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Mystik und der Schrei nach Gerechtigkeit

Der Theologe Johann Baptist Metz plädiert für eine "Mystik der offenen Augen“. Damit meint er, es gelte, die politische Mystik der Bibel wiederzuentdecken.

"Der Christ von morgen wird ‚Mystiker‘ sein, oder er wird nicht mehr sein.“ Wohl kaum ein Satz des Theologen Karl Rahner wird heute häufiger zitiert, wenn es gilt, die Hoffnung zum Ausdruck zu bringen, dass Religion und Kirche in den Stürmen der Säkularisierung auch zukünftig nicht untergeht. Tatsächlich verweisen Trendforscher seit den 1990er-Jahren auf die wachsende Bedeutung von Spiritualität und Mystik - auch wenn die konkrete Bedeutung oftmals verwaschen undeutlich bleibt. Von Seiten der Theologie wurden solche Hinweise zumeist dankbar aufgegriffen. Haben wir es nicht schon immer gewusst - der Mensch ist und bleibt halt ein homo religiosus!

Doch abgesehen von der Frage, wo die spirituelle Buntheit sich - gerade unter der Jugend - tatsächlich zeigt und ob es tatsächlich zu einem "in Gott eintauchen, bei den Menschen auftauchen“ kommt, wie es der Wiener Pastoraltheologe Paul M. Zulehner formuliert, lohnt die Frage, ob diese Frömmigkeitsformen noch auf biblischem Boden stehen. Massive Zweifel daran hegt etwa der Münsteraner Theologe Johann Baptist Metz. Plakativ stellt er in einem neuen Buch diese "Mystik der geschlossenen Augen“ der biblischen "Mystik der offenen Augen“ gegenüber. Tatsächlich trat Metz mit dieser Kritik bereits seinem Lehrer Rahner entgegen, dem er eine eben solche "Mystik der geschlossenen Augen“ vorwarf.

Rahner: Mystik der geschlossenen Augen?

Die christliche Gotteserfahrung hingegen sei laut Metz "eingeschworen auf die Wahrnehmung des Schicksals der Anderen“. Wer so Gott sage, nehme zugleich die Verletzung der eigenen Gewissheiten durch das Leiden der anderen in Kauf. Der Vorwurf lautet damit zugespitzt: Was wir heute als neue Formen der Spiritualität und Mystik kennzeichnen, ist antlitzlose, von jedem Schrei nach Gerechtigkeit entkernte Naturmystik - und damit letztlich eine verkürzte, eine halbierte Mystik. Biblisch wäre eine Antlitz-suchende politische Mystik in der Nachfolge Jesu.

Was veranlasst den Theologen zu dieser harschen Kritik? Ist sein Zwischenruf mehr als der bloße Vorbehalt eines wütenden alten Mannes? Ja. Denn Metz’ Plädoyer für einen politisch gewendeten Mystik-Begriff basiert auf einer scharfen, nicht leicht von der Hand zu weisenden Zeitdiagnose: So macht er in den gegenwärtigen Spiritualitätswolken zwei Gefahren aus: die Gefahr einer "theologischen Entzeitlichung“ der Rede von Gott und die Gefahr einer Privatisierung der biblischen Botschaft. Wo die neue Spiritualität auf das Ewige, Jenseitige abhebt, ruft der biblische Glaube dazu auf, das Diesseits nicht vorzeitig aufzugeben; und wo der spirituelle Mensch "Deus caritas est - - Gott ist Liebe“ seufzt, da droht er die eigentliche - gerade nicht private, sondern umfassende Botschaft der Gottesgerechtigkeit zu unterschlagen. Denn Gott - so Metz in einer scharfen Wendung gegen die gleichnamige Enzyklika Benedikts XVI. - sei nicht nur Liebe, sondern immer auch Gerechtigkeit.

Anders gesagt: Es ist gerade die Frage nach der Gerechtigkeit für die unschuldig leidenden Opfer, die Theodizeefrage, die jede mystische Beruhigung des Ich durchbricht und Unruhe stiftet im Horizont spiritueller Erfahrung. Wenn schon der Schriftsteller Heiner Müller sagen konnte, dass Optimismus im Blick auf die menschliche Leidensgeschichte ein "Mangel an Information“ sei - um wie viel mehr gilt dies für den Blick des auf Gottes Gerechtigkeit hoffenden Menschen!

Biblische Mystik eröffnet den Horizont auf das ganz andere hin - sie verschließt ihn nicht durch Versenkung ins eigene Ich, sondern ruft in Begegnung mit dem Nächsten. Sie verweist den Christen in eine Diesseitigkeit ohne kontemplative Hintertür; denn - so schrieb es der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer aus der NS-Haft: "Das Diesseits darf nicht vorzeitig aufgehoben werden.“

Um christliches Leben in religionsloser Welt

Überhaupt Bonhoeffer. Noch aus dem Kerker und unmittelbar vor seiner Hinrichtung als konspirativer Widerständler gegen Hitler schrieb er, dass unser Christsein heute nur mehr in zweierlei bestehen könne: "Im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.“ Sein eigenes Leben gibt Zeugnis davon, dass es sich dabei nicht um zwei unabhängige Momente handelt, sondern um einen einzigen, beide Elemente verbindenden Vollzug christlichen Glaubens. Die Mystik, die Bonhoeffer lebte, erkannte, wie er in einem anderen Brief schreibt, das Jenseitige nicht im "unendlichen Fernen“, sondern im Nächsten.

Seine Fragen bleiben: "Was bedeutet eine Kirche, eine Gemeinde, eine Predigt, eine Liturgie, ein christliches Leben in einer religionslosen Welt? Wie sprechen wir von Gott - ohne Religion? Wie sind wir ek-klesia, Herausgerufene, ohne uns religiös als Bevorzugte zu verstehen, sondern vielmehr als ganz zur Welt Gehörige?“

Eine Antwort wäre die Wiederentdeckung eben jener Mystik der offenen Augen. Mit ihrer genuin-praktischen Flanke weigert sie sich, dem neospirituellen Reflex zu folgen und die Augen im gleißenden Licht der unüberwindbar scheinenden gesellschaftlichen Herausforderungen schmerzenden Augen zu schließen - und sich damit letztlich zu Komplizen der herrschenden Apathie zu machen. Sie wäre damit im besten Sinne Alltagsmystik, eine Lebenshaltung, die an der Möglichkeit einer Gegen-Geschichte, am Aufleuchten des Heils durch alle säkulare Profanität hindurch festhält. Wohlgemerkt: durch die Profanität hindurch, um sie zu bewältigen - nicht, um sie zu negieren.

Gewiss, wo das Ich in den Mühlen der Ökonomie und der Banalitäten zerrieben zu werden droht, hat das Individuum alles Recht der Welt, sich nach Halt, nach Orientierung umzusehen, nach einem neuen Fundament zu suchen, nach Rettung zu rufen. Eine biblische Lebensweise "vom Anderen her“ ruft jedoch in Erinnerung, dass es kein Leben ohne die Antlitze der anderen gibt, kein Hoffen für mich allein. Denn was bedeutet die Rede von der universalen Gleichheit aller Menschen anderes als dies: Dass es kein Leiden in der Welt gibt, das uns nichts angeht.

Die Sprache des politischen Mystikers ist im Übrigen nicht die Sprachform des gecoachten Realpolitikers. Es ist - das Gebet. Denn das Gebet in der Nachfolge Jesu ist immer zweierlei: Ein Schrei der Verlassenheit in der bitter-süßen Gottlosigkeit der Welt - und die damit einhergehende Bitte um Gott selbst - ganz biblisch im Übrigen, denn mit ihr endet das Neue Testament: "Maranatha! Komm, Herr Jesus!“

Mystik der offenen Augen

Wenn Spiritualität aufbricht

Von Johann B. Metz, hg. von J. Reikerstorfer

Herder 2011, 259 Seiten, geb. e 25,70

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