschen als Vernunftwesen eine wirkliche menschliche Autonomie zukommt, die ihn auch ohne Gottesglauben ein Grundvertrauen in die Wirklichkeit realisieren und seine Verantwortung in der Welt wahrnehmen läßt; das ist Selbstverantwortung und Weltverantwortung".

Im Grunde geht es um die Wirklichkeit von Welt und Ich: „Im Grundvertrauen sagt der Mensch ein grundsätzliches und in der Praxis konsequent durchhaltbares Ja zur fraglichen Wirklichkeit seiner selbst und der Welt, in welchem er sich der Wirklichkeit öffnet."

Man muß hier einen Einschub machen: Wie konnte es kommen, daß ein Theologe, der in seiner Gefolgschaft natürlich viele mitführt, die es einfach genießen, von Rom argwöhnisch beäugt zu werden, weil man einem Wissenschafter folgt, dem die kirchliche Lehrbefugnis entzogen worden ist, dennoch ziemlich unbeirrt seinen Weg als katholischer Theologe weitergeht? Karl Rahner (der ja selbst schon Rede- und Schreibverbot vom damals noch Heiligen Offizium auferlegt erhalten hatte) hat ihn einmal gerügt, daß bei ihm, Hans Küng, nicht die ganze Katholizität durchkomme. Und dennoch hält der Reisende in Sachen Weltethos wahrscheinlich sehr viele Intellektuelle - ähnlich Eugen Biser, auf andere Weise freilich -noch in der römischen Kirche. Denn Küng ist ein Theologe, der alle „Wenn" und .Aber" nicht nur emstnimmt, sondern ausdiskutiert. Das hat also auch eine pastoraltheologische Seite, mit der sich offenbar noch niemand recht beschäftigt hat, weil man Küng, der lange genug Seelsorger war, diese Fähigkeit nicht zuschreibt, da er ja unentwegt reist und publiziert.

„Erfolgsethik ist überhaupt keine Ethik", sagt Küng, wehrt auch eine Gesinnungsethik ab, denn es „geht ja nicht nur um ,gut meinen', sondern auch darum, die Verantwortung abzuschätzen" - Erinnerungen an den kürzlich verstorbenen Hans Jonas und sein „Prinzip Verantwortung" kommen ins Gespräch.

Nochmals zurück zum Gottesverständnis der Religionen; die Religionen wollten immer mehr als Philosophie sein, auch mehr als eine Lehre von Gott, eine Theorie über Gott, ein Denken Gottes, formuliert unser Gesprächspartner. Das kann in die Richtung der Machtausübung gehen. Kann aber auch den „Deus abscondi-tus", den verborgenen Gott meinen, den die meisten Religionen in dieser Gestalt ebenso kennen.

Wäre also das Projekt des Weltethos' durch die Weltreligionen eines, das die Beliebigkeit in der Postmoderne ablöst? Ablösen könnte? Mit Sicherheit, denn, so formuliert Küng seinen Standpunkt, „eine Zeitanalyse, welche die religiöse Dimension ausklammert, ist defizient".

Bei diesem Humanismusgespräch zum Thema „Neues Denken - Neues Ethos" war noch viel von dieser Defi-zienz die Rede; in der Gestalt der De-struktivität.

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