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Der genormte Schüler

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Die bundesweiten Bildungsstandard-Testungen sollen Schülerleistungen vergleichbar machen. Ein Blick nach Großbritannien zeigt die Nebenwirkungen solcher Tests.

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Die bundesweiten Bildungsstandard-Testungen sollen Schülerleistungen vergleichbar machen. Ein Blick nach Großbritannien zeigt die Nebenwirkungen solcher Tests.

"Kein Schummeln! Jeder schaut auf seinen eigenen Zettel!", mahnt Englisch-Lehrerin Elke Köhldorfer, während sie Arbeitsblätter mit Multiple-Choice-Fragen austeilt. "Lest die Angabe nur einmal durch und beantwortet die Fragen schnell!" Schon ist es mucksmäuschenstill in der 4b-Klasse der Neuen Mittelschule Engelsdorf in Graz. Nur das Kratzen der Federn und ein paar angestrengte Seufzer sind zu hören. Nach wenigen Minuten ruft der erste Schüler "Ich bin fertig!", kurz später geht die Pädagogin die Ergebnisse gemeinsam mit der Klasse durch. Im Lehrerzimmer erzählt sie: "Eigentlich sollten wir die Bildungsstandards auch erreichen, ohne zu üben. Aber ich möchte, dass meine Schüler sich nicht vom hohen Test-Niveau überfallen fühlen."

Am Mittwoch haben alle 83.000 Schüler der achten Schulstufe an den Bildungsstandard-Testungen im Fach Englisch teilgenommen: Sie haben einen zweistündigen Test in den Bereichen Schreiben, Lesen und Hören absolviert. Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) meint, es brauche einen nationalen Qualitäts-Check: "Bisher waren wir bei der Bewertung des Unterrichts auf internationale Studien konzentriert. Nun sollen die Bildungsstandards Lehrer dabei unterstützen, ihren Unterricht zu verbessern."(siehe BIFIE-Interview unten)

Verunsicherung bei den Lehrern

Englisch-Lehrerin Köhldorfer empfindet die bildungspolitischen Anforderungen als widersprüchlich: "Einerseits sollen wir in der Neuen Mittelschule stärkere und schwächere Schüler differenziert fördern. Andererseits werden alle mittels eines Standard-Tests über einen Kamm geschoren." Die erfahrene Pädagogin ist trotzdem gespannt auf die Ergebnisse ihrer Klassen. Sollten diese nicht den Erwartungen entsprechen, wäre sie verunsichert: "Denn die Ziele des Lehrplans erreichen wir ja, die meisten haben gute Noten. Hätte ich meinen Unterricht dann auf die Bildungsstandards hin auszurichten und nicht mehr auf den Lehrplan?"

Die Schüler der 4b-Klasse nehmen den Test gelassen: "Es sollte mehr solcher Testungen und weniger echte Schularbeiten mit klassischer Benotung geben", meint der 15-jährige Philipp. Auch seine Klassenkameradin Antonia misst dem Test nicht allzu große Bedeutung bei: "Falls ich mich im Winter noch daran erinnere, werde ich mein Ergebnis zu Hause abrufen."

Im Dezember können die Schüler ihr eigenes Ergebnis online einsehen, die Lehrer die anonymisierten Einzelleistungen ihrer Schüler und die Direktoren die Ergebnisse der einzelnen Schulklassen. Bis dahin sollen die jeweiligen Ergebnisse mit dem derzeitigen Österreich-Schnitt und mit dem angestrebten Niveau der Bildungsstandards verglichen werden. Weil die Lehrer die einzelnen Schülerleistungen nicht erfahren, seien diese nicht sonderlich motiviert, weiß Köhldorfer: "Die Schüler sind auf Noten konditioniert, können mit den abstrakten Kompetenz-Zielen des BIFIE nichts anfangen."

Im Vorjahr hat ihr Kollege Karl Kahlbacher Erfahrungen mit den ersten Bildungsstandard-Testungen im Fach Mathematik gemacht: "Ich fand es hilfreich, eine Rückmeldung zu meinem Unterricht zu erhalten und im Fachteam Verbesserungen zu entwickeln." Das Ergebnis der NMS Engelsdorf lag im Spitzenfeld der Grazer Hauptschulen und Neuen Mittelschulen. "Da wird schon ein fairer Vergleich zwischen Schülern mit ähnlichem sozioökonomischem Hintergrund angestellt", so der Mathematiker. Ein offizielles Ranking der Schulen wurde nicht erstellt, doch die Bezirks- und Landesschulräte erfahren die Ergebnisse der Schulen.

Zu welchen Auswüchsen Standard-Tests führen können, zeigt ein Blick nach Großbritannien: Dort sind Schulrankings längst üblich - und sehr umstritten. Sämtliche Schulen müssen sich regelmäßig rigorosen externen Evaluationen durch die Schulaufsichtsbehörde stellen. Anschließend werden Qualitätsberichte veröffentlicht, die massiven Druck auf Schüler, Lehrer und Eltern ausüben können. "Die Presse erstellt Rankings über die 'schlechtesten' und 'besten' Schulen, worüber die Schulleitungen aufgebracht sind", berichtet Norbert Pachler, Leiter der internationalen Lehrerausbildung am Institute of Education der University of London. "Ich kann mir gut vorstellen, dass es nicht lange dauern wird, bis sich durch die OECD und PISA solche Systeme auch im restlichen Europa breit machen", befürchtet Pachler.

Vor allem im angelsächsischen Raum, aber auch bereits in Skandinavien geht der Trend zu standardisierten Tests und Rankings mit einem wachsenden ökonomischen Einfluss auf das Schulsystem einher. Seit Beginn der Finanzkrise 2007 mischen dort zunehmend private Investoren im Schulsystem mit. Das hat zur Folge, dass Unternehmen sogar in die Unterrichtsgestaltung eingreifen können: "Es gibt Firmenketten, die bis zu 30 Schulen gekauft oder gegründet haben und diese nach marktwirtschaftlichen Prinzipien leiten. Bildung ist dabei, vom Allgemeingut zur Ware zu werden", berichtet Erziehungswissenschaftler Pachler.

Bildungsreform mit unternehmensberatung

Die jüngste Bildungsreform in Großbritannien hat die Regierung 2010 nicht gemeinsam mit den Universitäten entwickelt, sondern mit der Unternehmungsberatung McKinsey. Pädagoge Pachler betrachtet die beiden McKinsey-Studien zur Qualitätsentwicklung von Schulsystemen mit Skepsis: "Schulen in völlig unterschiedlichen Ländern wie den USA, Singapur oder Finnland wurden oberflächlich miteinander verglichen." Der Wissenschaftler erklärt sich das unglückliche Verhältnis von Regierung nd Unis folgend: "Die Politik verfolgt kurzfristige Interessen, während sich unsere Studien oft über Jahrzehnte ziehen."

Die betroffenen Schulen versuchen sich mit möglichst guten Ranking-Platzierungen im Wettbewerb um die Schüler zu behaupten. Denn ohne üppige Budgets können sich die Schulen keine attraktiven Lehrergehälter und keine erfahrenen Lehrkräfte leisten. Jeder britische Lehrer erhält jährlich ein "Zeugnis": Sein Fortschritt oder Mangel an Erfolg wird genau analysiert, Ziele für das Folgejahr werden formuliert, berichtet Sprachenlehrer Edward Hill, der an der Aylesbury Grammar School unterrichtet: "Dadurch stehen wir Lehrer unter großem Druck, die Leistungen der Kinder zu maximieren, um die Eltern und die Schulleitung zufrieden zu stellen. Wenn ein Kind sich nicht steigert, kann sein Versagen auf den Unterricht des Lehrers zurückgeführt werden. An manchen Schulen befürchten wir Sanktionen, die von einer Gehaltskürzung bis zur Kündigung reichen könnten." Eine weitere Nebenwirkung der Evaluierungen: Dokumentationsarbeiten machen einen wachsenden Anteil des Arbeitsvolumens an Schulen aus.

"Gerade bei älteren Schülern herrscht großer Druck, die Ergebnisse für die Zulassung zur gewünschten Uni zu pushen", so Hill. Der Pädagoge kritisiert, wie Tests letztlich auf Kosten der Schüler missbraucht werden: "Sie sollen gute Resultate liefern, um den Ruf der Schule zu verbessern. Am Ende vergessen wir noch, dass wir es mit jungen Menschen in einer sensiblen Lebensphase zu tun haben, nicht mit Robotern."

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