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Bildung

Welches Wissen ist Wesentlich?

1945 1960 1980 2000 2020

Der Bildungsminister will die Lehrpläne "abspecken". Vier Experten erklären, was sie davon halten und was für sie zum Bildungskanon gehört.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Bildungsminister will die Lehrpläne "abspecken". Vier Experten erklären, was sie davon halten und was für sie zum Bildungskanon gehört.

Schule ist ständig im Umbruch - und auch der heurige Herbst bringt zahlreiche Premieren: Schulschwänzen wird härter bestraft, Rauchen wird am ganzen Schulgelände verboten und in der AHS-Unterstufe sowie Neuen Mittelschule beginnt die verbindliche Übung "Digitale Grundbildung". Die größte Aufregung haben freilich die neuen "Deutschförderklassen" ausgelöst: Neu-und Quereinsteiger ohne ausreichende Sprachkenntnisse erhalten darin separat 15 bis 20 Wochenstunden Deutschunterricht.

So heftig über die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme gestritten wird: Dass die Beherrschung der Unterrichtssprache zentral ist, gilt als common sense. Doch was muss darüber hinaus in der Schule vermittelt werden? Seit jeher werden dazu Vorschläge gemacht - begleitet von der Forderung, die Lehrpläne zu "entrümpeln". Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) will sie nun endgültig "abspecken, modernisieren, an die Zukunft anpassen", wie er dem Trend erklärte. Auf Anfrage der FURCHE sollen Fachdidaktiker und Praktiker alle Fachlehrpläne der Volksschule und Sekundarstufe I überarbeiten sowie "Mindestanforderungen" und weitere Ausprägungsgrade definieren. Lehrerinnen und Lehrer sollen dadurch "eine Brücke zwischen den Lehrplanzielen und den Beurteilungsstufen" legen können, heißt es. Auch soll "Zeit und Raum für aktuelle, zeitgemäße Inhalte" geschaffen werden -etwa für mehr digitale und wirtschaftliche Kompetenz.

Welche Inhalte zeitgemäß sind, hat sich Thomas Kerstan längst gefragt. Im Buch "Was unsere Kinder wissen müssen" plädiert der bildungspolitische Korrespondent der deutschen Wochenzeitung Die Zeit für eine Rückbesinnung auf konkrete Wissensinhalte statt diffuser Kompetenzen -und präsentiert einen aus 100 Werken bestehenden "Kanon für das 21. Jahrhundert"(s. u.). DIE FURCHE hat vier Bildungs-Fachleute gefragt, was sie von schlanken Lehrplänen und Kerstans noch schlankerem Kanon halten.

Isabella Zins, AHS-Direktorensprecherin

Wir hatten zwar in den letzten Jahren einige Lehrplanreformen -zuletzt semestrierte Lehrpläne als Vorbereitung der "Neuen Oberstufe"(NOST) - aber viele Lehrerinnen und Lehrer bedauern, dass die "Kompetenzorientierung" die konkreten Inhalte verdrängt hat. Wichtig wäre, die Lehrpläne knapper (also realistisch schaffbar) und konkreter zu gestalten, eventuell auch wieder mit einem Pflicht-und Kürbereich - und zwar ab dem Kindergarten in jeder Schulart.

Die Diskussion, die Thomas Kerstan angestoßen hat, kann hier eine wichtige Initialzündung sein. Ein Kanon schafft Orientierung in der weiten Welt des Wissens, darum hat man sich bei uns in den letzten Jahren herumgedrückt. Ich wünsche mir - vor der geplanten Lehrplanänderung -eine Diskussion darüber, welche (Kunst-)Werke unsere Kinder und Jugendlichen kennenlernen sollen. Persönlich wünsche ich mir als Altphilologin das verpflichtende Kennenlernen einiger klassischer Sagen und Mythen (wie der Metamorphosen des Ovid) und ihrer Rezeption in der Kunst. Als Deutschlehrerin halte ich viel davon, Schülern europäische und deutsche literarische Texte näherzubringen, die u. a. für die Rolle der Frau oder unsere europäische Identität bedeutsam sind. Wichtig ist, die Schülerinnen im richtigen Alter und mit einer passenden Didaktik für die Werke zu begeistern. Schade, dass diese Art von Literaturunterricht, der viel zur Persönlichkeitsbildung beiträgt, durch das Eintrainieren von Textsorten für die Zentralmatura reduziert werden musste.

Heidi Schrodt, "Bildung Grenzenlos"

Generell finde ich es gut, wenn wir uns wieder einmal der Frage zuwenden, was wir heute eigentlich wissen sollen, wenn wir die Schule verlassen. Bevor wir uns dieser Frage zuwenden, müssen wir allerdings eine grundlegendere Diskussion führen: Was muss ich heute können/wissen, um die Grundlage für ein gutes, selbstbestimmtes, glückliches Leben in einer demokratischen Gesellschaft zu haben, um in dieser Gesellschaft auf allen Ebenen partizipieren zu können? Und wie kann es gelingen, dass jedem Kind ungeachtet seiner Herkunft die Voraussetzungen mitgegeben werden, am Erwerbsleben und am kulturellen Leben teilzunehmen? Erst im Anschluss an die Klärung dieser Fragen wäre die Kanondiskussion zu führen. Bei Thomas Kerstan kommen diese Grundsatzfragen zu kurz. Außerdem steht bei ihm die nationale Ebene zu sehr im Vordergrund. Auch Naturwissenschaft und Technik kommen viel zu kurz (ganz in der Tradition des deutschen Verständnisses von Allgemeinbildung), zudem wird die Frage nicht gestellt, welches Gewicht im Zeitalter der Globalisierung dem nationalen Kontext zukommt und wie wir überhaupt der Diversität in unseren Klassenzimmern -vor allem in den Städten -gerecht werden können. Kerstan geht nicht zuletzt von Absolventinnen und Absolventen der Sekundarstufe II aus -und behauptet, das sei die Mehrheit. Dabei lässt er genau jene Gruppe weg, die schon jetzt oft abgehängt wird -nämlich diejenigen, für die die (Aus-)Bildung bereits mit der 9. Schulstufe endet. Wir sollten im Hinblick auf diese Jugendlichen eher fragen, was man am Ende der Schulpflicht können oder wissen soll.

Georg Cavallar, Lehrer, Historiker, Philosoph

Was die Lehrplanreform betrifft, so müsste man sich einen etwaigen "Minimallehrplan" genau ansehen. Wer sollte den nach welchen Kriterien festlegen? Lehrpläne werden zwar häufig ignoriert, sie sind aber relevant für die Gestaltung der Schulbücher. Was Thomas Kerstans Kanon betrifft, so halte ich seine Idee grundsätzlich für gut -auch deshalb, weil damit gegenüber der grassierenden "Kompetenzorientierung" ein Kontrapunkt gesetzt werden kann. Ein Kanon könnte immerhin das Bewusstsein dafür schärfen, dass es nicht nur auf das medium, sondern auch auf die message ankommt. Jeder Kanon ist zwar auch subjektiv, die Experten können sich aber in der Literatur meistens auf einen Kernbestand von Klassikern einigen. Dazu gehören etwa George Orwells "1984" oder Goethes "Faust", Anne Franks Tagebuch, die Bibel oder der Koran. Je mehr man sich der Gegenwart nähert, desto zeitgeistiger und problematischer wird allerdings diese Liste.

Kerstans konkreter Kanon überzeugt mich wenig. Warum sollte "Der Reibert. Das Handbuch für den deutschen Soldaten" kanonischen Status erhalten? Ich bezweifle auch, dass es sinnvoll ist, heutigen Jugendlichen das "Weihnachtsoratorium" von Bach oder Wagners "Rheingold" vorzusetzen. Warum nicht Vivaldis "Vier Jahreszeiten" oder Ausschnitte aus Händels "Messiah"? Natürlich: Nicht alles, was gehört oder gelesen wird, muss zu einem Kanon gehören. Aber es wäre fragwürdig, wenn gar keine Texte des Kanons mehr gelesen würden.

Stefan Hopmann, Bildungswissenschafter

Thomas Kerstans Kanon ist hübsch ausgewählt: eine schräge, lockere Mischung von Inhalten und zugleich typisch norddeutsches Bildungsbürgertum. Als Spross desselben kenne ich das weitgehend. Das ist als intellektuelle Anstrengung nicht uninteressant, auch, um Fragen nach kulturellen Identitäten zu stellen, als Lehrplan aber ist es ungeeignet. Wichtiger als die Auswahl bestimmter Inhalte sind in der Schule nämlich deren Gehalte -das, was bei der Auseinandersetzung gelernt werden soll.

Die Kanon-Debatte und die Versuche, den Lehrplan zu kürzen, sind jedenfalls über 2500 Jahre alt. Wobei es große Missverständnisse gibt: erstens, dass es identisch sein könne, was im Lehrplan steht und was in der Schule unterrichtet wird. Es ist zwar lange katholische Tradition, an einem perfekten Lehrplan zu arbeiten, der genau vorgibt, was zu machen ist, doch durchgesetzt haben sich Rahmenpläne, die eine lokale Anpassung des Unterrichts möglich machen und dem Lehrer Methodenfreiheit geben. Die Klassen, Schüler und Lebenssituationen sind zu unterschiedlich, um alles über einen Leisten schlagen zu können, Lernen ist eben situativ, subjektiv und individuell. Dieses Problem verfolgt uns bis hin zur Zentralmatura.

Das zweite Missverständnis ist, dass es in der Schule darum ginge, Wissensberge anzuhäufen. Doch der Zweck von Schule ist vielmehr, unterschiedliche Modi des Weltverstehens zu vermitteln: mathematisch, ästhetisch, religiös, sprachlich. Deswegen kommt in der Schule auch fast alles, was lebensweltlich bedeutend ist, nicht vor: Jus, Erziehung etc. Aber das ist auch nicht der Zweck der Übung, das kann man im Alltag lernen. Es wäre deshalb auch falsch zu glauben, man könnte mit einem neuen Lehrplan den Unterricht verbessern. Die Regierung muss wissen, dass der soziale Kahlschlag im Bereich von Mindestsicherung oder Migrationspolitik, der zu mehr Kinderarmut führt, und der Unsinn, der mit den Deutschklassen getrieben wird, in den Schulen tausend mal wirksamer wird als alles andere.

Schule ist ständig im Umbruch - und auch der heurige Herbst bringt zahlreiche Premieren: Schulschwänzen wird härter bestraft, Rauchen wird am ganzen Schulgelände verboten und in der AHS-Unterstufe sowie Neuen Mittelschule beginnt die verbindliche Übung "Digitale Grundbildung". Die größte Aufregung haben freilich die neuen "Deutschförderklassen" ausgelöst: Neu-und Quereinsteiger ohne ausreichende Sprachkenntnisse erhalten darin separat 15 bis 20 Wochenstunden Deutschunterricht.

So heftig über die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme gestritten wird: Dass die Beherrschung der Unterrichtssprache zentral ist, gilt als common sense. Doch was muss darüber hinaus in der Schule vermittelt werden? Seit jeher werden dazu Vorschläge gemacht - begleitet von der Forderung, die Lehrpläne zu "entrümpeln". Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) will sie nun endgültig "abspecken, modernisieren, an die Zukunft anpassen", wie er dem Trend erklärte. Auf Anfrage der FURCHE sollen Fachdidaktiker und Praktiker alle Fachlehrpläne der Volksschule und Sekundarstufe I überarbeiten sowie "Mindestanforderungen" und weitere Ausprägungsgrade definieren. Lehrerinnen und Lehrer sollen dadurch "eine Brücke zwischen den Lehrplanzielen und den Beurteilungsstufen" legen können, heißt es. Auch soll "Zeit und Raum für aktuelle, zeitgemäße Inhalte" geschaffen werden -etwa für mehr digitale und wirtschaftliche Kompetenz.

Welche Inhalte zeitgemäß sind, hat sich Thomas Kerstan längst gefragt. Im Buch "Was unsere Kinder wissen müssen" plädiert der bildungspolitische Korrespondent der deutschen Wochenzeitung Die Zeit für eine Rückbesinnung auf konkrete Wissensinhalte statt diffuser Kompetenzen -und präsentiert einen aus 100 Werken bestehenden "Kanon für das 21. Jahrhundert"(s. u.). DIE FURCHE hat vier Bildungs-Fachleute gefragt, was sie von schlanken Lehrplänen und Kerstans noch schlankerem Kanon halten.

Isabella Zins, AHS-Direktorensprecherin

Wir hatten zwar in den letzten Jahren einige Lehrplanreformen -zuletzt semestrierte Lehrpläne als Vorbereitung der "Neuen Oberstufe"(NOST) - aber viele Lehrerinnen und Lehrer bedauern, dass die "Kompetenzorientierung" die konkreten Inhalte verdrängt hat. Wichtig wäre, die Lehrpläne knapper (also realistisch schaffbar) und konkreter zu gestalten, eventuell auch wieder mit einem Pflicht-und Kürbereich - und zwar ab dem Kindergarten in jeder Schulart.

Die Diskussion, die Thomas Kerstan angestoßen hat, kann hier eine wichtige Initialzündung sein. Ein Kanon schafft Orientierung in der weiten Welt des Wissens, darum hat man sich bei uns in den letzten Jahren herumgedrückt. Ich wünsche mir - vor der geplanten Lehrplanänderung -eine Diskussion darüber, welche (Kunst-)Werke unsere Kinder und Jugendlichen kennenlernen sollen. Persönlich wünsche ich mir als Altphilologin das verpflichtende Kennenlernen einiger klassischer Sagen und Mythen (wie der Metamorphosen des Ovid) und ihrer Rezeption in der Kunst. Als Deutschlehrerin halte ich viel davon, Schülern europäische und deutsche literarische Texte näherzubringen, die u. a. für die Rolle der Frau oder unsere europäische Identität bedeutsam sind. Wichtig ist, die Schülerinnen im richtigen Alter und mit einer passenden Didaktik für die Werke zu begeistern. Schade, dass diese Art von Literaturunterricht, der viel zur Persönlichkeitsbildung beiträgt, durch das Eintrainieren von Textsorten für die Zentralmatura reduziert werden musste.

Heidi Schrodt, "Bildung Grenzenlos"

Generell finde ich es gut, wenn wir uns wieder einmal der Frage zuwenden, was wir heute eigentlich wissen sollen, wenn wir die Schule verlassen. Bevor wir uns dieser Frage zuwenden, müssen wir allerdings eine grundlegendere Diskussion führen: Was muss ich heute können/wissen, um die Grundlage für ein gutes, selbstbestimmtes, glückliches Leben in einer demokratischen Gesellschaft zu haben, um in dieser Gesellschaft auf allen Ebenen partizipieren zu können? Und wie kann es gelingen, dass jedem Kind ungeachtet seiner Herkunft die Voraussetzungen mitgegeben werden, am Erwerbsleben und am kulturellen Leben teilzunehmen? Erst im Anschluss an die Klärung dieser Fragen wäre die Kanondiskussion zu führen. Bei Thomas Kerstan kommen diese Grundsatzfragen zu kurz. Außerdem steht bei ihm die nationale Ebene zu sehr im Vordergrund. Auch Naturwissenschaft und Technik kommen viel zu kurz (ganz in der Tradition des deutschen Verständnisses von Allgemeinbildung), zudem wird die Frage nicht gestellt, welches Gewicht im Zeitalter der Globalisierung dem nationalen Kontext zukommt und wie wir überhaupt der Diversität in unseren Klassenzimmern -vor allem in den Städten -gerecht werden können. Kerstan geht nicht zuletzt von Absolventinnen und Absolventen der Sekundarstufe II aus -und behauptet, das sei die Mehrheit. Dabei lässt er genau jene Gruppe weg, die schon jetzt oft abgehängt wird -nämlich diejenigen, für die die (Aus-)Bildung bereits mit der 9. Schulstufe endet. Wir sollten im Hinblick auf diese Jugendlichen eher fragen, was man am Ende der Schulpflicht können oder wissen soll.

Georg Cavallar, Lehrer, Historiker, Philosoph

Was die Lehrplanreform betrifft, so müsste man sich einen etwaigen "Minimallehrplan" genau ansehen. Wer sollte den nach welchen Kriterien festlegen? Lehrpläne werden zwar häufig ignoriert, sie sind aber relevant für die Gestaltung der Schulbücher. Was Thomas Kerstans Kanon betrifft, so halte ich seine Idee grundsätzlich für gut -auch deshalb, weil damit gegenüber der grassierenden "Kompetenzorientierung" ein Kontrapunkt gesetzt werden kann. Ein Kanon könnte immerhin das Bewusstsein dafür schärfen, dass es nicht nur auf das medium, sondern auch auf die message ankommt. Jeder Kanon ist zwar auch subjektiv, die Experten können sich aber in der Literatur meistens auf einen Kernbestand von Klassikern einigen. Dazu gehören etwa George Orwells "1984" oder Goethes "Faust", Anne Franks Tagebuch, die Bibel oder der Koran. Je mehr man sich der Gegenwart nähert, desto zeitgeistiger und problematischer wird allerdings diese Liste.

Kerstans konkreter Kanon überzeugt mich wenig. Warum sollte "Der Reibert. Das Handbuch für den deutschen Soldaten" kanonischen Status erhalten? Ich bezweifle auch, dass es sinnvoll ist, heutigen Jugendlichen das "Weihnachtsoratorium" von Bach oder Wagners "Rheingold" vorzusetzen. Warum nicht Vivaldis "Vier Jahreszeiten" oder Ausschnitte aus Händels "Messiah"? Natürlich: Nicht alles, was gehört oder gelesen wird, muss zu einem Kanon gehören. Aber es wäre fragwürdig, wenn gar keine Texte des Kanons mehr gelesen würden.

Stefan Hopmann, Bildungswissenschafter

Thomas Kerstans Kanon ist hübsch ausgewählt: eine schräge, lockere Mischung von Inhalten und zugleich typisch norddeutsches Bildungsbürgertum. Als Spross desselben kenne ich das weitgehend. Das ist als intellektuelle Anstrengung nicht uninteressant, auch, um Fragen nach kulturellen Identitäten zu stellen, als Lehrplan aber ist es ungeeignet. Wichtiger als die Auswahl bestimmter Inhalte sind in der Schule nämlich deren Gehalte -das, was bei der Auseinandersetzung gelernt werden soll.

Die Kanon-Debatte und die Versuche, den Lehrplan zu kürzen, sind jedenfalls über 2500 Jahre alt. Wobei es große Missverständnisse gibt: erstens, dass es identisch sein könne, was im Lehrplan steht und was in der Schule unterrichtet wird. Es ist zwar lange katholische Tradition, an einem perfekten Lehrplan zu arbeiten, der genau vorgibt, was zu machen ist, doch durchgesetzt haben sich Rahmenpläne, die eine lokale Anpassung des Unterrichts möglich machen und dem Lehrer Methodenfreiheit geben. Die Klassen, Schüler und Lebenssituationen sind zu unterschiedlich, um alles über einen Leisten schlagen zu können, Lernen ist eben situativ, subjektiv und individuell. Dieses Problem verfolgt uns bis hin zur Zentralmatura.

Das zweite Missverständnis ist, dass es in der Schule darum ginge, Wissensberge anzuhäufen. Doch der Zweck von Schule ist vielmehr, unterschiedliche Modi des Weltverstehens zu vermitteln: mathematisch, ästhetisch, religiös, sprachlich. Deswegen kommt in der Schule auch fast alles, was lebensweltlich bedeutend ist, nicht vor: Jus, Erziehung etc. Aber das ist auch nicht der Zweck der Übung, das kann man im Alltag lernen. Es wäre deshalb auch falsch zu glauben, man könnte mit einem neuen Lehrplan den Unterricht verbessern. Die Regierung muss wissen, dass der soziale Kahlschlag im Bereich von Mindestsicherung oder Migrationspolitik, der zu mehr Kinderarmut führt, und der Unsinn, der mit den Deutschklassen getrieben wird, in den Schulen tausend mal wirksamer wird als alles andere.