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„AHS muss sich weiterentwickeln“

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Bildungsministerin Claudia Schmied will Vorarlberg zur ersten Region machen, in der völlig auf die gemeinsame Schule umgestellt wird. Aber was sagen die Vorarlberger dazu?

Es könnte so einfach gehen: Schon jetzt nehmen im Bundesland Vorarlberg 51 der 56 Hauptschulen am Schulversuch Neue Mittelschule (NMS) teil. Es müssten also nur noch fünf Schulen gewonnen werden und Vorarlberg hätte keine Hauptschule im herkömmlichen Sinne mehr. Die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen hätte ein Bundesland erobert – aber nur fast.

Denn die acht Allgemeinbildenden Höheren Schulen des Landes machen immer noch nicht mit. Von einer echten gemeinsamen Schule kann also bei Weitem keine Rede sein. Das würde Bildungsministerin Claudia Schmied nur zu gerne ändern. Wie sie kürzlich im Standard ankündigte und in der FURCHE bekräftigte, hat Schmied einiges mit dem westlichsten Bundesland vor: „Ich könnte mir daher gut vorstellen, dass wir als nächsten Schritt in einem Bundesland komplett umstellen. Die Neue Mittelschule ist ja immer als Zwischenschritt zur gemeinsamen Schule gedacht gewesen“, sagte die Bildungsministerin und SPÖ-Politikerin im FURCHE-Interview in der vorwöchigen Ausgabe. Es gebe bereits positive Signale aus dem Ländle.

Zwei große Zukunftsfragen

Die gibt es tatsächlich: Bildungslandesrat Siegi Stemer (ÖVP) zeigt sich gegenüber der FURCHE gesprächsbereit über „Zukunftsfragen“, wie er die Pläne von Schmied bezeichnet. Doch bevor über eine völlige Umstellung diskutiert werden kann, müssen für Stemer „zwei Kernfragen“ geklärt werden: Die Neue Mittelschule ist geprägt von pädagogischen Methoden wie der individuellen Förderung eines jeden Schülers und einer Differenzierung im Inneren des Systems.

„Dazu brauchen wir die entsprechenden Methoden und Ressourcen, wenn wir die ganze Palette an Kindern in einer Klasse haben. Dazu brauchen wir mindestens zweieinhalb volle Lehrpersonen. Da müssen wir Kleingruppen bilden können, um die besonders begabten Schülerinnen und Schüler zu fordern und zu fördern und die Förderbedürftigen so zu unterstützen, dass sie auf ein entsprechendes standardisiertes Niveau kommen. Nun stelle ich die Frage: Gibt es diese Ressourcen nachhaltig? Und gibt es genügend qualifiziertes Lehrpersonal – jetzt, wo in den nächsten zehn Jahren zwischen 40 und 50 Prozent der aktiven Lehrkräfte in Pension geht?“, fragt Stemer in Richtung Wien. „Das sind die zwei wichtigsten Fragen, die man dringend in Angriff nehmen muss. Sonst ist diese Zukunftsfrage seriös nicht zu beantworten.“ Doch grundsätzlich gegen eine gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen ist der Landesrat und ÖVP-Politiker nicht.

Neben diesen großen Zukunftsfragen wäre da aber noch ein weiterer Brocken, den Bildungsministerin Schmied auf dem Weg zu ihrer ersten „Pionierregion“ überwinden müsste: Die Festung AHS, die in Vorarlberg nicht mehr geschlossen dasteht. So äußert sich Guntram Zoppel, Direktor der AHS Lustenau, positiv zu Schmieds Idee. Zoppel ist auch Projektleiter des Schulmodells „Vorarlberger Mittelschule“. Für ihn führt an einer Weiterentwicklung der AHS-Unterstufe kein Weg vorbei: „Wir können an dieser Entwicklung, die an den NMS passiert, nicht vorbeigehen. Das zu ignorieren und zu sagen ‚Wir sind wir‘, das geht nicht. Es ist nicht mehr so, dass wir in den AHS die Elite sitzen haben, die 100-prozentig besser sind als Schüler der Mittelschulen“, sagt Zoppel. Daher kann er sich auf längere Sicht und bei guter Betreuung und Evaluation eine Umstellung vorstellen. Zum Beispiel müsste die Flexibilität der Lehrer an den AHS erhöht werden, es brauche Lehrer, die auch in Kleingruppen arbeiten. Überzeugt hat Zoppel die verändernde gesellschaftliche Realität: „Wir haben nicht mehr die Kinder aus dem klassischen Bürgertum, wir haben gute, gescheite Kinder, die aber angesichts der Medienwelt, der Arbeitswelt ihrer Eltern und einer Fun-Gesellschaft, in der wir leben, zusehends schwieriger werden im Gymnasium“, sagt Zoppel. Zudem: „Wir brauchen migrantische Kinder, die Techniker oder Rechtsanwälte werden und nicht Schulabbrecher.“

„Glaube nicht an Selbstheilungseffekt“

Anderer Meinung ist Zoppels Kollege Helmut Abl, Direktor vom Bundesgymnasium Bludenz. Er spricht sich gegen Schmieds Idee und eine gemeinsame Schule der Zehn-bis 14-Jährigen aus. Die Kooperationen mit den Vorarlberger Mittelschulen will er aber weiterhin unterstützen. (Es unterrichten etwa AHS-Lehrer an den NMS oder es gibt gemeinsame Projekte.) „Ich bin nicht der Meinung, dass es einen Selbstheilungsprozess gibt, wenn man alle Schüler zusammenspannt und gemeinsam arbeiten lässt“, sagt Abl. Überzeugt haben ihn die Ergebnisse der einzigen Gesamtschule, die es in Österreich gibt: der Volksschule. „Soziale Unterschiede und jene, die das Bildungsniveau betreffen, werden nach der Volksschulzeit überhaupt nicht gemildert, sondern eher noch verstärkt. Letztlich sagt einem der Hausverstand, dass unterschiedliche Kinder eine unterschiedliche Betreuung brauchen.“ Abl wünscht sich jene finanzielle Unterstützung, die es für die NMS gibt auch für die AHS-Unterstufe. In den NMS würden teilweise zwei Lehrer mit 17 Kindern arbeiten. „Haben begabte Kinder nicht auch das Recht auf eine intensivere Betreuung?“

Bildungsministerin Claudia Schmied will Vorarlberg zur ersten Region machen, in der völlig auf die gemeinsame Schule umgestellt wird. Aber was sagen die Vorarlberger dazu?

Es könnte so einfach gehen: Schon jetzt nehmen im Bundesland Vorarlberg 51 der 56 Hauptschulen am Schulversuch Neue Mittelschule (NMS) teil. Es müssten also nur noch fünf Schulen gewonnen werden und Vorarlberg hätte keine Hauptschule im herkömmlichen Sinne mehr. Die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen hätte ein Bundesland erobert – aber nur fast.

Denn die acht Allgemeinbildenden Höheren Schulen des Landes machen immer noch nicht mit. Von einer echten gemeinsamen Schule kann also bei Weitem keine Rede sein. Das würde Bildungsministerin Claudia Schmied nur zu gerne ändern. Wie sie kürzlich im Standard ankündigte und in der FURCHE bekräftigte, hat Schmied einiges mit dem westlichsten Bundesland vor: „Ich könnte mir daher gut vorstellen, dass wir als nächsten Schritt in einem Bundesland komplett umstellen. Die Neue Mittelschule ist ja immer als Zwischenschritt zur gemeinsamen Schule gedacht gewesen“, sagte die Bildungsministerin und SPÖ-Politikerin im FURCHE-Interview in der vorwöchigen Ausgabe. Es gebe bereits positive Signale aus dem Ländle.

Zwei große Zukunftsfragen

Die gibt es tatsächlich: Bildungslandesrat Siegi Stemer (ÖVP) zeigt sich gegenüber der FURCHE gesprächsbereit über „Zukunftsfragen“, wie er die Pläne von Schmied bezeichnet. Doch bevor über eine völlige Umstellung diskutiert werden kann, müssen für Stemer „zwei Kernfragen“ geklärt werden: Die Neue Mittelschule ist geprägt von pädagogischen Methoden wie der individuellen Förderung eines jeden Schülers und einer Differenzierung im Inneren des Systems.

„Dazu brauchen wir die entsprechenden Methoden und Ressourcen, wenn wir die ganze Palette an Kindern in einer Klasse haben. Dazu brauchen wir mindestens zweieinhalb volle Lehrpersonen. Da müssen wir Kleingruppen bilden können, um die besonders begabten Schülerinnen und Schüler zu fordern und zu fördern und die Förderbedürftigen so zu unterstützen, dass sie auf ein entsprechendes standardisiertes Niveau kommen. Nun stelle ich die Frage: Gibt es diese Ressourcen nachhaltig? Und gibt es genügend qualifiziertes Lehrpersonal – jetzt, wo in den nächsten zehn Jahren zwischen 40 und 50 Prozent der aktiven Lehrkräfte in Pension geht?“, fragt Stemer in Richtung Wien. „Das sind die zwei wichtigsten Fragen, die man dringend in Angriff nehmen muss. Sonst ist diese Zukunftsfrage seriös nicht zu beantworten.“ Doch grundsätzlich gegen eine gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen ist der Landesrat und ÖVP-Politiker nicht.

Neben diesen großen Zukunftsfragen wäre da aber noch ein weiterer Brocken, den Bildungsministerin Schmied auf dem Weg zu ihrer ersten „Pionierregion“ überwinden müsste: Die Festung AHS, die in Vorarlberg nicht mehr geschlossen dasteht. So äußert sich Guntram Zoppel, Direktor der AHS Lustenau, positiv zu Schmieds Idee. Zoppel ist auch Projektleiter des Schulmodells „Vorarlberger Mittelschule“. Für ihn führt an einer Weiterentwicklung der AHS-Unterstufe kein Weg vorbei: „Wir können an dieser Entwicklung, die an den NMS passiert, nicht vorbeigehen. Das zu ignorieren und zu sagen ‚Wir sind wir‘, das geht nicht. Es ist nicht mehr so, dass wir in den AHS die Elite sitzen haben, die 100-prozentig besser sind als Schüler der Mittelschulen“, sagt Zoppel. Daher kann er sich auf längere Sicht und bei guter Betreuung und Evaluation eine Umstellung vorstellen. Zum Beispiel müsste die Flexibilität der Lehrer an den AHS erhöht werden, es brauche Lehrer, die auch in Kleingruppen arbeiten. Überzeugt hat Zoppel die verändernde gesellschaftliche Realität: „Wir haben nicht mehr die Kinder aus dem klassischen Bürgertum, wir haben gute, gescheite Kinder, die aber angesichts der Medienwelt, der Arbeitswelt ihrer Eltern und einer Fun-Gesellschaft, in der wir leben, zusehends schwieriger werden im Gymnasium“, sagt Zoppel. Zudem: „Wir brauchen migrantische Kinder, die Techniker oder Rechtsanwälte werden und nicht Schulabbrecher.“

„Glaube nicht an Selbstheilungseffekt“

Anderer Meinung ist Zoppels Kollege Helmut Abl, Direktor vom Bundesgymnasium Bludenz. Er spricht sich gegen Schmieds Idee und eine gemeinsame Schule der Zehn-bis 14-Jährigen aus. Die Kooperationen mit den Vorarlberger Mittelschulen will er aber weiterhin unterstützen. (Es unterrichten etwa AHS-Lehrer an den NMS oder es gibt gemeinsame Projekte.) „Ich bin nicht der Meinung, dass es einen Selbstheilungsprozess gibt, wenn man alle Schüler zusammenspannt und gemeinsam arbeiten lässt“, sagt Abl. Überzeugt haben ihn die Ergebnisse der einzigen Gesamtschule, die es in Österreich gibt: der Volksschule. „Soziale Unterschiede und jene, die das Bildungsniveau betreffen, werden nach der Volksschulzeit überhaupt nicht gemildert, sondern eher noch verstärkt. Letztlich sagt einem der Hausverstand, dass unterschiedliche Kinder eine unterschiedliche Betreuung brauchen.“ Abl wünscht sich jene finanzielle Unterstützung, die es für die NMS gibt auch für die AHS-Unterstufe. In den NMS würden teilweise zwei Lehrer mit 17 Kindern arbeiten. „Haben begabte Kinder nicht auch das Recht auf eine intensivere Betreuung?“