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Religion fragt unbequem

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Eine von der Ökonomie dominierte Gesellschaft verlangt nach Religion als Trostpflaster. Doch gerade das Christentum ist alles andere als eine Vertröstung.

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Eine von der Ökonomie dominierte Gesellschaft verlangt nach Religion als Trostpflaster. Doch gerade das Christentum ist alles andere als eine Vertröstung.

Religion ist Privatsache - diese Auffassung war im Rahmen eines Politik und Gesellschaft durchdringenden Katholizismus eine Errungenschaft, die in besonderem Maße auch dem Schutz Andersdenkender, der Toleranz gegenüber religiösen und weltanschaulichen Minderheiten diente. Dennoch hat diese eingängige Formel auch eine (gefährliche) Schlagseite. Sie beschränkt das Bedeutungsfeld von Religion auf das Private, auf die persönliche Innenwelt. Welches Bild von Religion und Glauben aber steckt dahinter, wenn man meint, dass sie in der Gestaltung des öffentlichen, des institutionellen und des gesellschaftlichen Lebens nichts zu sagen hätten? - Vermutlich ein eingeschränktes: Religion ist etwas für die Privatperson. Eher soll sie der Seele Verwundungen heilen als zur Einnahme einer politischen Position "verführen". Häufig begegnet dieses Bild von Religion auch im Kontext des aktuellen Spiritualitätsbooms: die von Arbeit und Beruf ausgelaugte Kreatur sucht nach Balsam für Seele (und Leib) im Schoße verschiedener spiritueller Strömungen (Esoterik, New Age, Astrologie ...).

Religion als Gegenwelt Dass Religion als Privatsache gesehen wird, hängt auch mit einer Aufteilung der modernen Welt zusammen: Auf der einen Seite durchziehen Rationalität, Produktivitätssteigerung, Technisierung und in einem immer stärkeren Ausmaß auch die Ökonomisierung unser Leben. Vernunft, Beschleunigung, Rationalisierung in Beruf und Öffentlichkeit sind Kennzeichen dieses Modernisierungsstranges. Hier geht es also um Werte wie Leistung und Effizienz. Auf der anderen Seite - quasi als Gegenwelt dazu - stehen die individuellen Bedürfnisse nach Sinn, nach Beziehungen, nach Nähe und menschlicher Geborgenheit. In dieser (Gegen-)Welt zählt nicht nur, was Geld und Erfolg einbringt, sondern der je spezifische Mensch als Individuum, das sich nach Zuneigung und persönlicher Anerkennung sehnt. Geborgenheit, Fürsorge und Mitmenschlichkeit gehören zum moralischen Code dieser Gegenwelten, die sich in persönlichen Beziehungen und Freundschaft, in der Familie, aber auch in den an sich "nutzlosen" Bereichen wie Kunst und Religion ausdrückt.

Die Kunst nämlich widmet sich dem "Schönen" - was auch immer man subjektiv darunter versteht - und nicht dem Nützlichen. Familie und Liebe stehen zumindest unter dem Anspruch, eine Welt der authentischen und gefühlvollen Gestaltung von persönlichen Beziehungen, von Anteilnahme und Empathie zu repräsentieren, während allzu "Zwischenmenschliches" im Hauptstrang der Modernisierung viel eher als störend empfunden wird. Und Religion kommt im Rahmen gängiger Alltagsvorstellungen die simple Aufgabe zu, im Leid zu trösten, an den Sinn des Lebens zu erinnern und die Menschen umfassend wiederaufzurichten. Zusammengenommen entspricht der Modernisierungsstrang eher traditionellen männlichen Werten, die Gegenwelt eher den klassisch weiblichen. Während Männer eher das rationale moderne Fortschrittsideal verkörpern, obliegen den Frauen mehr (manchmal nur symbolisch) die anderen Welten.

Aufs erste könnte man nun annehmen, dass diese beiden Welten einander ganz gut ergänzen. Dieser harmonische Friede trügt allerdings, wie ich meine. Vielleicht funktionierte die Ergänzung eine gewisse Zeit (etwa in den fünfziger Jahren); heute allerdings spüren viele am eigenen Leib, dass ein Ungleichgewicht herrscht. Es ist nämlich in erster Linie der Modernisierungsstrang, der das Tempo und die Gestalt der Welt bestimmt, während die Gegenwelten immer mehr nur mehr reagieren. Nicht sie geben die Gestalt unserer Welt vor, sondern gleichen bloß aus, indem sie die negativen Folgen des Modernisierungsprozesses therapieren. Die "andere" Logik der Gegenwelten ist der dominant technisch-ökonomischen Rationalität nach- beziehungsweise untergeordnet - also zweitrangig und für das Ganze weniger bestimmend.

Obwohl zweitrangig, haben diese Gegenwelten aber eine wichtige Funktion: sie sollen heilen und Sinn stiften in einer Welt, die in ihrer öffentlichen Dimension vielfach von Verlusten und Verarmungen geprägt ist. Die Gegenwelten reagieren auf die durch die "kalte" Modernisierung unerfüllten Bedürfnisse nach Sinndeutung und Zuwendung, indem sie die zugefügten Schäden an Leib und Seele kompensieren.

Beruhigen, kalmieren Doch es stellt sich die Frage, wie lange diese Gegenwelten noch ihre ergänzende Aufgabe wahrnehmen werden wollen oder können, ohne selbst mehr Beachtung zu finden. Vor allem die Kunst, aber auch die Frauen, die vielfach als die Repräsentantinnen dieser Gegenwelten schlechthin fungierten, haben längst begonnen, die zugewiesene Ausgleichsrolle zu verweigern. Moderne Kunst will nicht mehr nur das "Schöne" als angenehmen Kontrast zur Grausamkeit der Welt abbilden, sondern die Zerrissenheit und Brüchigkeit der Welt selbst mit künstlerischen Mitteln sichtbar machen. Die Brüche und Mängel der modernen Welt sollen nicht "behübscht", sondern offengelegt werden. Denn erst der ungeschönte Blick auf die Wirklichkeit kann in uns den Wunsch nach Veränderung erwecken.

Ein anderes Beispiel: Auch Frauen haben im Zuge der so genannten zweiten Frauenbewegung in den siebziger Jahren begonnen, die ihnen zugewiesene Ausgleichsrolle zu verweigern. Die Sorge um das schöne Heim hat ausgedient; Frauen streben danach, auch im öffentlichen Bereich von Beruf und Politik Entfaltungsmöglichkeiten und Anerkennung zu erlangen.

Auch den Familien wurde lange Zeit die Ausgleichsfunktion zugedacht. Sie sollten als menschliche Naherholungsgebiete Oasen der Geborgenheit inmitten des rauen Alltags bilden. Doch auch diese Erwartung erfüllt sich zusehends immer weniger: innerfamiliäre Gewalt und Scheidung, aber auch externe Bedrohungen durch die neuen Unsicherheiten am Arbeitsmarkt verdüstern die heile Welt der Familie. Dass dies für das gesellschaftliche Ordnungsgefüge insgesamt zunehmend als Bedrohung wahrgenommen wird, spiegelt sich unter anderem darin, dass Familienpolitik (Kindergeld et cetera) wieder zu einem politischen Thema ersten Ranges wird.

Auch Religion wird vielfach im Rahmen dieses modernen Selbstverständnisses von der Zweiteilung der Welt wahrgenommen. Gerade angesichts der Opfer und Einschränkungen, die der Totaleinsatz für den Modernisierungsprozess vielen abverlangt, soll wenigstens Religion die individuellen geistigen und geistlichen Bedürfnisse nach Ganzwerdung und Sinn befriedigen. Dabei scheint häufig der religiöse Inhalt ziemlich egal, die Aufgabe des spirituell-therapeutischen Ausgleichs aber um so wichtiger zu sein. Hier dominiert ein rein funktionalistisches Verständnis von Religion, welches allerdings der Gefahr unterliegt, sich an die herrschenden, unveränderlich erscheinenden modernen Rahmenbedingungen anzupassen.

Keine Besänftigung Als Gegenwelt kann Religion zwar Trost spenden, aber die Welt in ihrer Gesamtgestalt kaum beeinflussen. Diese Weltlosigkeit aber steht in einem diametralen Gegensatz zum christlichen Selbstverständnis, selbst wenn es in der christlichen Tradition Zeiten und Epochen gab, in denen das komplementär-kompensatorische Verständnis dominierte.

Dennoch weisen etwa biblische Traditionen ein anderes Verständnis. Jahwe erweist sich zwar als ein Gott, der auch tröstet und aufbaut, sich aber darin nicht erschöpft. Im Gegenteil: Jahwe hat das kleine unterdrückte Volk nicht in Ägypten belassen und mit Trostpflastern versehen, sondern herausgeführt aus dem Sklavenhaus und in ein neues Land, ein Land, wo Milch und Honig fließen, hineingeführt. Der Gott Jesu ist kein Gott, der die Herzen der Leidenden mild besänftigt, damit sie anschließend umso besser funktionieren; auch keiner, der bloß auf das Jenseits vertröstet. Jesus verkündet die Gegenwart und das Kommen eines Gottes und seines Reiches, das die Welt letztlich verändert: Blinde sehen, Lahme gehen, Hungernde essen, die Mächtigen stürzen vom Thron und die Niedrigen werden erhöht.

Auf heute übertragen, durchbricht die biblische Botschaft vom Reich Gottes unser Einverständnis in das, wie die Moderne in ihren negativen Folgen eben läuft und damit auch das Einverständnis in die kompensatorische Aufgabenzuweisung von Religion. Demnach geht es christlichem Glauben nicht um den privatisierenden Rückzug, sondern darum, Religion auch als Quelle für das Engagement zu verstehen, das dazu führt, die negativen Konsequenzen manch moderner Entwicklung von der Wurzel her zu verändern.

Die Autorin ist Assistentin am Inst. f. Ethik u. Sozialwissensch. der Kath.-Theol. Fakultät Wien.

Ankündigung Ein Sammelband zur Ringvorlesung "Theologie und Politik" wird im Herbst 2001 erscheinen: Einmischungen - Zur politischen Relevanz der Theologie. Hg. von Ingeborg Gabriel, Christa Schnabl und Paul M. Zulehner, Schwabenverlag, Stuttgart.

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