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Visionen: Nicht genügend

Welches Zeugnis hat sich die österreichische Bildungspolitik für das abgelaufene Schuljahr verdient? Ein Blick in die "Leistungsmappe" der Regierung.

Im Osten sind die Würfel schon gefallen, im Westen stehen noch zwei Lostage bevor: Es ist Anfang Juli, die Zeit der großen Abrechnung. Rund 1,2 Millionen Schülerinnen und Schüler in ganz Österreich sehen dieser Tage schwarz auf weiß, was von ihren Leistungen - aus Lehrersicht - zu halten ist.

Und wie steht es um die Bildungspolitik? Die Zensuren differieren - fast wie im wirklichen schulischen Leben: Während die Wirtschaftskammer Österreich den "begonnenen Reformen zur Qualitätssicherung im heimischen Bildungssystem" ein gutes Zeugnis ausstellt, würden laut einer Studie des Klagenfurter Humaninstituts fast die Hälfte der befragten Manager den heimischen Schulen ein "Nicht genügend" verpassen.

Um der Bildungspolitik ein faires Zeugnis auszustellen, scheint also ein Blick in ihre "Leistungsmappe" angebracht (wie sie im Übrigen ab Herbst allen Zehnjährigen - zusätzlich zu den Ziffernnoten - zur Dokumentation eigener Kompetenzen und Projekte übermittelt werden soll). Was also findet sich im Schuljahr 2003/04 im bildungspolitischen Portefeuille?

Es ist eine Summe kleiner Schritte: Im Rahmen der "Qualitätsoffensive 2004" werden Bildungsstandards für die vierte und achte Schulstufe in Mathematik, Englisch und Deutsch entwickelt und erprobt; ein neuer, entschlackter AHS-Oberstufenlehrplan soll den Lehrerinnen und Lehrern mehr Freiräume gewähren; um die Zahl der Repetenten zu reduzieren (in der Hauptschule 1,4 Prozent und in der AHS immerhin 6,8 Prozent eines Jahrgangs) wird das "Frühwarnsystem" an den Schulen ins erste Semester vorverlegt; eine "Leadership Academy" soll die Führungsqualitäten der Direktorinnen und Direktoren verbessern; die Zahl der Nachmittagsbetreuungsplätze soll bis 2006 um 10.000 erhöht werden; und den Pädagogischen Akademien steht bis 2007 die Umwandlung in Pädagogische Hochschulen bevor.

So richtig und wichtig diese Maßnahmen sind: Von den teilweise bahnbrechenden Vorschlägen der Zukunftskommission - jenem Gremium, das im Oktober 2003 von der Ministerin eingesetzt wurde und Schule "neu denken" sollte - sind sie weit entfernt. Die vier Experten unter der Leitung des Salzburger Bildungsforschers Günter Haider hatten an so manches Tabu gerührt: Sie plädierten dafür, das Sitzenbleiben radikal einzuschränken, in der AHS-Oberstufe in den Hauptfächern ein Kurssystem einzuführen und den Schulen freie Hand bei der Einstellung von Lehrkräften zu lassen.

Weiterreichende schulorganisatorische Fragen - etwa die Vor- und Nachteile von Ganztags- und Gesamtschule - durften hingegen in diesem Konzept einer "umfassenden Reform" auf Geheiß des Bildungsministeriums gar nicht behandelt werden. "Wir plaudern nicht unverbindlich über Organisationsfragen, wir stellen uns den Herausforderungen", lautet bis heute das Mantra am Minoritenplatz.

Es ist tatsächlich weder finanzierbar noch sinnvoll, österreichweit flächendeckend Ganztagsschulen (oder "Tagesschulen", wie sie der steirische VP-Querdenker Andreas Schnider oft und gern bemüht) zu installieren. Dass aber die Schule immer mehr ganztägige Betreuungsaufgaben zu übernehmen hat, ist ein unumkehrbare gesellschaftliche Entwicklung. Eine "umfassende Reform", in der diese Herausforderung gar nicht erst thematisiert wird, bleibt Stückwerk.

Auch bei der Diskussion um den Sinn oder Unsinn von Gesamtschulen kommen die heimischen Bildungspolitiker nicht über Totschlagargumente hinaus. Was fehlt, ist die differenzierte Analyse von Vorzeigemodellen - etwa der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, die bei der PISA-Studie in Deutschland immerhin Platz eins erreichte.

Stillstand gibt es schließlich auch beim Ethikunterricht - und dies, obwohl längst ein brauchbares Konzept des Salzburger Pädagogen Anton Bucher in den Schreibtischen des Ministeriums liegt.

"Pädagogisches Denken muss in seinem Kern [...] stets einen Teil Utopie enthalten", heißt es im Reformpapier der Zukunftskomission. Derzeit mangelt es an einem solchen Denken - und an Visionen. Stünde hier eine Notengebung an, die Regierung hätte sich wohl ein "Nicht genügend" verdient.

doris.helmberger@furche.at

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