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In memoriam Johann Baptist Metz

Religion

J. B. Metz und die Theodizee, die Rückfrage nach Gottes Abwesenheit

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Sofern wissenschaftlich-theologisches Schaffen heute von der Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen wird, unterliegt es klischeehaften Vereinfachungen. Dies gilt auch für Johann Baptist Metz. Aufgrund der Inspirationen, die er aus dem Neomarxismus (vor allem von Adorno, Benjamin, Bloch und Habermas) bezog und aufgrund zahlreicher Berührungspunkte mit der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, gilt er als "irgendwie" befreiungstheologisch.

Unbeachtet bleiben dabei bedeutende Differenzierungen. Seit Ende der 70er Jahre ist er nämlich zunehmend geprägt von dem Verdacht, dass der Gläubige seine Vereinbarungen mit Gott trifft, und sich durch diesen Kunstgriff von den Widersprüchen in Gottes Welt abwendet, konkret: Vom Leid und von den Leidenden. Dieser Verdacht von Metz mündete in eine systematisch betriebene Rückfrage an Gott, wie die Abgründe in seiner Welt mit seiner Absicht zu retten, in Einklang zu bringen seien.

Im Fachjargon "Theodizee" genannt, lässt sich diese Rückfrage an Gott aber nicht so einfach mit einigen befreiungstheologischen Impulsen arrangieren. Denn während man dort zuweilen davon ausgeht, dass Gott die Unterdrückten auf ihrem Weg der Befreiung begleitet, vermag Metz nicht von dem Umstand abzusehen, dass Gott den Unterdrückten gerade dann nicht beistand, als sie es am nötigsten gebraucht hätten. Die Metz'sche Theologie als Theodizee ist immer auch Theologie nach Auschwitz.

Und diese Spitze des Metz'schen Denkens wird an der außerakademischen "Basis" einfach zuwenig wahrgenommen. So liegt nun der lebendigste Austausch, der in Sprache und Ausdruck imstande war, den akademischen Rahmen zu überschreiten, auch schon wieder 20 Jahre zurück. Metz diskutierte damals mit Dorothee Sölle in Zürich, und dabei kamen die heiklen Punkte zwischen den beiden, dem Theodizee-Theologen und der Befreiungstheologin, sehr schön zum Ausdruck.

Metz trug seine Zweifel vor, dass der von der Beunruhigung über geschehenes Unrecht geprägte Glaube glücklich mache: "Soll uns der Glaube glücklich machen? Soll er uns wenigstens zufrieden machen? … Ich sage Ihnen ganz einfach: Ich zweifle." Darauf skeptisch Sölle: "Du meinst wohl Happiness." Und darauf wieder Metz: "Ich meinte Glück." Gäbe es doch nur mehr von solchen Diskussionen! Vor allem zwischen den engagierten Praktikern, die sich bemühen, Hoffnung und Zuversicht zu wecken, und den Anfragen des Münsteraners.

Indes, der Unterschied ist nicht so groß, wie er den Worten nach zu sein scheint. Metz meint, dass die Hinwendung zu den Leidenden und die Rückfrage an Gott einander bedingen. Wenn nun in den populären, religiösen Befreiungsreden diese Verbindung nicht gesehen wird, so ist man sich doch in der Hinwendung zu den Leidenden einig. Bleibt die Frage: Wie könnten nun die engagierten Praktiker in kirchlicher Hierarchie, Pfarre, Schule und Jugendarbeit von diesem Metz profitieren? Gewiss würden sie nicht bei jeder Gelegenheit Pessimismus predigen.

Aber ein, zwei Mal im Jahr, wenn Nachrichten aus einer Krisenregion eintreffen, wenn Berichte aus dem heimischen Asylwesen an die Öffentlichkeit gelangen, aber auch bei privaten Schicksalsschlägen würde ihr Publikum den Mangel einer Eigenschaft feststellen, die zuweilen wie ein Schatten der religiösen Rede folgt: Infantilität.

Der Autor ist in der interkulturellen Erwachsenenbildung in Oberösterreich tätig.

Sofern wissenschaftlich-theologisches Schaffen heute von der Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen wird, unterliegt es klischeehaften Vereinfachungen. Dies gilt auch für Johann Baptist Metz. Aufgrund der Inspirationen, die er aus dem Neomarxismus (vor allem von Adorno, Benjamin, Bloch und Habermas) bezog und aufgrund zahlreicher Berührungspunkte mit der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, gilt er als "irgendwie" befreiungstheologisch.

Unbeachtet bleiben dabei bedeutende Differenzierungen. Seit Ende der 70er Jahre ist er nämlich zunehmend geprägt von dem Verdacht, dass der Gläubige seine Vereinbarungen mit Gott trifft, und sich durch diesen Kunstgriff von den Widersprüchen in Gottes Welt abwendet, konkret: Vom Leid und von den Leidenden. Dieser Verdacht von Metz mündete in eine systematisch betriebene Rückfrage an Gott, wie die Abgründe in seiner Welt mit seiner Absicht zu retten, in Einklang zu bringen seien.

Im Fachjargon "Theodizee" genannt, lässt sich diese Rückfrage an Gott aber nicht so einfach mit einigen befreiungstheologischen Impulsen arrangieren. Denn während man dort zuweilen davon ausgeht, dass Gott die Unterdrückten auf ihrem Weg der Befreiung begleitet, vermag Metz nicht von dem Umstand abzusehen, dass Gott den Unterdrückten gerade dann nicht beistand, als sie es am nötigsten gebraucht hätten. Die Metz'sche Theologie als Theodizee ist immer auch Theologie nach Auschwitz.

Und diese Spitze des Metz'schen Denkens wird an der außerakademischen "Basis" einfach zuwenig wahrgenommen. So liegt nun der lebendigste Austausch, der in Sprache und Ausdruck imstande war, den akademischen Rahmen zu überschreiten, auch schon wieder 20 Jahre zurück. Metz diskutierte damals mit Dorothee Sölle in Zürich, und dabei kamen die heiklen Punkte zwischen den beiden, dem Theodizee-Theologen und der Befreiungstheologin, sehr schön zum Ausdruck.

Metz trug seine Zweifel vor, dass der von der Beunruhigung über geschehenes Unrecht geprägte Glaube glücklich mache: "Soll uns der Glaube glücklich machen? Soll er uns wenigstens zufrieden machen? … Ich sage Ihnen ganz einfach: Ich zweifle." Darauf skeptisch Sölle: "Du meinst wohl Happiness." Und darauf wieder Metz: "Ich meinte Glück." Gäbe es doch nur mehr von solchen Diskussionen! Vor allem zwischen den engagierten Praktikern, die sich bemühen, Hoffnung und Zuversicht zu wecken, und den Anfragen des Münsteraners.

Indes, der Unterschied ist nicht so groß, wie er den Worten nach zu sein scheint. Metz meint, dass die Hinwendung zu den Leidenden und die Rückfrage an Gott einander bedingen. Wenn nun in den populären, religiösen Befreiungsreden diese Verbindung nicht gesehen wird, so ist man sich doch in der Hinwendung zu den Leidenden einig. Bleibt die Frage: Wie könnten nun die engagierten Praktiker in kirchlicher Hierarchie, Pfarre, Schule und Jugendarbeit von diesem Metz profitieren? Gewiss würden sie nicht bei jeder Gelegenheit Pessimismus predigen.

Aber ein, zwei Mal im Jahr, wenn Nachrichten aus einer Krisenregion eintreffen, wenn Berichte aus dem heimischen Asylwesen an die Öffentlichkeit gelangen, aber auch bei privaten Schicksalsschlägen würde ihr Publikum den Mangel einer Eigenschaft feststellen, die zuweilen wie ein Schatten der religiösen Rede folgt: Infantilität.

Der Autor ist in der interkulturellen Erwachsenenbildung in Oberösterreich tätig.