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Spiritualität ist "in"

Ein Symposium in Wien ging dem "Megatrend" Spiritualität nach. Trotz unterschiedlicher Bewertungen: Der Trend ist eine neue Chance fürs Christentum.

I ch kenne Menschen, die vor großen Entscheidungen geistliche Exerzitien machen, dann das chinesische I Ging befragen und zur Absicherung das Ergebnis auspendeln", berichtet Hans-Joachim Höhn, Professor für Systematische Theologie in Köln. Spiritualität ist "in": Ein Megatrend? Mit dieser Frage beschäftigten sich Experten aus dem In- und Ausland bei einem interdisziplinären Symposiums, zu dem der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien, Paul Zulehner, eingeladen hatte.

Die religiöse Landschaft ist in Bewegung geraten: Menschen werden zu spirituellen Wanderern, vor allem Frauen. Hauptmotiv dieser "spirituellen Reisen" sind laut Zulehner komplexe Sehnsüchte: nach Weltflucht, aber auch Weltveränderung, nach Entgrenzung, aber auch neuen Formen, sich mit dem Kosmos zu vernetzen. Ein "Exodus ins Ego" sei genauso zu beobachten wie eine "Reise zum Du". Skepsis gegenüber etablierten religiösen Institutionen sind für die "neue" Szenerie genauso charakteristisch wie eine oft "leichtgläubige Unterwürfigkeit gegenüber Gurus".

Zur Zeit ist ein Gestaltwandel des Religiösen zu beobachten, darin waren sich die Experten einig. Höhn beschreibt diesen komplexen Prozess als Ineinander von "Dispersion, Liquidierung, Dekonstruktion". Das bedeutet: Das Religiöse zerstreut sich in andere gesellschaftliche Bereiche, religiöses "Treibgut" findet sich in Wirtschaft und Werbung, im Sport, in der Politik. Es verflüssigt sich, verdunstet, versickert, rekondensiert dann wieder an neuen Orten und findet sich verwässerter Form auch als eine Art Aura rund um Konsumgüter wieder.

Religiöses Treibgut überall

Wie dieser Vorgang zu deuten sei, darüber waren die Fachleute uneins. Höhn sieht in der "postsäkularen Kultur" eine neue Spielart fortschreitender Säkularisierung: "Dubletten eines ökonomischen Selbstverständnisses, das seinen Lebensstil nunmehr mit Spiritualität ästhetisiert." Anders der Bayreuther Religionswissenschafter Christoph Bochinger: Er kann der Veränderung der neuen religiösen Szenerie durchaus Positives abgewinnen: Religion sei keinesfalls verschwunden, sie werde heute anders thematisiert. Nicht nur das Säkulare bemächtige sich des Spirituellen, das Spirituelle diffundiere in eine säkulare Welt. Diese Modernisierung der Religion sei zum einen Verlust, aber auch Neubeginn.

Auch der Berliner Religionssoziologe Hubert Knoblauch betont die positiven Entwicklungen: Individualisierung und Privatisierung des Religiösen, typisch für den neuen Trend, bedeuten nicht, dass Religion bloße "Privatsache" oder "asozial" wären; als Widerstand gegen die radikale Ausdifferenzierung der Gesellschaft erkennt er in diesen Bewegungen eine "Verlebensweltlichung" der Religion: Spiritualität wird auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen wichtig.

Lifestyle-Religion für Reiche?

Das genuin Neue der veränderten Spiritualitäten möchte auch der Wiener Religionswissenschaftler Johann Figl wahrgenommen wissen: entscheidend sei dabei, mit welchen wissenschaftlichen und theologischen Religionsbegriffen man die Phänomene deute. Als "Lifestyle-Religion für Wohlhabende" wiederum kritisiert der Wiener Philosoph Rudolf Langthaler den Megatrend und zitiert Max Horkheimer: "Die Rückkehr zur Religion meint nicht, dass sie wieder an den Himmel glaubt, sondern dass es ihr zur besseren Einrichtung der Erde an Glauben gebricht, dass sie nichts mehr will als sich selbst".

Widersprüchlich die Analyse auch hier: Eros, Religion und Kunst fungieren als Gegenwelten zum "stählernen Gehäuse der Moderne", sie sind Ausdruck des Protests gegen eine positivistisch denkende und handelnde Welt, erinnert die Wiener Sozialethikern Ingeborg Gabriel an Max Webers Analyse der Moderne. Die Suche nach einer neuen Ethik verweise auf ein religiöses und moralisch-normatives Defizit moderner Gesellschaften.

Dagegen argumentiert Paul Zulehner: Im Menschen gebe es eine unzerstörbare Resistenz gegen eine radikale Vernützlichung und Verdiesseitigung des Menschen. Auch Knoblauch ortet eine positive Sehnsucht im Hintergrund: Die Hoffnung, es sei die Religion, die das ausständige Versprechen der Moderne, ein autonomer, freier Mensch zu werden, einlösen könne. Schließlich auch eine positive theologische Vermutung: Ob nicht auch in den religiösen Suchbewegungen der treue Gott selbst sich wieder in Erinnerung rufen könnte, der dazu auffordert, eine Entscheidung zu treffen, welchem Gott wir folgen wollen?

Religion als menschliche Praxis sei nicht per se ident mit Offenbarung und dem Glauben an den Gott der Bibel. Die massive Religionskritik der Bibel, insbesondere des Alten Testaments, mache es für das Christentum nicht so ohne weiteres möglich, sich als "Anbieter" auf einem religiösen "Markt" zu positionieren, mahnte der Wiener Alttestamentler Georg Braulik.

Christliche Spiritualität unterscheide sich an vielen Punkten von den modernen Spiritualitäten, das Wort Spiritualität bezeichne daher sehr divergente Lebensweisen, erinnert der Wiener Theologieprofessor Josef Weismayer. Es brauche eine Unterscheidung der Geister, eine theologische Religionskritik, waren sich die Theologen einig. Diese müsse auch die Erkenntnisse moderner Human- und Sozialwissenschaften berücksichtigen. Den neuen Phänomenen - die auch innerkirchlich stark anzutreffen sind - sei in wertschätzender Wahrnehmung zu begegnen, ohne vorher immer schon zu wissen, was richtig oder falsch sei, sagte Zulehner. Entscheidend sei auch, dass die Kirchen selbst ihre Spiritualitäten neu beleben und bereit seien, Lernende zu werden.

"Mercedes" des Religiösen

Das Christentum sei noch nicht am Ende. Katholisch zu sein, sei heute zwar bereits das eigentlich Esoterische, meinte der Grazer Sozialethiker Kurt Remele; dennoch seien die Kirchen auf dem religiösen Markt der "Mercedes Benz" des Religiösen, waren sich vor allem die Soziologen einig. Aus diesem Selbstbewusstsein kreative Visionen einer eigenen Identität zu entwickeln, sei die Herausforderung der Stunde.

"Auch der Staat wird zum Phänomen des Religiösen ein neues Verhältnis finden müssen", meinte Zulehner. Nach dem Verlust des kirchlichen Deutemonopols brauche es von Seiten der Politik eine neue Sensibilität und Verantwortung gegenüber religiösen Phänomenen: Politiker könnten die religiösen Befindlichkeiten der Menschen als Lesehilfen wahrnehmen, Rückschlüsse auf den gesellschaftlich und politischen Zustand zu ziehen.

Die Autorin ist Assistentin am Institut für Pastoraltheologie der Universität Wien.

Das Symposium war Auftakt zur Ringvorlesung "Spiritualität - Mehr als ein Megatrend?", die ab 15. Oktober 2003 wöchentlich an der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien stattfinden wird.

Infos, Thesenpapier Vorlesungsüberblick: www.ktf.univie.ac.at/megatrend

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