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Modellßir die Zukunft der Schule

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Sich selbst zu fordern lernen Kinder in einem deutschen Modell im katholischen Bereich: in der „Marchtaler Plan-Schule". Zieht Österreich nach?

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Sich selbst zu fordern lernen Kinder in einem deutschen Modell im katholischen Bereich: in der „Marchtaler Plan-Schule". Zieht Österreich nach?

Welches Wetter kündigen Haufen-wölken an?" Der kleine Meteorolo-;e kaut nachdenk-ich an seiner Füllfeder und beginnt dann eifrig zu schreiben. Neben ihm wandeln zwei Mädchen Dezimeter in Zentimeter um. Ein Mädchen blättert eifrig im Wörterbuch. „Wörter suchen!", lautet die Antwort auf meine Frage, welche Aufgabe sie sich für diese Stunde gestellt hat. Diese Kinder besuchen die dritte Klasse der Katholischen Freien Grundschule Biberach-Rißegg am Bischof-SproU-Bildungs-zentrum in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Hier wird nach dem „Marchtaler Plan" unterrichtet.

„Der Marchtaler Plan ist der Er-ziehungs- und Bildungsplan für die katholischen Freien Grund- und Hauptschulen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Er dient der Verwirklichung der Zielsetzung katholischer Schulen. Er stellt eine in sich geschlossene und durchgängige Konzeption von Erziehung und Bildung von der Klasse 1 der Grundschule bis Klasse 9 der Hauptschule dar." Dieser Bildungsplan wurde vorwiegend an der „Kirchlichen Akademie der Lehrerfortbildung Obermarchtal", einem ehemaligen Prämonstraten-serstift, entwickelt; daher der Name „Marchtaler Plan".

Vier „Säulen" tragen den Unterricht nach dem Marchtaler Plan: Im vernetzten Unterricht wird ein Thema aus der Sicht der verschiedenen Fächer behandelt: So kommen etwa in der Unterrichtseinheit „Lebendiges Wasser" der Kreislauf des Wassers, seine verschiedenen Formen (Eis, Schnee, Regen, Dampf …) sowie seine chemischen und physikalischen Eigenschaften zur Sprache. Wasserversorgung, Wasserknappheit, die Bedeutung des Wassers für den Menschen und die Umwelt sind ebenso Thema dieser Einheit wie das Wasser der Taufe, in dem Jesus uns neues Leben schenkt. So erschließen sich Zusammenhänge, um Neues leichter einzuordnen.

Die Inhalte des Faches „Deutsch" werden grundsätzlich in allen Unterrichtseinheiten „vernetzt". Die Fächer Bildende Kunst, Musik, Technik, textiles Werken und Hauswirtschaft werden nach Bedarf eingesetzt. „Die staatlichen Lehrpläne sind voll abgedeckt, sie sind die Basis, aber eben neu geordnet", erklärt einer der Lehrer an der Realschule während einer Hospitation im Bi-schof-Sproll-Bildungszentrum.

Er zeigt der Besuchergruppe aus Österreich, sie besteht vorwiegend aus Lehrerinnen und Lehrern an katholischen Privatschulen, die „Jahreshefte" zum Thema „Europa", die seine Schülerinnen und Schüler im Herbst zusammengestellt haben: Auf rund 100 handgeschriebenen Seiten, liebevoll gestaltet, mit selbst gezeichneten Landkarten und Skizzen, von den Jugendlichen eigenhändig gebunden in der schuleigenen Werkstatt, liegt Europa „vernetzt" vor: Das Inhaltsverzeichnis enthält zum Beispiel: geographische Gliederung, geologische Besonderheiten, historischer Abriß, Uberblick über die Musik- beziehungsweise Kulturgeschichte Europas sowie Kochrezepte aus Tschechien, Griechenland und Deutschland. Sechs bis acht Jahreshefte gestalten die Realschüler im Laufe eines Schuljahres. Sie sind Grundlage der Beurteilung. Für diese muß das kunstvolle „Netz" wieder aufgeknüpft, jedes Fach einzeln beurteilt werden. „Vernetzt" sind an der Hauptschule Rehgions-lehre, Geschichte, Gemeinschafts-kunde/Wirtschaftslehre, Erdkunde, Physik, Chemie und Biologie.

KAUM DISZIPLINPROBLEME

„Wenn im Marchtaler Plan das eine oder andere nicht thematisiert erscheint, fehlt es deshalb nicht, weil es in einem anderen Zusammenhang vernetzt ist: Nicht das einzelne ist entscheidend, sondern der Geist des Ganzen." - So heißt es im Konzept, herausgegeben vom Bischöflichen Schulamt der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Der sprachliche, mathematische, musische und handwerklich-technische Bereich wird im Fachunterricht, der zweiten „Säule" des Marchtaler Planes, vermittelt.

‘Lehrer, die sich dem March taler Plan verschrieben haben, sind voll gefordert: Da an den vernetzten Einleiten möglichst wenig verschiedene Lehrer beteiligt sein sollen, unterrichtet manche Lehrkraft an Haupt- und Realschule bis zu sechs Fächer. (Fachfremder Unterricht ist in Deutschland auch an Gymnasien erlaubt. Der Marchtaler Plan an Gymnasien ist im Diskussionsstadium.) „Das geht nur mit einem hohen Maß an Kooperation zwischen den Lehrern. Und: Weil es bei uns so gut wie keine Disziplinprobleme gibt. Da nicht einer vorgibt, was alle tun müssen, ist das Aggressionspö-tential an unseren Schulen sehr gering", berichtet Ignaz Zachay vom Bischof-Sproll-Bildungszentrum.

„Wie man in den Wald hinein-ruft, so tönt es zurück" - diese Binsenweisheit sei, so Zachay, noch immer gültig: „Wenn Schüler mitentscheiden dürfen, was sie tun wollen, fühlen sie sich freier, nicht so an die Zügel genommen. Es widerspricht auch der Natur des Menschen, stundenlang still zu sitzen. Wenn die Kinder herumgehen dürfen ist das nicht nur phsysiologisch entlastend." Die Chance, selbst aktiv zu werden, haben Schülerinnen und Schülern in der freien Stillarbeit, dem dritten Grundpfeiler des Marchtaler Planes. Hier bieten die Lehrer Arbeitsmaterial an, aus dem die Schüler ihre Aufgabe für die nächste Stunde selbst auswählen können. Die Materialien sollen möglichst so gestaltet sein, daß Selbstkontrolle möglich ist. „Die Kinder schätzen es, wenn man sie in Ruhe läßt." Montessoris „Vorbereitende Umgebung" und ihr „Hilf mir es selbst zu tun" stehen hier deutlich im Hintergrund. In der dritten Klasse Grundschule, die ich als Gast besuchte, standen Zettelkasten mit Aufgaben in der Mitte des Raumes, die Kinder wählten sich etwas aus, gingen auffallend ruhig an ihre Plätze zurück und machten sich an die Arbeit.

„25 Kinder brauchen etwas zu tun!" Die Materialbeschaffung für die freie Arbeitsphase ist die Hauptlast für die Lehrkräfte. „Ohne deutliche Mehrarbeit und intensive Zusammenarbeit wäre diese Aufgabe nicht zu bewältigen", erzählt einer der Grundschullehrer. „Die Lehrer wissen aber was auf sie zukommt, wenn sie an eine solche Schule gehen. ,Alles mehrfach und alles gemeinsam machen’ lautet die Devise. Wir bekommen aber auch viel Hilfe von den Eltern, teilen sie beim Elternabend zum Anmalen oder Ausschneiden ein. Manche kommen auch extra, um uns zu helfen."

ÄHNUCHES PROJEKT IN GRAZ

Was jedes Kind in der freien Stillarbeit gearbeitet hat, wird in.Listen eingetragen. Damit niemand „durchschlüpft" und etwa nur tut, was ihm ohnehin liegt, werden ab der zweiten Klasse Wochenpläne erstellt. - Ein gewaltiger organisatorischer und planerischer Aufwand für die Pädagoginnen und Pädagogen.

Die vierte Säule des Marchtaler Planes ist der Morgenkreis: Er eröffnet die Schulwoche und „kennzeichnet den Wochenanfang als eine neu geschenkte Gabe und Aufgabe. Konzentration soll zu Gott und sich selbst führen und eine positive Atmosphäre schaffen.

Die Spielstunde ist eine Besonderheit der ersten Grundschulklasse. Jedes Schuljahr steht unter einem Jah-res-Leitmotiv, vier schuljahrübergreifende Einheiten, entsprechend unseren Unterrichtsprinzipien, begleiten die Kinder und Jugendlichen: I. Rechtes Verhalten im Verkehr; II. Lobpreisendes Danken -die Mitfeier des liturgischen Jahres; III. Große Menschen - die Heiligen der Kirche; IV. Von der Würde des Menschen als Frau und als Mann -Geschlechtserziehung.

In Anlehnung an den „Marchta-1er Plan" wird an der Übungsvolksschule der Pädagogischen Akademie Graz seit sechs Jahren in einem Schulversuch nach dem „Eggenber-ger Plan" unterrichtet.

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