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Fasten

DISKURS
Fasten - © Foto: iSotck / Nataliia Yankovets (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)

Fasten: Aus für den „Autopiloten“

1945 1960 1980 2000 2020

Fasten ist mehr als Essensverzicht, um das Optimalgewicht zu erreichen oder gesund zu bleiben. Es ist ein Weg zu sich selbst, ein Weg der Besinnung auf das Wesentliche, ein Weg der Erneuerung, Befreiung und Solidarität.

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Fasten ist mehr als Essensverzicht, um das Optimalgewicht zu erreichen oder gesund zu bleiben. Es ist ein Weg zu sich selbst, ein Weg der Besinnung auf das Wesentliche, ein Weg der Erneuerung, Befreiung und Solidarität.

Ende Februar gibt es kaum Gemüse – außer Kohl, Kraut, Rüben und winterfeste Salate. Gewöhnlich merkt man dies nicht, weil das viele bunte Gemüse in den Regalen der Supermärkte zumeist aus anderen, wärmeren Gefilden kommt. Doch wenn die Städterin Mitglied bei einem „Gemeinsam Landwirtschaften“-Projekt ist, dann weiß sie: In der Zeit nach Weihnachten ist Winterpause, das neue Wachstum beginnt – zaghaft – erst um Ostern herum. Wenig essen war angesagt, wenn es wenig zu essen gab.

Früher – mit Globalisierung und industrialisierter Landwirtschaft sind Nahrungsmittel jedenfalls in unseren Breitegraden mehr als genug vorhanden. Wer heute fastet, sprich für eine kurze Zeit wenig oder keine Nahrung aufnehmen will und etwa an einer Fastenkur teilnimmt, tut dies aus unterschiedlichsten Motiven – Gewichtsverlust und Gesundheit sind die häufigsten. Wie aus der medizinischen Forschung bekannt, ist eine Fastenkur aber nur dann erfolgreich, wenn eine dauerhafte Verhaltensänderung erfolgt – sprich andere, hilfreichere Lebensgewohnheiten Einzug nehmen. Ansonsten droht zum Beispiel beim Gewicht ein Jojo-Effekt, und ohne gesündere Ernährung usw. nützt eine Fastenkur nichts. Mit anderen Worten: Es geht beim Fasten um eine positive Veränderung des Lebensstils, nicht um einen Verzicht um des Verzichtens willen. Wer fastet, unterbricht den „Autopiloten“, der sehr oft das eigene Leben unbemerkt lenkt. Routinen und Gewohnheiten, die vielleicht irgendwann hilfreich waren, aber nun ein Hindernis sind, können sichtbar werden. Dann lassen sie sich auch verändern – nicht schnell, doch bei Ausdauer dauerhaft.

Auf Visionssuche

Fasten ist auch ein Weg zu sich selbst. Die Nahrungsaufnahme ist eine der grundlegendsten Beziehungen zur Welt – von den ersten Momenten bis zum Ende des Lebens. Deswegen ist eine Unterbrechung der gewohnten Ess-Rituale so hilfreich, weil einem dadurch manches klarer werden kann. Menschen, die auf der Suche nach einer neuen Orientierung im Leben sind, unternehmen manchmal eine Visionssuche: Sie verbringen einige Tage allein und ohne Nahrung im Wald, um sich auf diese Weise zu „unterbrechen“ und den Blick zu klären auf das, was wirklich wichtig ist. Die Visionssuche ist ursprünglich ein religiöses oder spirituelles Ritual nordamerikanischer Indianervölker, das in den 1970er Jahren von Weißen übernommen und für Westler adaptiert wurde. Doch nicht nur bei den Indianern gibt es Fastenrituale. Fasten ist eine sehr alte spirituelle Praxis der Menschheit, denn in allen Religionen finden sich Formen des Fastens. Am bekanntesten ist heute wohl der Ramadan, der für Musliminnen und Muslime eine Zeit der Besinnung und persönlichen „Reinigung“, aber auch der karitativen Tätigkeit ist. In der mystischen Richtung des Islam, bei den Sufis, gibt es das sogenannte Halvet, wörtlich eine „spirituelle Einkehr“.

Vierzig Tage verbringen die Lernenden in Zurückgezogenheit, sie fasten und folgen spirituellen Übungen und Unterweisungen, um „leer“ zu werden von Egoismen aller Art – als Voraussetzung für die Erfahrung Gottes. Nicht zufällig erinnert diese Übung an die vierzig Tage, die Jesus fastend in der Wüste verbrachte, als Vorbereitung seines öffentlichen Auftretens. In den Hindu-Traditionen gibt es eine ganze Reihe von Fasttagen aus verschiedenen Anlässen, und auch im Yoga spielt Nahrungsenthaltung eine Rolle. Buddhistische Mönche der Theravada- Richtung üben „Intervallfasten“ – sie essen nur in der Früh und zu Mittag. Nach buddhistischem Selbstverständnis ist dies ein „mittlerer Weg“ – weder enthält sich ein Mönch komplett des Essens noch gibt er sich der Völlerei hin. Der große jüdische Feiertag Jom Kippur, der Versöhnungstag, ist ein Fasttag – denn die Menschen sollen sich untereinander und mit Gott versöhnen, zur Ruhe kommen und durch die Unterbrechung ihrer üblichen Aktivitäten zu einem Neubeginn fähig sein.

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