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Fasten

Fasten Freiheit - © Foto: Ales Krivec / Unsplash
Feuilleton

Vom Fasten als Kampf um die richtige Freiheit

1945 1960 1980 2000 2020

Dank moderner Medizin und Lebensmittelproduktion sowie der Säkularisierung müssen wir uns beim Essen kaum noch einschränken. Grenzen bleiben dennoch.

1945 1960 1980 2000 2020

Dank moderner Medizin und Lebensmittelproduktion sowie der Säkularisierung müssen wir uns beim Essen kaum noch einschränken. Grenzen bleiben dennoch.

Im Essen überschreitet der Mensch die Grenze des Körpers und vereinigt sich mit der Welt. Das Essen beweist uns tagtäglich, dass wir leiblich an der Welt partizipieren und ihrer bedürfen, um zu überleben. Bei der Nahrungssuche und auch bei der Verdauung wird bereits zwischen gut und schlecht, essbar und nicht essbar bzw. bekömmlich und schädlich unterschieden. Nur manches wird vom Körper assimiliert, d. h. "humanisiert", der Rest wird ausgeschieden. Der lange Weg zum Eigenen und zur Eigentlichkeit geht über die Aneignung der Welt durch das Essen. Aneignung bedeutet aber nicht nur Vernichtung. Das Wort "bekömmlich" verweist durch seine Herkunft auf ein Gedeihen durch das Essen, das einem behagt. Essen ist nicht nur Verzehr, wie Hegel meinte, sondern ebenso eine Gabe.

"Man ist, was man isst", besagt ein Sprichwort. Doch wir sind nicht nur das, was wir uns ähnlich machen, sondern ebenso das, was wir nicht vertragen. Erst was uns nicht bekommt, macht uns den präpersonalen Vertrag des Leibs mit der Welt (Merleau-Ponty) bewusst, die gleichsam prästabilierte Harmonie zwischen unserem Bedürfnis und einem Teil der Welt, der es zu stillen vermag. Unbekömmliche Lebensmittel wirken wie Fremdkörper im Körper. Vor allem der chronisch oder stark Leidende fühlt sich selbst von der Welt abgeschnitten.

Zwischen Säugling und Gott

Häufig kann der Hunger nicht wegen des Mangels im Körper nicht gestillt werden und auch nicht wegen des objektiven Mangels an Nahrungsmitteln, sondern wegen des fehlenden Zugangs zu den Gütern aufgrund des sozialen Mangels einer ungerechten Verteilung (Jean Ziegler); die wesentliche Bedürftigkeit der conditio humana (Kant) spezifiziert sich sozioökonomisch als Hungersnot.

Im Essen überschreitet der Mensch die Grenze des Körpers und vereinigt sich mit der Welt. Das Essen beweist uns tagtäglich, dass wir leiblich an der Welt partizipieren und ihrer bedürfen, um zu überleben. Bei der Nahrungssuche und auch bei der Verdauung wird bereits zwischen gut und schlecht, essbar und nicht essbar bzw. bekömmlich und schädlich unterschieden. Nur manches wird vom Körper assimiliert, d. h. "humanisiert", der Rest wird ausgeschieden. Der lange Weg zum Eigenen und zur Eigentlichkeit geht über die Aneignung der Welt durch das Essen. Aneignung bedeutet aber nicht nur Vernichtung. Das Wort "bekömmlich" verweist durch seine Herkunft auf ein Gedeihen durch das Essen, das einem behagt. Essen ist nicht nur Verzehr, wie Hegel meinte, sondern ebenso eine Gabe.

"Man ist, was man isst", besagt ein Sprichwort. Doch wir sind nicht nur das, was wir uns ähnlich machen, sondern ebenso das, was wir nicht vertragen. Erst was uns nicht bekommt, macht uns den präpersonalen Vertrag des Leibs mit der Welt (Merleau-Ponty) bewusst, die gleichsam prästabilierte Harmonie zwischen unserem Bedürfnis und einem Teil der Welt, der es zu stillen vermag. Unbekömmliche Lebensmittel wirken wie Fremdkörper im Körper. Vor allem der chronisch oder stark Leidende fühlt sich selbst von der Welt abgeschnitten.

Zwischen Säugling und Gott

Häufig kann der Hunger nicht wegen des Mangels im Körper nicht gestillt werden und auch nicht wegen des objektiven Mangels an Nahrungsmitteln, sondern wegen des fehlenden Zugangs zu den Gütern aufgrund des sozialen Mangels einer ungerechten Verteilung (Jean Ziegler); die wesentliche Bedürftigkeit der conditio humana (Kant) spezifiziert sich sozioökonomisch als Hungersnot.

Die Bedürftigkeit des Menschen geht über jene des Tiers hinaus, denn seine Bedürfnisse werden auch (zum Teil erst) durch die von ihm hergestellten Welten befriedigt.

Um konkrete Bedürfnisse zu stillen, müssen Gegenstände zuallererst besorgt werden. Mit Heidegger wird der Welt im Alltag gerade "im Wie des Besorgtseins" begegnet. Die leibliche Bedürftigkeit zur Nahrungsaufnahme blendet er aber aus. "Das Dasein hat keinen Hunger. Es hat keinen Leib", spöttelte Günther Anders; er verortete den Menschen zwischen dem gestillten Kind und Gott, die beide die Sorge des Sich-Ernährens los sind. Dem Menschen eignet dagegen die Bedürftigkeit als ein Nicht-Sein oder höchstens ein Sein, das die Abhängigkeit von der Welt anzeigt; im Grenzfall fungiert der Hunger als ein Warnsignal des Todes, d. h. der Wiederinkorporierung in das Nichtsein.

Die ursprüngliche Form des Besorgens war die Jagd. Das Verfolgen einer Beute stellt für Anders nicht nur überhaupt die erste Form der Intentionalität dar, sondern in der Ausdehnung zwischen Bedürfnis und Befriedigung gründet auch die Struktur der Zeit als Noch-nicht, Jetzt und Nicht-mehr. Die Bedürftigkeit des Menschen geht über jene des Tiers hinaus, denn seine Bedürfnisse - wie das Kochen beweist - werden auch (zum Teil erst) durch die von ihm hergestellten Welten befriedigt. Schließlich ist die Bedürftigkeit auch für die Bildung eines Zeitkontinuums verantwortlich: Der Mensch leidet an einem chronischen "Hungern" für die Welt, das nur zeitweilig in der Sättigung beseitigt wird.

Aus der Perspektive des Nicht-Essen-Könnens wirkt das freiwillige Hungern unverständlich. Denn was kann einen zwingen, nachdem man sich von äußeren Zwängen wie Krankheit und Armut befreit hat, sich selbst Grenzen zu setzen und paradoxerweise gerade dadurch die höhere Freiheit zu erreichen? Stillt diese Selbstbeschränkung vielleicht einen "Hunger" nach Sinnhaftigkeit? Die Entscheidung, auf das Unwesentliche zugunsten des Wesentlichen zu verzichten, begründet die Bescheidenheit als Gefälle zwischen dem Sein und der Erscheinung. Ihr religiöses Vorbild ist das Fasten. Dieses setzt zwar Krankheit und Armut nicht außer Kraft, aber relativiert sie und entkräftet sogar den Tod als vermeintlich letzte Grenze.

Der Verzicht stellt eine berechtigte Reaktion auf den Überfluss und den Dauerkonsum dar.

Auch das Fasten ist ein Kampf um Freiheit; die Leidenschaften werden bekämpft, um die Seele als imago dei zu befreien. Nichtsdestoweniger eignet dem Fasten eine gewisse Ambivalenz: Für die Wüstenväter und Paissios den Agioriten steht das Fasten im Zeichen des Körper-Seele-Dualismus. Anselm Grün sieht dagegen in diesem "Beten mit Leib und Seele" das "Annehmen unseres Leibes" und die Beeinflussung der Seele gerade über den Körper. Unklar bleibt oft, ob das Fasten definitiv auf Genuss verzichtet oder eher durch eine Art Verzögerungstaktik in die Ewigkeit "investiert". Sind die "Athleten Christi", wie die Asketen genannt werden, dann nichts anderes als Marathonläufer des Glaubens, auch wenn sie nicht soziale Anerkennung anstreben (dürfen)? Und sind umgekehrt die Sportdiäten und die zeitgenössische "Diätsucht" eine "neue Askese", mit einem Ausdruck von Thomas Macho? Hält der Fastende an seinem unglücklichen Leben fest (Nietzsche) oder gewinnt er eine innere Freiheit durch Loslassen?

"Genussorientierte Parodie"

Theologen und Philosophen treffen einander bei der positiven Assoziierung des Fastens mit der Leichtigkeit als Lebensstimmung. Fasten entspannt und befreit zu einer "evangelischen Sorgenlosigkeit"(Gabriel Bunge). Die Wüstenväter sind wie Menschen, die sich des unnötigen Gepäcks entledigen, um leichter zu reisen, meint auch John Chrysavgis. Und sogar Macho, der sowohl die "Fastentorturen syrischer Wüstenmönche" als auch die aktuelle "genussorientierte Parodie" der Askese zurückweist, schätzt im Fasten die Emanzipation von der Bedrohung des Hungers in den traditionellen Agrargesellschaften.

Der Verzicht stellt eine berechtigte Reaktion auf den Überfluss und den Dauerkonsum dar; wenn alles jederzeit unmittelbar da, d. h. verfügbar ist, sehnt sich die Gesellschaft nach Entzug und Leichtigkeit. Für einen Philosophen wie Anders bedingt eine solche Abwesenheit überhaupt die Reflexion und die geistige Arbeit als Abstandnehmen. Für einen Gläubigen gleicht die Fastenzeit einer offenen Abwesenheit zwischen zwei Anwesenheiten des Herrn; Erinnern und Erwarten stellen eine Zeitstruktur und eine Richtung gegen die unmittelbare Appetitbefriedigung her.

Auf sich selbst zurückgeworfen

Im Mittelpunkt des Fastens steht somit nicht der Hunger, sondern das Loslassen. "We can always manage with less than we have" (Chrysavgis) - das erinnert nochmals an die Bescheidenheit. Was heißt aber "weniger"? Gibt es ein Maß des Fastens? Was geschieht, wenn das "weniger" in einer unaufhaltsamen Spirale zu einem "immer weniger" wird? Wird im Fasten der Ballast des Alltags oder der Welt-und Wirklichkeitsbezug überhaupt über Bord geworfen? In der Tat verlangt die Selbstbegrenzung esprit de finesse; denn wahrhaftes Fasten führt nicht zu Anorexie, sondern kann Essstörungen und Süchte heilen helfen, es ist nichts weniger als ein Verzicht auf das Überflüssige und auf die vollständige Erfüllung der Bedürfnisse.

Eine "Kunst des Fastens"(Bunge) ist nötig, um die eigenen Kräfte richtig einschätzen zu lernen, um zwischen Sollen, Wollen und Können zu unterscheiden und die Fastenvorschriften an die jeweiligen Lebensumstände anzupassen. Letztlich liegt es am Umgang mit der eigenen Freiheit. Fasten wirft wie Kranksein und Hunger den Menschen auf sich selbst zurück -und erfordert damit die Reflexion auf Leiblichkeit, Sozialität und Transzendenz.

Die Autorin ist Privatdozentin für Philosophie an der Universität Wien