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Bildungsgesellschaft der Marke Androsch

Das kommende Volksbegehren könnte das scheinbar Unmögliche schaffen und die pädagogischen Anliegen von 130 Interessenvertretern vereinen.

Ein von ihm allein formuliertes Volksbegehren würde anders aussehen, gibt der Buchautor, Kolumnist und Lehrer Nikolaus Glattauer zu. Aber er sei mit dem Kompromiss zufrieden, den das Redaktionsteam um Hannes Androsch, Industrieller und ehemals SPÖ-Finanzminister, in drei Wochen erarbeitet hat. "Es ist nicht nur ein Schulvolksbegehren. Es umfasst alle Bereiche, von der elementaren Kinderpädagogik über die Schulen und Hochschulen bis zur Erwachsenenbildung.“

Gemeinsam mit acht weiteren Expertinnen und Experten vollbrachte Glattauer "ein kleines Formulierungskunstwerk“, welches am Mittwoch gut 130 Institutionenvertretern vorgestellt wurde - in der Hoffnung, breite Rückendeckung für den am Donnerstag der Öffentlichkeit präsentierten Text zu erhalten. "Österreich darf nicht sitzenbleiben“, lautet das Motto für das "Volksbegehren Bildungsinitiative“ (VBBI), das "insgesamt 15 Forderungen“ beinhaltet, wie Glattauer im Vorfeld feststellte.

Der meistdiskutierte Punkt war die gemeinsame Schule der zehn- bis 14-jährigen Schüler, was freilich niemanden überrascht habe. Da dieser Begriff, wie auch jener der Gesamtschule, "vielen Leuten die Haare aufstellt“, finde die Forderung auf elegante Weise in anderen Worten Ausdruck. Die Vorstellung, dass es "keine Bildungsentscheidung vor Ende der Pflichtschule geben darf“, sei damit festgeschrieben.

Heidi Schrodt, kürzlich pensionierte Direktorin der Wiener AHS Rahlgasse und Vorsitzende der Initiative "Bildung Grenzenlos“, berichtet von weitgehender Zustimmung zum Gesamtschulprinzip, die sie beim Vernetzungstreffen am 10. Jänner wahrgenommen habe. Aber wichtiger als ideologiebehaftete Worte seien reformeinleitende Inhalte.

Kritik an der Öffentlichkeitsarbeit

Auch Thomas Wallerberger, stellvertretender Bundesvorsitzender der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) und ebenfalls Redaktionsmitglied, nennt die Gesamtschule als "sensiblen Bereich“ des VBBI. Für sein Klientel relevanter ist aber die Finanzierung der Hochschulen. Zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts soll diesen künftig zur Verfügung stehen. Womit auch die seit Jahren laufende Diskussion über die Notwendigkeit von Studiengebühren abgedreht werden solle, die vor Kurzem einen neuen Höhepunkt erfuhr.

Leichte Kritik übt der Studierendenvertreter an der Öffentlichkeitsarbeit von Hannes Androsch. Es könne nicht darum gehen, die Regierung durch die Formulierung von Wünschen in ihrer Reformarbeit zu unterstützen, wie dieser gemeint habe. Vielmehr müsste das Volksbegehren die zuständigen Ministerinnen Claudia Schmied (SPÖ) und Beatrix Karl (ÖVP) "unter Druck setzen“, so Wallerberger. "Die Bildungspolitik dieser und der vorangegangenen Regierungen ist einfach nicht gut.“

Bundesschulsprecher Philipp Pinter betont ein Problemfeld, das sich durch die Umwandlung von Hauptschulen in Neue Mittelschulen auftut: Woher kommt das Personal, wenn in verschiedenen Fächern künftig mehr als eine Lehrperson unterrichten sollen? Pinter sieht darin eine bedeutende Herausforderung, da in den nächsten Jahren bekanntlich eine riesige Pensionierungswelle anstehe.

Den Eltern sei die Stärkung der Schulstandorte ein großes Anliegen, erklärt Theodor Saverschel, Vorsitzender des Bundeselternverbands AHS/BHS. Auch könnte durchaus über "versteckte Kosten“ im Schulalltag diskutiert werden, die für Unterrichtsmaterialien und Exkursionen anfielen. Immerhin propagiere die ÖH auch das kostenlose Studium - was legitim sei. Als wichtigsten Grundsatz für das Volksbegehren und damit erhoffte Reformen nennt Saverschel: "Es darf kein Kind auf dem Bildungsweg verloren gehen.“

Neues Dienstrecht in Arbeit

Vergangene Woche ließ die Österreichische Lehrer/innen-Initiative (ÖLI) in Zusammenhang mit den anlaufenden Verhandlungen zum Lehrer-Dienstrecht mit der Idee aufhorchen, dass Lehrer künftig 3600 Euro pro Monat verdienen sollten. Vom Anfang bis zum Ende ihres Berufslebens. Das sei das derzeitige Durchschnittsgehalt, womit der ÖLI-Vorsitzende Wilfried Mayr das Konzept als kostenneutral darstellt. Hintergrund ist der Gedanke, dass junge Kolleginnen und Kollegen meist zu wenig verdienten, um nachhaltig in Wohnraum zu investieren und eine Familie zu gründen.

Aber natürlich bedürfe es weit über das Dienstrecht hinausgehende Reformen, um den Lehrerberuf bis zur Pensionierung spannend zu gestalten. Und nicht stattdessen die Akteure vor Anspannung in den frühen Ruhestand zu drängen. Mayr wünscht auch den Schülern "eine andere Schule“. Derzeit gleiche diese einer "Lernkaserne“, in die junge Menschen zwischen sieben und 17 Uhr gesteckt "und dazwischen nicht artgerecht gehalten“ würden.

Schilcher als Qualitätsgarant

Ein Hinweis darauf, dass dasVolksbegehren Hand und Fuß haben wird, ist vielen Beobachtern die Beteiligung von Bernd Schilcher. Das steirische ÖVP-Urgestein wurde sogar von der SPÖ-Bildungsministerin 2007 vertrauensvoll als Leiter einer Expertenkommission zur Erarbeitung von Strategien und Modellen für die Schulorganisation eingesetzt. Schilcher gilt als Erfinder der Neuen Mittelschule und koordiniert die Zusammenarbeit der zahlreichen VBBI-Beteiligten.

"Bildungssackgassen sind verboten!“, stellt Bundespräsident Heinz Fischer in einem aktuellen Buch zum 40. Geburtstag des Wissenschaftsministeriums fest, und bietet damit ein weiteres passendes Motto für die anstehenden Aufgaben. Er betont unter anderem "eine gewisse Verschulung“ des Hochschulstudiums als Folge des europäischen Hochschulsystems, welches aber schlicht noch nicht optimal umgesetzt sei.

Das Jubiläumsbuch bietet eine Erinnerung an die Akteure und lässt anhand der Schlagworte, mit denen die Minister/innen seit 1970 eingeführt werden, die Verschiebung der Schwerpunkte ablesen: "Qualifizierte Ausgebildete“ (Hertha Firnberg, 1970-83), "Es geht nicht nur um Employability!“ (Caspar Einem, 1997-2000), "Autonomie der Universitäten“ (Elisabeth Gehrer, 2000-07), "Ausbildung und Bildung“ (Johannes Hahn, 2007-10). Die amtierende Ministerin Karl schließlich meint: "Lösungen müssen wir gemeinsam finden!“

40 Jahre Wissenschaftsministerium 1970-2010

Verlag Holzhausen, Wien 2010

310 Seiten, e 39,-

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