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In memoriam Johann Baptist Metz

Johann Baptist Metz  - © Foto: KNA
Religion

Widerspruch gegen Gott

1945 1960 1980 2000 2020

Von der "Mystik der offenen Augen". - Johann Baptist Metz wird am 5. August 80 Jahre alt. Seine "Neue Politische Theologie" gilt als eine der letzten profilierten Theologien.

1945 1960 1980 2000 2020

Von der "Mystik der offenen Augen". - Johann Baptist Metz wird am 5. August 80 Jahre alt. Seine "Neue Politische Theologie" gilt als eine der letzten profilierten Theologien.

Die "Neue Politische Theologie" von Johann Baptist Metz will vor allem eines sein: geschichtsempfindliche Gottesrede, die sich im Tun erschließt und den Antlitzen der Leidenden standhält. Viele ihrer Impulse sind bereits in die theologische Alltagssprache eingegangen - allein die Kirche tut sich mit ihr schwer.

Was treibt jemanden dazu, Theologie zu treiben, leidenschaftlich, mit dem Pathos eines Berufenen? Viele sprechen vom "Fascinosum", von der Ergriffenheit von Gott, vielleicht auch von einer spirituellen Not, die sie zur Theologie getrieben hat. Bei Johann Baptist Metz, dem großen deutschen Theologen, der in diesen Tagen seinen 80. Geburtstag feiert, war es stets das Gegenteil, die dunkle Seite Gottes, das "Tremendum", das ihn bewegte und welches ihn zu einem der produktivsten und einflussreichsten Theologen der Nachkriegszeit werden ließ.

Theologie nach Auschwitz

Wo andere Theologen bereits kurz nach Kriegsende zu ihrem theologischen Alltagsgeschäft zurückkehrten und im Beharren auf der Kontinuität bürgerlicher Religiosität die dunklen NS-Jahre gleichsam als historischen "Fehler in der Matrix" übersprangen, wurde für Metz diese Erfahrung zur Unterbrechung und zum Anstoß der leidenschaftlichen Rückfrage an Gott.

"Warum", so fragte Metz seinen Freund und Lehrer Karl Rahner, "habt ihr uns von diesen Katastrophen nichts erzählt? Warum sieht man unserer Theologie die Leidensgeschichte der Menschen so wenig oder überhaupt nicht an?" Religion "nach Auschwitz", dies ist für Metz fortan nur mehr denkbar im Widerspruch gegen Gott, im Widerspruch auch gegen jene, die im Angesicht der Leidenden gelingendes Leben spirituell umschlungen zelebrieren. Mit Walter Benjamin: "dass es, so weitergeht', ist die Katastrophe". So formuliert er die Frage des Religionsphilosophen Romano Guardinis, "Warum, Gott, zum Heil die fürchterlichen Umwege, das Leid der Unschuldigen?", um in die Frage nach dem "Wie lange noch?". Endet nicht auch mit dieser Frage der neutestamentliche Erzählstrang in der Offenbarung des Johannes? "Maranatha - Komm, Herr Jesus!"

Mit dem Gesicht zur Welt

Das theologische Programm, das Metz seit Anfang der 1960er Jahre in einem fruchtbaren Dialog mit den Vordenkern der "Frankfurter Schule", Theodor W. Adorno und - bis heute - Jürgen Habermas, entwickelte, benannte er selbst zunächst bezeichnenderweise als "Theologie der Welt", gemeint ist: Theologie mit dem Gesicht zur Welt. Als Grundformel seiner "Neuen Politischen Theologie" formulierte Metz bereits damals: "In ihr wird Welt primär als gesellschaftliche Mitwelt und Geschichtswelt, Geschichte primär als Endgeschichte, Glaube primär als Hoffnung, Theologie primär als eschatologisch-gesellschaftskritische Theologie sichtbar." Anders formuliert: Wo Leidenserfahrungen die Hoffnung auf eine konsistente Heilsgeschichte Gottes brüchig werden lassen, wo die "Dialektik der Aufklärung" den Menschen mit voller und blutrünstiger Wucht trifft, dort ist der Mensch aufgerufen, sozusagen "Gott zum Trotz" Geschichte endlich als seine eigene Geschichte zu begreifen und Erlösungshoffnung in Befreiungshandeln umzumünzen.

Die "Neue Politische Theologie" von Johann Baptist Metz will vor allem eines sein: geschichtsempfindliche Gottesrede, die sich im Tun erschließt und den Antlitzen der Leidenden standhält. Viele ihrer Impulse sind bereits in die theologische Alltagssprache eingegangen - allein die Kirche tut sich mit ihr schwer.

Was treibt jemanden dazu, Theologie zu treiben, leidenschaftlich, mit dem Pathos eines Berufenen? Viele sprechen vom "Fascinosum", von der Ergriffenheit von Gott, vielleicht auch von einer spirituellen Not, die sie zur Theologie getrieben hat. Bei Johann Baptist Metz, dem großen deutschen Theologen, der in diesen Tagen seinen 80. Geburtstag feiert, war es stets das Gegenteil, die dunkle Seite Gottes, das "Tremendum", das ihn bewegte und welches ihn zu einem der produktivsten und einflussreichsten Theologen der Nachkriegszeit werden ließ.

Theologie nach Auschwitz

Wo andere Theologen bereits kurz nach Kriegsende zu ihrem theologischen Alltagsgeschäft zurückkehrten und im Beharren auf der Kontinuität bürgerlicher Religiosität die dunklen NS-Jahre gleichsam als historischen "Fehler in der Matrix" übersprangen, wurde für Metz diese Erfahrung zur Unterbrechung und zum Anstoß der leidenschaftlichen Rückfrage an Gott.

"Warum", so fragte Metz seinen Freund und Lehrer Karl Rahner, "habt ihr uns von diesen Katastrophen nichts erzählt? Warum sieht man unserer Theologie die Leidensgeschichte der Menschen so wenig oder überhaupt nicht an?" Religion "nach Auschwitz", dies ist für Metz fortan nur mehr denkbar im Widerspruch gegen Gott, im Widerspruch auch gegen jene, die im Angesicht der Leidenden gelingendes Leben spirituell umschlungen zelebrieren. Mit Walter Benjamin: "dass es, so weitergeht', ist die Katastrophe". So formuliert er die Frage des Religionsphilosophen Romano Guardinis, "Warum, Gott, zum Heil die fürchterlichen Umwege, das Leid der Unschuldigen?", um in die Frage nach dem "Wie lange noch?". Endet nicht auch mit dieser Frage der neutestamentliche Erzählstrang in der Offenbarung des Johannes? "Maranatha - Komm, Herr Jesus!"

Mit dem Gesicht zur Welt

Das theologische Programm, das Metz seit Anfang der 1960er Jahre in einem fruchtbaren Dialog mit den Vordenkern der "Frankfurter Schule", Theodor W. Adorno und - bis heute - Jürgen Habermas, entwickelte, benannte er selbst zunächst bezeichnenderweise als "Theologie der Welt", gemeint ist: Theologie mit dem Gesicht zur Welt. Als Grundformel seiner "Neuen Politischen Theologie" formulierte Metz bereits damals: "In ihr wird Welt primär als gesellschaftliche Mitwelt und Geschichtswelt, Geschichte primär als Endgeschichte, Glaube primär als Hoffnung, Theologie primär als eschatologisch-gesellschaftskritische Theologie sichtbar." Anders formuliert: Wo Leidenserfahrungen die Hoffnung auf eine konsistente Heilsgeschichte Gottes brüchig werden lassen, wo die "Dialektik der Aufklärung" den Menschen mit voller und blutrünstiger Wucht trifft, dort ist der Mensch aufgerufen, sozusagen "Gott zum Trotz" Geschichte endlich als seine eigene Geschichte zu begreifen und Erlösungshoffnung in Befreiungshandeln umzumünzen.

Soll uns der Glaube glücklich machen? Soll er uns wenigstens zufrieden machen? ... Ich sage Ihnen ganz einfach: Ich zweifle." (J.B. Metz zu Dorothee Sölle)

Metz' Theologie ist damit Fundamentaltheologie im Sinne einer fundamentalen Theologie, die an den Fundamenten bürgerlich verfasster Religiosität rüttelt. Entsprechend darf auch der Terminus der "Neuen Politischen Theologie" nicht zu einer realpolitisch informierten Theologie verengt werden. "Politisch" bedeutet laut Metz "öffentlich-belangvoll". Damit wehrt er sich nach eigener Auskunft bis heute "gegen die Selbstprivatisierungssymptome in der Theologie und im Christentum", d. h. gegen den Reflex der Einigelung der Theologie in überkommener Heilsrhetorik - im Übrigen auch gegen den innerkirchlich lauter werdenden Ruf nach einer aktiven Teilhabe am Trend der "Respiritualisierung".

Absage an Carl Schmitt & Co

Außerdem wehrt sich Metz mit dem Terminus der "Neuen Politischen Theologie" gegen jene alte "Politische Theologie" des "Kronjuristen" Adolf Hitlers, Carl Schmitt. Hatte dieser in seiner "Politischen Theologie" ein Konzept der religiösen Legitimation staatlicher Hegemonie und totalitärer Gewalt formuliert, so geht es der "Neuen Politischen Theologie" stets um das Gegenteil: die politische und gesellschaftliche Emanzipation des einzelnen Individuums - auch in seiner Haltung gegenüber Gott.

Metz gegen Ratzinger

Dass man die Metz'sche "Neue Politische Theologie" heute als eine der letzten profilierten Theologien bezeichnen kann, die in ihrer Sperrigkeit immer eine gewisse Distanz zur universitären Theologie wie auch zur kirchlichen Hierarchie bewahrt hat, liegt nicht zuletzt darin begründet, dass sie ihre Produktivität ständigen Kämpfen und Streitigkeiten verdankt. Das bekannteste "Scharmützel" ist dabei wohl der seit rund 30 Jahren andauernde Streit zwischen Metz und dem damaligen Erzbischof von München-Freising, Joseph Ratzinger. Dieser hatte Metz 1979 einen Ruf an die Universität München verwehrt. Schließlich lehrte Metz bis zu seiner Emeritierung 1993 in Münster.

Auch theologisch kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen. Zuletzt formulierte Metz in einem Interview scharf gegen die erste Enzyklika Papst Benedikts XVI.: ",Deus caritas est' (,Gott ist die Liebe') betont die Enzyklika zu Recht., Deus et iustitia est' (,Gott ist auch die Gerechtigkeit') erinnert die Neue Politische Theologie." Es muss daher für Metz eine Genugtuung gewesen sein, als Papst Benedikt im Zuge seines letztjährigen Österreichbesuchs im Wiener Konzerthaus von einem Primat der "Mystik des offenen Blicks und damit der unbedingten Wahrnehmungspflicht für die Lage der anderen" sprach - hatte Metz doch den Begriff einer "Mystik der offenen Augen" in kritischer Auseinandersetzung mit Karl Rahner selbst eingeführt.