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In memoriam Johann Baptist Metz

Johann Baptist Metz  - © Foto:  picturedesk.com / SZ Photo
Religion

Gottesrede in scheinbar gottloser Zeit

1945 1960 1980 2000 2020

Johann Baptist Metz hat vieles beeinflußt: das jüdisch-christliche Gespräch, die feministische Befreiungstheorie und eine christliche Theologie nach Auschwitz.

1945 1960 1980 2000 2020

Johann Baptist Metz hat vieles beeinflußt: das jüdisch-christliche Gespräch, die feministische Befreiungstheorie und eine christliche Theologie nach Auschwitz.

Wohin ist Gott? Seit dem vergangenen Jahrhundert sagen einige, er sei "tot". Naturwissenschafter erklären/erhärten, er sei in ihrem Weltbild nicht zu finden. Aber meinen, Gott habe sich verborgen. Sogar Fromme fragen, ob er uns noch hilft. Materialisten sagen, die Vorstellung Gott interessiere sie nicht mehr. Die Menschen seien vom Selbstgemachten fasziniert, vor kinetischen Bildern blind, vom eigenen Lärm taub geworden. Seit die pluralistische Gesellschaft immer permissiver, flüchtiger, gegenüber moralischen Werten unverbindlicher, auch desorientierter wurde, zeigen Autoren ein neues Interesse für Gott. Der Griff ins geistige "Material", das die jeweilige Epoche bietet, ist vor allem Sache der Christen: Es gehört zu ihrer Sendung, die Zeit zu deuten. Immer ist es die Frage nach dem Menschen, der das Stilmaterial handhabt, nach seinem Geist und Können. So hat auch das "Gottesbild" unserer Zeit einen Stil, und der Christ müßte ihn erkennen und sich in ihm auszudrücken wissen - nicht eigentlich von außen, diplomatisch und apologetisch, sondern von innen: als Mensch dieser Zeit, der teilhat an der Lage, an Not und Reichtum der Epoche.

Die Wunde des Jahrhunderts, die Wunde jeder gegenwärtigen Gottesverkündigung und jedes Gottesglaubens heißt Auschwitz. Christliche Theologen haben in jüngsten Jahren entdeckt, daß Auschwitz grundsätzliche Anfragen an ihre Theologie stellt. Johann Baptist Metz hat auf katholischer Seite als einer der ersten wahrgenommen, daß "Auschwitz" große Fragen an die doktrinale Theologie stellt. "Langsam, viel zu langsam, wurde mir bewußt", schreibt Metz, "daß die Situation, in der ich Theologe bin, also von Gott zu reden suche, die Situation ,nach Auschwitz' ist ... Gibt es denn, so frage ich mich, einen Gott, den man mit dem Rücken zu einer solchen Katastrophe anbeten kann?"

Im Mittelpunkt des theologischen Interesses von J. B. Metz steht die streitbare, gewissermaßen religiös-politische Behandlung der sogenannten Theodizeefrage, der Gottesfrage im Angesicht der Leidenserfahrung. Biographisch hängt das vermutlich mit seinen drastischen Kriegserlebnissen als junger Soldat im Zweiten Weltkrieg zusammen, schließlich mit einer wachsenden Aufmerksamkeit dafür, daß die Leidens- und Unterdrückungssituationen in der Welt eine dezidierte Rückfrage gerade an die Christen bergen. Es geht ihm um die tragfähigen Grundlagen einer universalen Solidarität und einer unbedingten Gerechtigkeit - auch und gerade gegenüber den Opfern und Besiegten der Geschichte, zu Lasten derer wir leben und unsere Paradiese bauen, und an deren Schicksal doch kein noch so leidenschaftlicher Kampf der Lebenden rühren kann.

Gefährliche Erinnerung

Der christliche Glaube an einen Gott, vor dem die vergangenen Leiden nicht subjektivlos verschwinden im Abgrund einer anonymen Evolution, verbürgt in den Augen eines J. B. Metz die unverrückbaren Maßstäbe im Kampf um eine universale Befreiung, um das Subjektivseinkönnen aller Menschen. Wo unser gesellschaftlich anerkanntes Wissen sich ausschließlich von der imaginären Totalität einer ungerichteten Evolution leiten läßt, wird nicht nur Gott für Metz schlechthin undenkbar, sondern es schwindet auch konsequenterweise jedes selbstlose Interesse an universaler Befreiung. Alle Dialektik der universalen Befreiung der Menschen erwiese sich schließlich als List einer gleichgültigen Evolution, wenn kein Gott wäre, der die Kontinuität der Natur unterbricht und vor dem auch das Vergangene nicht sicher ist. Dieser Gott ist für J. B. Metz das verläßliche Fundament jener universalen Solidarität und Gerechtigkeit, nach der Menschen hungern und dürsten - nicht erst jetzt, sozusagen per Dekret des Zeitgeistes, sondern entlang der Geschichte der Menschheit. Das Christentum ist im Verständnis von J. B. Metz in erster Linie nicht eine Lehre, die es "rein" zu halten und "auf der Höhe der Zeit" auszulegen gilt, sondern eine radikal zu lebende Praxis, ohne die auch die tröstliche Kraft seiner Botschaft fremd und unzugänglich bliebe. Für diese Praxis kennen Christen ein einfaches Wort: Nachfolge! Nachfolge des armen und des leidenden, des gehorsamen Jesus.

Wohin ist Gott? Seit dem vergangenen Jahrhundert sagen einige, er sei "tot". Naturwissenschafter erklären/erhärten, er sei in ihrem Weltbild nicht zu finden. Aber meinen, Gott habe sich verborgen. Sogar Fromme fragen, ob er uns noch hilft. Materialisten sagen, die Vorstellung Gott interessiere sie nicht mehr. Die Menschen seien vom Selbstgemachten fasziniert, vor kinetischen Bildern blind, vom eigenen Lärm taub geworden. Seit die pluralistische Gesellschaft immer permissiver, flüchtiger, gegenüber moralischen Werten unverbindlicher, auch desorientierter wurde, zeigen Autoren ein neues Interesse für Gott. Der Griff ins geistige "Material", das die jeweilige Epoche bietet, ist vor allem Sache der Christen: Es gehört zu ihrer Sendung, die Zeit zu deuten. Immer ist es die Frage nach dem Menschen, der das Stilmaterial handhabt, nach seinem Geist und Können. So hat auch das "Gottesbild" unserer Zeit einen Stil, und der Christ müßte ihn erkennen und sich in ihm auszudrücken wissen - nicht eigentlich von außen, diplomatisch und apologetisch, sondern von innen: als Mensch dieser Zeit, der teilhat an der Lage, an Not und Reichtum der Epoche.

Die Wunde des Jahrhunderts, die Wunde jeder gegenwärtigen Gottesverkündigung und jedes Gottesglaubens heißt Auschwitz. Christliche Theologen haben in jüngsten Jahren entdeckt, daß Auschwitz grundsätzliche Anfragen an ihre Theologie stellt. Johann Baptist Metz hat auf katholischer Seite als einer der ersten wahrgenommen, daß "Auschwitz" große Fragen an die doktrinale Theologie stellt. "Langsam, viel zu langsam, wurde mir bewußt", schreibt Metz, "daß die Situation, in der ich Theologe bin, also von Gott zu reden suche, die Situation ,nach Auschwitz' ist ... Gibt es denn, so frage ich mich, einen Gott, den man mit dem Rücken zu einer solchen Katastrophe anbeten kann?"

Im Mittelpunkt des theologischen Interesses von J. B. Metz steht die streitbare, gewissermaßen religiös-politische Behandlung der sogenannten Theodizeefrage, der Gottesfrage im Angesicht der Leidenserfahrung. Biographisch hängt das vermutlich mit seinen drastischen Kriegserlebnissen als junger Soldat im Zweiten Weltkrieg zusammen, schließlich mit einer wachsenden Aufmerksamkeit dafür, daß die Leidens- und Unterdrückungssituationen in der Welt eine dezidierte Rückfrage gerade an die Christen bergen. Es geht ihm um die tragfähigen Grundlagen einer universalen Solidarität und einer unbedingten Gerechtigkeit - auch und gerade gegenüber den Opfern und Besiegten der Geschichte, zu Lasten derer wir leben und unsere Paradiese bauen, und an deren Schicksal doch kein noch so leidenschaftlicher Kampf der Lebenden rühren kann.

Gefährliche Erinnerung

Der christliche Glaube an einen Gott, vor dem die vergangenen Leiden nicht subjektivlos verschwinden im Abgrund einer anonymen Evolution, verbürgt in den Augen eines J. B. Metz die unverrückbaren Maßstäbe im Kampf um eine universale Befreiung, um das Subjektivseinkönnen aller Menschen. Wo unser gesellschaftlich anerkanntes Wissen sich ausschließlich von der imaginären Totalität einer ungerichteten Evolution leiten läßt, wird nicht nur Gott für Metz schlechthin undenkbar, sondern es schwindet auch konsequenterweise jedes selbstlose Interesse an universaler Befreiung. Alle Dialektik der universalen Befreiung der Menschen erwiese sich schließlich als List einer gleichgültigen Evolution, wenn kein Gott wäre, der die Kontinuität der Natur unterbricht und vor dem auch das Vergangene nicht sicher ist. Dieser Gott ist für J. B. Metz das verläßliche Fundament jener universalen Solidarität und Gerechtigkeit, nach der Menschen hungern und dürsten - nicht erst jetzt, sozusagen per Dekret des Zeitgeistes, sondern entlang der Geschichte der Menschheit. Das Christentum ist im Verständnis von J. B. Metz in erster Linie nicht eine Lehre, die es "rein" zu halten und "auf der Höhe der Zeit" auszulegen gilt, sondern eine radikal zu lebende Praxis, ohne die auch die tröstliche Kraft seiner Botschaft fremd und unzugänglich bliebe. Für diese Praxis kennen Christen ein einfaches Wort: Nachfolge! Nachfolge des armen und des leidenden, des gehorsamen Jesus.

Die Wunde des Jahrhunderts, die Wunde jeder gegenwärtigen Gottesverkündigung und jedes Gottesglaubens heißt Auschwitz.

Der christliche Gottesgedanke ist in der Auffassung von J. B. Metz in sich selbst ein praktischer Gedanke. Die Geschichten des Aufbruchs (Exodus), der Umkehr und der Nachfolge gehören zu seinem Begriff. Dieser "Begriff" Gottes kann nicht durch absolute Reflexion gewonnen, verteidigt oder widerlegt werden. Er ist nichts anderes als die Abkürzung für einen unerschöpflichen Vorrat an Erinnerungen und Geschichten, nicht unterhaltsamen, sondern gefährlichen, weil sie primär nicht zum Nachdenken, sondern zum Nachgehen anleiten und weil sie nur in dieser Praxis der Nachfolge ihre rettende Kraft offenbaren.

Mystik offener Augen

Die Bedeutung des Christentums für unsere Zeit stellt Metz heraus, indem er fragt: Wer oder was motiviert das unablässige Einstehen für das solidarische Menschsein-Können aller - gegen gewaltsame Unterdrückung, aber auch gegen institutionalisierten Haß? Könnte hier nicht eine christliche Praxis der Nachfolge exemplarische Kraft gewinnen, fragt J. B. Metz. Eine Praxis, die zwar davon ausgeht, daß mit der gewaltsamen Verneinung des Individuums, auch des bürgerlichen, die Barbarei ausbricht, die aber gleichwohl nicht das christliche und das bürgerliche Individuationsprinzip in eins setzt; und die gerade deswegen eine haßfreie Solidarität für alle sucht. Hier sieht Johann Baptist Metz die gesellschaftliche Situation und Herausforderung für das Christentum.

Dem gegenüber stimmt es Metz höchst mißtrauisch, wenn man die gesellschaftliche Situation des Christentums bei uns gekennzeichnet sieht durch eine Art "Tendenzwende der Gesellschaft zur Religion", wie sie gern von Kirchenführern konstatiert wird. Metz hält diesen Vorgang für höchst fragwürdig. In dieser Hinwendung zur Religion will - seiner Einschätzung nach - die gegenwärtige Gesellschaft nicht etwa über sich hinaus in ein solidarisches Leben, sondern sie will darin nur noch dezidierter sich selbst mit allen Mitteln der Selbstbehauptung, auch mit dem Mittel der Religion, in der sie ohnehin eine erfahrene Komplizin wittert. Ein Christentum, das diesen Vorgang unkritisch als Erneuerung feiern wollte, vergäße sich noch mehr in eine rein bürgerliche Religion hinein. Metz insistiert auf einer "Mystik der offenen Augen". Christentum ist für ihn eine "Schule des Sehens", des genauen Hinsehens und der Glaube eine Ausstattung der Menschen mit wachsamen Augen, mit Augen für die anderen, für die Leiden der Menschen, für die biblischen Verheißungen eines "Lebens in Fülle und Gerechtigkeit".

Heute von Gott reden

Diese neue politische Theologie von J. B. Metz hat vor allem auch deshalb die Theologie des 20. Jahrhunderts nachhaltig geprägt, weil sie wahre Fragen formuliert und nicht widerspruchsfrei die Markt-Funktionen und Sinn-Bedürfnisse moderner Erlebnisgesellschaften bedient. Sie führt nicht in ein hermetisches theologisches System, sondern steckt voller offener Fragen, Aufbrüche und Suchbewegungen. Es ist eine Theologie, der man konkrete Geschichte und ihre Katastrophen, die Leidenserfahrungen der Menschen ansieht, und die deshalb praktisch und politisch ist.

J. B. Metz ist einer der maßgebendsten Theologen der Zeit. Was eine neue Wesentlichkeit und Dringlichkeit in Theologie und Kirche, Wissenschaft und Gesellschaft entwickelt hat, ist ohne die vielen Anstöße von J. B. Metz kaum denkbar: das jüdisch-christliche Gespräch, die Theologien der Befreiung, die feministische Befreiungstheorie, die Frage der Erinnerungsfähigkeit europäischer Kultur für die Opfer ihrer sogenannten Fortschrittsgeschichte ... Für den Philosophen Jürgen Habermas ist J. B. Metz "in seiner praktischen Wirksamkeit der eindrucksvollste deutsche Theologe der Gegenwart, weil er an der Kirche festhält und sich zugleich mit großer Offenheit allen geistigen Kämpfen der Zeit stellt". Die Theologie des Johann Baptist Metz widersetzt sich wie kaum eine andere den modischen Trends und billigen Inanspruchnahmen und Funktionalisierungen von Religion.

Gegen die in Gesellschaft, Wissenschaft und Kirche grassierende Versuchung, die Augen vor diesen unzähligen Leidenserfahrungen zu verschließen, plädiert Metz unermüdlich und hartnäckig mit der Leidenschaft des Glaubens und der Schärfe der Vernunft für eine "leidempflindliche Gottes-Rede", für eine leidempfindliche Theologie. Wie heute von Gott reden - angesichts der Leidensgeschichten in der Welt? Johann Baptist Metz versucht eine Theologie des vermißten Gottes. Wer vor diesen Leidensgeschichten nicht die Augen verschließt, ist mittendrin im leidenschaftlichen Gott-Suchen, das die Bibel qualifiziert und kennzeichnet.

Johann Baptist Metz

J. B. Metz wurde am 5. August 1928 in der Oberpfalz geboren. Nach der Heimkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft studierte er in Bamberg, Innsbruck und München Philosophie und Theologie. Metz hatte ein besonderes Nahverhältnis zu Karl Rahner und gilt als der Rahnerschüler. 1954 wurde er in Bamberg zum Priester geweiht. 1963-93 war er Professor für Fundamentaltheologie in Münster. Dort entwickelte er seine "Politische Theologie", die zu den bedeutenden theologischen Strömungen der Gegenwart zählt. Nach seiner Emeritierung kam Metz als Gastprofessor für Religionsphilosophie und Weltanschauungslehre an die Universität Wien, die ihm 1994 ein Ehrendoktorat verlieh. G. Ruis