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Bildung

"Schummeln geht nicht mehr so leicht"

1945 1960 1980 2000 2020
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Die Schule in der Klusemannstraße in Graz ist bisher das einzige Gymnasium, das beim Schulversuch Neue Mittelschule teilnimmt. Die Einrichtung hat bereits eine langjährige Erfahrung als Gesamtschule.

Der Schüler ist nervös. Er steht vor der Tafel und präsentiert ein ausgewähltes Buch. Er muss frei sprechen, eine Textpassage vorlesen und Angaben zum Buch auf einem Plakat festhalten. Er verhaspelt sich manchmal bei den Zeitformen. Aufmerksam oder etwas ermüdet hören die Mitschüler zu.

Eine gewöhnliche Deutschstunde in einer dritten Klasse Unterstufe - fast: Denn so gewöhnlich ist das Szenario nicht. Es ist eine Deutschstunde an einer Neuen Mittelschule (NMS). So nennt sich der umstrittene Schulversuch einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen, der seit dem Startschuss im September beweisen muss, was er besser kann als das bisherige System der Selektion ab der vierten Klasse Volksschule. Der Unterricht findet am Bundesgymnasium und an der bisherigen Kooperativen Mittelschule Klusemannstraße in Graz statt, bisher das einzige Gymnasium, das beim Schulversuch mitmacht, ansonsten nehmen nur Hauptschulen teil.

Keine Etiketten mehr

Ungewöhnlich ist zudem die Unterrichtsform: Eine Deutschlehrerin und ihr Fachkollege unterrichten diese dritte Klasse gemeinsam. Team-Teaching, so der Begriff. Für die 12- und 13-jährigen Teenies eine ganz normale Sache. Nachdem der Schüler seine Präsentation beendet hat, gibt ihm Deutschlehrer Günter Siegel einfühlsam, aber deutlich ein Feedback, was lief gut, was weniger. Bei der nachfolgenden Schreibübung erklärt Lehrerin Gertraud Grimm die Aufgabenstellung, während die einen Schüler loslegen, befasst sich ihr Kollege mit einem Schüler etwas eingehender. Die Vorteile des Team-Teaching, so die Lehrer: Man könne Kleingruppen bilden, die Schüler je nach Schwächen und Stärken fördern. Einige Schüler bestätigen dies: Es sei immer ein Lehrer da, der einem helfe. Nur schummeln geht nicht mehr so leicht, meint eine Schülerin.

Auch für die Lehrer. In Teams wird in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Ökologie unterrichtet. Es gibt unterschiedliche Konstellationen, manchmal unterrichten Hauptschullehrer und AHS-Lehrer gemeinsam, je nachdem. Unterschiede zwischen den beiden Lehrertypen für die erste Sekundarstufe würden an dieser Schule ohnehin verschwimmen. Es gebe da keine Kluft zwischen den zwei Lehrertypen mit unterschiedlicher Ausbildung, sagt Direktor Klaus Tasch. Auf traditionelle Etiketten - Herr/Frau Fachlehrer für Lehrende der HS oder Herr/Frau Professor für AHS-Pädagogen - wird daher verzichtet. Lehrende werden ganz einfach mit dem Nachnamen angeredet. Eine neue Tradition. Für die Schule Klusemannstraße bereits eine alte: Team-Teaching gibt es an dieser Schule im Westen von Graz nicht erst seit September als wesentliches Element des NMS-Konzeptes, auch die umstrittene Gesamtschule wird an der Unterstufe schon seit Eröffnung der Schule 1991 praktiziert. Am Sinn und Erfolg dieses Modells will hier freilich niemand zweifeln. Im Herbst wurde quasi ein erprobtes Modell in das Projekt Neue Mittelschule eingegliedert. Das pädagogische Konzept habe nur leicht adaptiert werden müssen, so Direktor Tasch. Alle weiteren Eckpfeiler des Konzepts seien schon vorher erprobt worden: etwa Team-Teaching, Kleingruppenunterricht zur individuellen Förderung der Kinder. Die Schule ist eine von 30 Modellstandorten in der Steiermark, dem Bundesland mit der bisher stärksten Beteiligung. SPÖ und ÖVP stehen in dem Bundesland hinter dem Konzept. Auf Bundesebene hält die ÖVP am bisherigen System fest. Im kommenden Schuljahr werden es in der Steiermark um fünf HS mehr.

Die Vorbehalte der AHS sind aber nach wie vor groß. Das waren sie auch stets gegenüber der Schule in der Klusemannstraße. "Wir hatten lange das Image einer Schule, an der Leistung nichts zählt und an der man weniger lernt - das hat sich inzwischen gelegt", sagt Tasch: "Es gibt bei den AHS-Lehrern eben ein gewisses Standesbewusstsein. Man hat Angst, etwas verlieren zu können. Manche haben Angst, dem methodisch nicht gewappnet zu sein. Es gibt viele AHS-Lehrer, die sehr gut methodisch gewappnet wären. Aber jene, die hier Ängste haben, dominieren die Stimmung", erklärt der Direktor. "Jede Institution will sich selbst erhalten", so Tasch. Vielleicht würden die AHS-Schulen ja ihre Meinung ändern, wenn Schülerzahlen einbrechen.

Die Schule an der Klusemannstraße musste hingegen Schüler ablehnen. Einer der Erfolgsindikatoren für Direktor Tasch. Eine wissenschaftliche Evaluierung des Schulkonzepts erfolgt aber erst jetzt im Rahmen der Neuen Mittelschule. Zudem hätten auch externe Vorsitzende bei der Matura, die sich von den Leistungen der Schüler überzeugen konnten, zur Image-Besserung beigetragen. Bei Schülern, die von anderen Schulen dazukommen, würde man auch sehen, dass sie in Kompetenzen wie Teamfähigkeit, bei eigenständigen Recherchen oder Präsentationen noch nicht so stark seien wie Schüler dieser Schule, so Tasch' Beobachtung. Diese Kompetenzen sind Schwerpunkte der Schule, ebenso soziales Lernen. Was auch für Lehrer gilt: "Wer einmal im Team unterrichtet hat, der will es nicht mehr aufgeben", meint Tasch in Richtung AHS-Lehrer an anderen Schulen mit Vorbehalten.

"Schwächere hinaufgezogen"

Seine Kollegin Grimm stimmt zu. Die AHS-Lehrerin unterrichtet seit sieben Jahren an dieser Schule. Ihre Erfahrung mit einer gemeinsamen Schule: "Die Schwächeren werden von den Stärkeren hinaufgezogen, nicht umgekehrt." Sie verweist auf Projekte, bei denen Ergebnisse nur möglich waren, weil auch leistungsstarke Schüler mitwirkten. Einige Schüler der AHS-Oberstufe, die in der Unterstufe bereits in einer gemeinsamen Schulform waren, sind in einer ersten Reaktion mit der Schule zufrieden. Auf die Frage, was besser laufen könnte, fällt ihnen zunächst nichts ein, erst auf Nachfrage kritisieren zwei Mädchen, dass der Unterricht aufgrund schwächerer Schüler oftmals zu langsam vorangeschritten sei. "Die Schwächeren fragten zu oft nach", so eine 16-Jährige. Und manchmal würden dann eben die Lernstärkeren die Antwort geben, weniger einfühlsam als der Lehrer, aber oft mit mehr Wirkung, so Grimm.

Die Schule in der Klusemannstraße in Graz ist bisher das einzige Gymnasium, das beim Schulversuch Neue Mittelschule teilnimmt. Die Einrichtung hat bereits eine langjährige Erfahrung als Gesamtschule.

Der Schüler ist nervös. Er steht vor der Tafel und präsentiert ein ausgewähltes Buch. Er muss frei sprechen, eine Textpassage vorlesen und Angaben zum Buch auf einem Plakat festhalten. Er verhaspelt sich manchmal bei den Zeitformen. Aufmerksam oder etwas ermüdet hören die Mitschüler zu.

Eine gewöhnliche Deutschstunde in einer dritten Klasse Unterstufe - fast: Denn so gewöhnlich ist das Szenario nicht. Es ist eine Deutschstunde an einer Neuen Mittelschule (NMS). So nennt sich der umstrittene Schulversuch einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen, der seit dem Startschuss im September beweisen muss, was er besser kann als das bisherige System der Selektion ab der vierten Klasse Volksschule. Der Unterricht findet am Bundesgymnasium und an der bisherigen Kooperativen Mittelschule Klusemannstraße in Graz statt, bisher das einzige Gymnasium, das beim Schulversuch mitmacht, ansonsten nehmen nur Hauptschulen teil.

Keine Etiketten mehr

Ungewöhnlich ist zudem die Unterrichtsform: Eine Deutschlehrerin und ihr Fachkollege unterrichten diese dritte Klasse gemeinsam. Team-Teaching, so der Begriff. Für die 12- und 13-jährigen Teenies eine ganz normale Sache. Nachdem der Schüler seine Präsentation beendet hat, gibt ihm Deutschlehrer Günter Siegel einfühlsam, aber deutlich ein Feedback, was lief gut, was weniger. Bei der nachfolgenden Schreibübung erklärt Lehrerin Gertraud Grimm die Aufgabenstellung, während die einen Schüler loslegen, befasst sich ihr Kollege mit einem Schüler etwas eingehender. Die Vorteile des Team-Teaching, so die Lehrer: Man könne Kleingruppen bilden, die Schüler je nach Schwächen und Stärken fördern. Einige Schüler bestätigen dies: Es sei immer ein Lehrer da, der einem helfe. Nur schummeln geht nicht mehr so leicht, meint eine Schülerin.

Auch für die Lehrer. In Teams wird in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Ökologie unterrichtet. Es gibt unterschiedliche Konstellationen, manchmal unterrichten Hauptschullehrer und AHS-Lehrer gemeinsam, je nachdem. Unterschiede zwischen den beiden Lehrertypen für die erste Sekundarstufe würden an dieser Schule ohnehin verschwimmen. Es gebe da keine Kluft zwischen den zwei Lehrertypen mit unterschiedlicher Ausbildung, sagt Direktor Klaus Tasch. Auf traditionelle Etiketten - Herr/Frau Fachlehrer für Lehrende der HS oder Herr/Frau Professor für AHS-Pädagogen - wird daher verzichtet. Lehrende werden ganz einfach mit dem Nachnamen angeredet. Eine neue Tradition. Für die Schule Klusemannstraße bereits eine alte: Team-Teaching gibt es an dieser Schule im Westen von Graz nicht erst seit September als wesentliches Element des NMS-Konzeptes, auch die umstrittene Gesamtschule wird an der Unterstufe schon seit Eröffnung der Schule 1991 praktiziert. Am Sinn und Erfolg dieses Modells will hier freilich niemand zweifeln. Im Herbst wurde quasi ein erprobtes Modell in das Projekt Neue Mittelschule eingegliedert. Das pädagogische Konzept habe nur leicht adaptiert werden müssen, so Direktor Tasch. Alle weiteren Eckpfeiler des Konzepts seien schon vorher erprobt worden: etwa Team-Teaching, Kleingruppenunterricht zur individuellen Förderung der Kinder. Die Schule ist eine von 30 Modellstandorten in der Steiermark, dem Bundesland mit der bisher stärksten Beteiligung. SPÖ und ÖVP stehen in dem Bundesland hinter dem Konzept. Auf Bundesebene hält die ÖVP am bisherigen System fest. Im kommenden Schuljahr werden es in der Steiermark um fünf HS mehr.

Die Vorbehalte der AHS sind aber nach wie vor groß. Das waren sie auch stets gegenüber der Schule in der Klusemannstraße. "Wir hatten lange das Image einer Schule, an der Leistung nichts zählt und an der man weniger lernt - das hat sich inzwischen gelegt", sagt Tasch: "Es gibt bei den AHS-Lehrern eben ein gewisses Standesbewusstsein. Man hat Angst, etwas verlieren zu können. Manche haben Angst, dem methodisch nicht gewappnet zu sein. Es gibt viele AHS-Lehrer, die sehr gut methodisch gewappnet wären. Aber jene, die hier Ängste haben, dominieren die Stimmung", erklärt der Direktor. "Jede Institution will sich selbst erhalten", so Tasch. Vielleicht würden die AHS-Schulen ja ihre Meinung ändern, wenn Schülerzahlen einbrechen.

Die Schule an der Klusemannstraße musste hingegen Schüler ablehnen. Einer der Erfolgsindikatoren für Direktor Tasch. Eine wissenschaftliche Evaluierung des Schulkonzepts erfolgt aber erst jetzt im Rahmen der Neuen Mittelschule. Zudem hätten auch externe Vorsitzende bei der Matura, die sich von den Leistungen der Schüler überzeugen konnten, zur Image-Besserung beigetragen. Bei Schülern, die von anderen Schulen dazukommen, würde man auch sehen, dass sie in Kompetenzen wie Teamfähigkeit, bei eigenständigen Recherchen oder Präsentationen noch nicht so stark seien wie Schüler dieser Schule, so Tasch' Beobachtung. Diese Kompetenzen sind Schwerpunkte der Schule, ebenso soziales Lernen. Was auch für Lehrer gilt: "Wer einmal im Team unterrichtet hat, der will es nicht mehr aufgeben", meint Tasch in Richtung AHS-Lehrer an anderen Schulen mit Vorbehalten.

"Schwächere hinaufgezogen"

Seine Kollegin Grimm stimmt zu. Die AHS-Lehrerin unterrichtet seit sieben Jahren an dieser Schule. Ihre Erfahrung mit einer gemeinsamen Schule: "Die Schwächeren werden von den Stärkeren hinaufgezogen, nicht umgekehrt." Sie verweist auf Projekte, bei denen Ergebnisse nur möglich waren, weil auch leistungsstarke Schüler mitwirkten. Einige Schüler der AHS-Oberstufe, die in der Unterstufe bereits in einer gemeinsamen Schulform waren, sind in einer ersten Reaktion mit der Schule zufrieden. Auf die Frage, was besser laufen könnte, fällt ihnen zunächst nichts ein, erst auf Nachfrage kritisieren zwei Mädchen, dass der Unterricht aufgrund schwächerer Schüler oftmals zu langsam vorangeschritten sei. "Die Schwächeren fragten zu oft nach", so eine 16-Jährige. Und manchmal würden dann eben die Lernstärkeren die Antwort geben, weniger einfühlsam als der Lehrer, aber oft mit mehr Wirkung, so Grimm.