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Das Kreuz mit der Wirklichkeit

In seinem brillanten Aufsatz „Kreuzigung und Erleuchtung" schreibt Daisetz Taita-ro Suzuki, der wohl kundigste Zen-Lehrer in der westlichen Welt, der sprachlich wie ideologisch mit der christlich-westlichen Mentalität vertraut ist: „Immer wenn ich das Bild des gekreuzigten Christus sehe, muß ich an die tiefe Kluft denken, die zwischen Christentum und Buddhismus liegt. Die Kluft ist symbolisch für den psychologischen Unterschied zwischen Ost und West. Das persönliche Ich wird im Westen stark betont. Im Osten gibt es kein Ich. Das Ich ist nicht-existent, und daher gibt es kein Ich, das man kreuzigen könnte." Das ist nicht zufällig gesagt. Auch der Hindu Shri Aurobindo, der mit seinem „Integralen Yoga" der westlich-christlichen Mentalität wie kein anderer - Tagore ist Poet, Ghandi Ethiker - nahesteht (er kritisierte die Reinkarnationsideologie), bekennt sein NichtVerständnis von der christlichen Lehre vom Kreuz.

Der Hintergrund ging mir in den Gesprächen mit Karlfried Graf Dürckheim auf. Geht es nach ihm, dann ist Sterben des spirituellen Menschen einfachhin ein „Wechseln des Standbeins". Das „Spielbein", das schon immer in der Transzendenz zu Hause ist, werde mit einer leichten Bewegung zum „Standbein". (Wie man mir berichtete, ist er selbst aber schwer gestorben und hat - vielleicht deshalb - einen sehr christlichen letzten Dialog hinterlassen.)

Mit anderen Worten ausgedrückt soll dies heißen: Ein wirklich spiritueller Mensch muß in der inneren Ruhe und meditativen Tiefe die (körperlich-psychisch-geistigen) Abhängigkeiten soweit überwunden haben, daß der letzte Schritt aus dieser unserer Welt hinaus wie im Hauch geschehen könne. So schreibt Suzuki: „In bestimmter Hinsicht ist der östliche Geist nicht auf die Leiblichkeit der Dinge gerichtet. Das relative Ich geht still und ohne viel Aufhebens im Leib des transzendenten Ichs auf."

Damals hielt ich Dürckheim folgendes entgegen: Dann ist Jesus Christus das Gegenbild des „spirituellen" Ideals, denn er starb schwer, und sein letzter Ruf klingt wie ein Protest gegen Gott. Ein Protest, der heute von der Theologie-nach-Auschwitz aufgegriffen und von J. B. Metz - mit viel Recht - als die einzige ehrliche Möglichkeit bezeichnet wird, in unsere Welt an Transzendenz, an Gott zu glauben.

Romano Guardini, der - leider verschollene - Vorlesungen zum Buddhismus hielt und in seinen letzten Lebensjahren vom Leid gezeichnet war, meinte das gleiche: Wenn er vor dem

Christus am Kreuz

nahm die Wirklichkeit auch im Leiden und im Tod an.

Genau diese Haltung scheidet die „spirituellen" Geister voneinander.

Allmächtigen stehe, werde er fragen: Warum das furchtbare Leid?

Eine intellektuelle Antwort darauf gibt es nicht, aber eine Wegweisung für das Leben. Guardini hatte ein hohe Ehrfurcht vor Buddha: Um ihm begegnen zu können, müsse man ganz rein, ganz lauter und ohne ideologische Verhärtung sein. Die christlich-buddhistisch-hinduistischen Synkre-tisten zitieren dies gerne, unterschlagen aber, daß Guardini (beispielsweise im „Herrn") gleich danach den Unterschied zwischen Buddha und Jesus zeigt: Jesus (und in Jesus: Gott) ist in das menschliche Leid hineingestiegen, Buddha habe sich in seiner Askese darum bemüht, aus dem Leid und den Abhängigkeiten (die Leid verursachen) ins höhere „Bewußtsein" aufzusteigen.

Jeder, der sich mit östlicher Religiosität beschäftigt, erkennt, daß Guardini damit - natürlich schlagwortartig - auf einen kritischen Punkt hinweist. Auch die Solidarität des

Boddhisattva und das „karuna" (Erbarmen) im Pali-Kanon messen an der Überwindung des Leids schon in dieser Weltzeit den spirituellen Menschen. Gewiß muß er durch das Leiden hindurch - aber um endgültig davon befreit zu werden.

Lassen wir das Beispiel Jesu beiseite, und schauen wir in die christliche Mystik. Dort findet man (wie auch in den Schwesternreligionen Judentum und Islam) eine Leidens- und Kreuzesmystik. Es geht um ein Mitleiden mit Jesus als Aufgabe und auch als Endziel des irdischen Lebens, anstatt einer Überwindung des Leids zur überlegenen Weisheit. Das Beispiel Therese von Lisieux möge genügen: Sie ist nicht - wie Suzuki den Tod Buddhas beschreibt - „heiter unter dem Sala-Zwillingsbaum liegen(d)" gestorben, sondern schwer, in furchtbarem Todeskampf.

Natürlich gibt es auch perverse, selbstquälerische Praktiken in der christlichen (auch in der hinduisti-schen und buddhistischen) Mystik. Aber es geht hier um den Idealtypus (Max Weber). Christlich gesehen ist der spirituelle Mensch nicht vor allem der, welcher über alle Widrigkeiten der Welt erhaben ist; es gibt diesen, aber nicht als Norm der Spiritualität oder der Mystik. Wenn man überhaupt - mit großem Vorbehalt -„Normen" vorbringen darf, dann ist der Idealtypus der „offene" Mensch: offen für Gott, offen für die Leiden der Welt, offen auch für die eigene Schwäche. Diese Offenheit kann sich auch im furchtbaren Todeskampf, im Ringen mit Gottes Willen, im Aufschrei des Schmerzes oder im bleibenden Suchen zeigen. Daß sich solches auch außerhalb des Christentums findet, bestätigt den Glauben an Gott, der größer ist als die Vorstellung von Weisheit, den Glauben an Jesus, dessen befreiende Kraft allen Menschen ohne Ausnahme gehört.

Fassen wir die Botschaft vom Kreuz, die nach Paulus Mitte des Christentums ist, genauer ins Auge:

1) Unsere evangelischen Geschwister schärfen uns ein, daß die Katholiken zu leichtfertig mit der Osterbotschaft umgehen und vergessen, daß sie eine Hoffnung ist, die über die Weltzeit hinausragt. Sie gibt keine manipulierbare Handhabe - weder der Soziologie, als könnten wir das irdische Paradies erreichen, noch der Psychologie, als könnten wir (meditativ oder anders) jetzt schon zu vollkommenen Menschen werden.

2) Doch gerade aus dem Verwiesensein auf diese unsere Weltwirklichkeit, die in der Kreuzesbotschaft liegt, wuchs und wächst das Engagement zur Weltverbesserung. Die Befreiungstheologie ist ein lebendiger Beweis, wie eng Kreuzesspiritualität und revolutionärer Einsatz für die Befreiung zusammengehören.

3) Verständlich wird dies aus dem Geschenk- und Gnadencharakter des Christentums, der in der Kreuzes-Botschaft liegt. Meine Identität ruht letztlich nicht in mir, sondern in Gott. Das ist der Angelpunkt der Auferstehungshoffnung, die auf Ostern zeigt. Und gerade deshalb ist uns Menschen die Aktivität zum Engagement für unsere Welt freigegeben. Wenn der endgültige Erfolg

des aktiven Lebens oder des Sterbens nach spiritueller Reife von meinem Einsatz abhinge, müßte ich entweder resignieren oder totalitär agieren. Die Geschichte, wie sehr das Ja zur Gebrochenheit des Diesseits und zum Geschenk Gottes, das allein die Vollendung bringt, zur Aktivität aufrief; spirituell gesagt: wie sehr das ehrliche Bekenntnis zur eigenen Kleinheit Offenheit für Gott freisetzte.

4) Die notwendige Pflege der menschlichen Identität darf nur ein Teil der christlichen Spiritualität sein. Sie soll vor allem Offenheit und Sensibilität des Hörens und Schauens und Fühlens pflegen. Das alleinige Ideal des „kaloskagathos" (schön und gut) ließe die Spiritualität zur psychologischen Lebenshilfe verkommen.

5) Philosophisch ist das Gesagte an der Begegnungsphilosophie zu verifizieren, von Martin Bubers Ich-Du-Philosophie bis zu Emmanuel Levinas Denken des anderen. Theologisch bedeutet dies, daß kein Einheits-Denken und -Erfahren (von Plotin bis zum Deutschen Idealismus, zum weltanschaulichen Synkretismus) Gott und seine Welt umgreifen können.

Der Autor ist

Jesuit, Theologe und Buchautor und lehrt in Innsbruck und an der Harvard- Universität

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