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Distanz gewinnen zu sich selbst

Ein Gedenkjahr löst das andere ab: Jahr der Frau, des Kindes, der Behinderten, Jahr des heiligen Severin. Die Massenmedien —stets auf der Suche nach einem Aufhänger — stürzen sich auf die Themen, pressen sie aus, legen sie weg.

Hoffentlich wirkt jedoch die Botschaft des heiligen Severin, dessen 1500. Todestag heuer im Jänner begangen wurde, auf Dauer. Nur, was soll uns modernen Menschen jemand, der im Jahr 482 gestorben ist, sagen können?

Bei der Lektüre von Michael Grants „Der Untergang des Römischen Reichs" ist mir aufgefallen, wie viele Parallelen die Lebenszeit des heiligen Severin mit unseren Tagen aufweist. Das untergehende Römische Reich war geprägt von gigantischer Inflation, enormer Steuerlast, Korruption, Geburtenrückgang, Kriminalität, sinkender Verteidigungsbereitschaft, Gesetzesflut, Verlust des gemeinsamen Leitbildes...

Wie aktuell das doch klingt! Müßte uns nicht jemand noch heute etwas zu sagen haben, der unter so ähnlichen Verhältnissen, wie wir sie derzeit erleben, imstande war, ein erfülltes Leben zu führen?

„Faste, bete, sei barmherzig!", war die wiederkehrende Aufforderung des heiligen Severin an seine Zeitgenossen. Das klingt allerdings schon wieder eher altmodisch. Wer kann mit Fasten etwas anfangen, wenn doch sogar die Kirche den freitäglichen Verzicht auf Fleisch abgeschafft hat? Und anstelle von „beten" kommt uns heute doch eher das Wort „meditieren" geeignet vor.

Wurde der heilige Severin irgendwohin um Hilfe gerufen, so pflegte er ein dreitägiges Fasten und Beten auszurufen. Läßt sich darauf für unsere Zeit etwas lernen?

Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß das Leben heute durch eine Fülle von echten oder vermeintlichen Zwängen, durch sehr viel Routine und nur durch relativ wenig gezielte Eigengestaltung gekennzeichnet ist. Dieser Lebensstil scheint uns aber — trotz der vielen materiellen Möglichkeiten, die er uns bietet — nicht so recht glücklich zu machen. Die mißmutigen Gesichter in den Verkehrsmitteln und auf der Straße, unsere Bereitschaft, uns wegen Kleinigkeiten aufzuregen, und viele andere Merkmale verraten unsere tiefliegende Unzufriedenheit.

Ich kenne viele Menschen, denen es oberflächlich betrachtet gutzugehen scheint. Bei näherem

Hinsehen jedoch erkennt man, daß sie mit äußerster Kraftanstrengung gerade noch imstande sind, ihren Alltag zu meistern.

Woran könnte das liegen? Es ist sicher nur ein Aspekt, aber er scheint mir wichtig: Spüren wir nicht alle, daß wir extrem abhängig geworden sind von einer Fülle von Faktoren, die wir nicht selbst kontrollieren können? Haben wir uns nicht ein Leben eingerichtet, in dem wir dauernd irgendwelchen Standards — selbstgesetzten oder von anderen verordneten — entsprechen müssen?

Es sind oft Kleinigkeiten: Das zwanghafte Knabbern beim Fernsehen, der vermeintliche Leistungsabfall ohne Kaffee im Büro, der routinemäßige Alkoholkonsum tagein, tagaus. Schon mehr Probleme bereitet der Umgang mit Information: Ein Abend ohne Fernsehen? Unmöglich! Eine Straßenbahnfahrt ohne Uberfliegen von Schlagzeilen? Verlorene Zeit.

Und wieviel wird doch ins Image investiert, Geld und Zeit: Teure Hobbies und ermüdende Ferienreisen möglichst weit weg, endlose Besprechungen und langweilige gesellschaftliche Verpflichtungen, Zweitwohnsitze, der perfekte Haushalt...

Ich merke es an mir: Ich halte die Stille kaum mehr aus. Dauernd bin ich von der Vorstellung getrieben, ich müßte meine Zeit gut nützen, entweder indem ich etwas arbeite, etwas lese, mit jemandem über etwas Wichtiges rede, mit meinen Kindern lerne, meine Freizeit ausschöpfe...

Und dabei merke ich gar nicht, wie dieser innere Leistungsdruck mir jede Freude an meinen Leistungen raubt.

Weil uns Fasten Distanz zu unseren eingefahrenen Gewohnheiten verschafft, wird es uns vom heiligen Severin so ans Herz gelegt, weü es uns ermöglicht, zu erfahren, daß das Leben auch anders funktionieren kann, als wir im Alltagstrott registrieren.

Da wir dauernd abgelenkt und beschäftigt sind, zerrinnt uns das Leben so rasch zwischen den Fingern, und weü wir uns so selten besinnen, werfen uns einschneidende Ereignisse so stark aus der Bahn: Eine schwerere Krankheit, die Pensionierung, Kinder, die wegheiraten...

Zeitgemäßes Fasten könnte darin bestehen, daß wir zumindest für einen bestimmten Zeitraum — etwa die Fastenzeit — kleine Zeichen setzen, die uns erfahren lassen, daß wir aus eingefah-

renen Bahnen ausbrechen können: Verzicht auf Alkohol und Zigaretten, auf das Schminken, auf das Angeben mit den eigenen Leistungen, der eigenen Klugheit, den Schulnoten der Kinder, den Urlaubsplänen, Einschränken des Fernsehkonsums, Verzicht auf Intrigen, üble Nachrede...

Es ist oft ein kleiner, konsequent durchgehaltener Vorsatz, der einen ganzen Prozeß von Erfahrungen und Überlegungen auslöst. Ich mache Erfahrungen mit mir, die nicht alltäglich sind, bin in Frage gestellt, erlebe, von wievielem ich abhängig bin, gleichzeitig jedoch auch, daß ich mich davon befreien kann.

Dann geschieht es auch wieder, daß ich den Wert der Stüle erkenne, daß die Sehnsucht wächst, im Alltag innezuhalten und Abstand zu gewinnen.

Und in einem solchen Raum der Stille kann dann auch jenes Gebet wachsen, das uns der heilige Severin ans Herz legen will. Es ist ein Gebet, das Ordnung ins Chaos bringt, das Hoffnung in einer Zeit der Trostlosigkeit vermittelt, bei dem jeder erfahren kann, daß er durchaus nicht nur von anonymen Kräften blind ins Verderben getrieben wird, sondern im täglichen Neubeginnen sich Auswege in eine Welt von morgen abzeichnen.

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