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Jahre des schulischen Aufbruchs

Mit neun Jahren zum Entscheidungstest zwischen Gymnasium und Hauptschule, bis zur Volljährigkeit die Schulbank drücken, um im Wettstreit um einen Studienplatz zu stehen? Die Realität wird wohl anders aussehen als derzeit diskutiert. Über die anstehenden Schulreformen.

Bildungspolitisch ging es zum Jahreswechsel rund: Ende Dezember dachte die Volkspartei (wieder einmal) über Aufnahmeprüfungen für Gymnasien nach. Zugleich wurde der Wunsch nach Leistungsgruppen wie an Hauptschulen formuliert. Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer begeisterte sich außerdem für die Schulpflicht bis 18 und bekam Lob von den Grünen: Die längere Schullaufbahn entspreche den Anforderungen der Wissensgesellschaft.

Während sich die SPÖ, die à la longue Hauptschulen und Gymnasien durch die "Neue Mittelschule" ersetzen will, gegen Zugangshürden wehrt, ging der Vorsitzende der AHS-Lehrergewerkschaft, Eckehard Quin, auf die mögliche Umsetzung ein. Zwar wären punktuelle Prüfungen "problematisch", weil jeder einmal einen schlechten Tag erwischen könne, sagte er zur APA. Wer aber ein differenziertes Schulsystem wolle, müsse gewährleisten, dass Kinder in der Schule sitzen, in die sie am besten passen.

"Intellektuelle Leistungsfähigkeit"

Für viele Menschen sei es aber "offenbar verpönt" zu sagen, dass es "eine gewisse intellektuelle Leistungsfähigkeit" brauche, "wenn man in eine Schule gehen will, die auf ein Studium abzielt". Angedenk dessen anstehenden 100. Geburtstags waren jedoch bald Stimmen zu hören, die einen "Rückschritt hinter Bruno Kreisky" befürchteten. Der hatte während seiner Kanzlerschaft die bis in die 70er-Jahre gängigen AHS-Aufnahmeprüfungen abgeschafft.

Innerhalb der ÖVP war das verlässlich wiederkehrende Thema in der Vergangenheit ebenfalls nicht unumstritten: Im Juli 2001 lehnte Walter Strobl, Bildungssprecher der Wiener Volkspartei, den Vorstoß zur Wiedereinführung der Aufnahmeprüfung ab, den VP-Kollege Werner Amon gewagt hatte. ÖVP-Bildungsministerin Elisabeth Gehrer wollte 2002 wiederum ein "Prognoseverfahren", das die Wahrscheinlichkeit des Durchkommens an der AHS feststellt - ohne jedoch über die Zulassung zu entscheiden. Zuletzt spielte der damalige ÖVP-Generalsekretär Hannes Missethon 2007 den "Scharfmacher", wie die Grüne Wiener Gemeinderätin Susanne Jerusalem auf dessen AHS-Reformvorschläge hin feststellte: Es gelinge der ÖVP nicht, in der schulischen Realität des 21. Jahrhunderts anzukommen, meinte sie.

Ideologischer Beschuss

Doch wie sieht diese Realität heute aus, der in diesem Jahr 7,7 Milliarden Euro aus dem Bundesbudget zukommen? Zum einen steht die "Neue Mittelschule" immer noch ideologisch unter Beschuss: Was die einen - die Kanzlerpartei SPÖ sowie die Grünen - als Möglichkeit sehen, Chancengleichheit für Kinder jeder sozialen Schicht zu schaffen, ist für Teile der anderen Mitgestalter - den Koalitionspartner ÖVP sowie die FPÖ - immer noch eine Gesamtschule, und damit ein sozialistisches Feindbild.

Das BZÖ stand irgendwie dazwischen, zeigte sich aber zuletzt interessiert, die Zehn-Prozent-Grenze aufzuheben, mit der die Zahl der seit 2008 am Probebetrieb teilnehmenden Schulen gedeckelt ist. Das wäre möglich, wenn es "budgetneutral", mit den dafür geplanten 36,2 Millionen Euro, geschieht.

Der geplante Ausbau der Ganztagsbetreuung liegt überwiegend in der Kompetenz der Pflichtschulerhalter, also der Länder. Der Startschuss dafür, so Bildungsministerin Claudia Schmied Ende des vorigen Jahres, falle mit dem ersten Bundesland, das eine entsprechende Vereinbarung abschließt.

Weiters steht mit der Zentralmatura ein bedeutendes Projekt der Regierung an. Bis zum Schuljahr 2012/13 gilt es an den AHS, "neue Formen der Reifeprüfung zu erproben", so der Gesetzestext; an den BHS bleibt Zeit bis 2013/14. Dafür sind fünf Millionen Euro veranschlagt. Lehrer würden "von PrüferInnen zu BegleiterInnen und ModeratorInnen", so die politischen Initiatoren, für die es noch einige Hürden zu nehmen gilt.

Gegen eine weitere "Verländerung" von Schulkompetenzen - etwa die Unterstellung der Bundeslehrer unter Länderaufsicht, wie sie manche Landeshauptleute wiederholt fordern - wendet sich ein Volksbegehren, das Hannes Androsch 2011 starten will. Der Industrielle und frühere SPÖ-Vizekanzler erhält etwa von Ex-Böhler-Uddeholm-Vorstand Claus Raidl Unterstützung, aber auch von Landeshauptfrau Gabi Burgstaller in Salzburg.

Volksbegehren und Klagen

Aus Vorarlberg meldete sich der Architekt, HTL-Lehrer und NGO-Aktivist Andreas Postner, der Androschs Anliegen mit Rückendeckung durch die Vorarlberger LehrerInnen-Initiative erweitern will. Sein Begehr zielt darauf ab, die politischen Akteure aller Couleur in die Pflicht zu nehmen.

"Der Souverän" solle entscheiden, "dass 20 Prozent aller Politikförderungen einbehalten werden" - auch die Gehälter von Regierenden und Abgeordneten -, bis wichtige Reformen u. a. in den Bereichen Bildung, Familie und Infrastruktur umgesetzt sind" schlägt Postner vor. "Ein großer Teil der Menschheit erlebt Politiker nicht mehr als Dienstleister an der Gesellschaft, sondern an den Parteien." Bis 2012 würden so nach Postners Rechnung zwei Milliarden Euro allein für Bildung frei.

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