Fasten - auch im Sommer

Wieso verlangt eigentlich ein Gott, der den Menschen mit körperlichen Bedürfnissen erschaffen hat, dass er diese für einen ganzen Monat auf Sparflamme herunterdreht? Wer das Fasten auf eine körperliche Enthaltung reduziert, ist wie derjenige, der das Beten auf eine körperliche Betätigung reduziert, beide haben weder vom Gebet noch vom Fasten etwas. Viele Muslime argumentieren damit, dass man fasten solle, um Verständnis für die Armen zu haben, die wenig zum Essen und Trinken haben. Das stimmt aber nur sehr bedingt, denn das Fastengebot gilt genauso für Arme wie auch für Reiche. Arm zu sein befreit keineswegs vom Gebot des Fastens, denn letztendlich braucht jedes Herz das Läutern durch harte Selbstkritik und Selbstreflexion. Das eigentliche Fasten lädt zu dieser Reise in sich selbst ein.

Nun hört man immer wieder die kritische Nachfrage, wie Muslime es aushalten können, den ganzen Tag zu fasten, gerade im Sommer sei es so heiß, dass ein Fasten unmöglich wäre. Wenn man das Fasten jedoch so versteht, wie es gedacht ist: "damit ihr fromm werdet“ (2:183), dann wird man eher fragen müssen, wie man es schafft, sein Inneres innerhalb eines Monats zu läutern. Denn dies stellt die wirkliche Herausforderung dar. Der Fastende unternimmt eine mutige Reise in die Tiefen seines Inneren und muss dabei so offen und ehrlich wie nur möglich zu sich selbst sein.

Es ist eben diese große Herausforderung, die das Fasten in meinen Augen darstellt und nicht die körperliche Anstrengung. Dass man lernt zu verzichten, seinen Hunger und Durst auszuhalten, stärkt eigentlich den Willen des Menschen, denn der Mensch wird bald innere Kräfte in sich entdecken und entfalten, die er bis dahin nicht kannte. Es ist diese Symbiose aus Willensstärkung und Läuterung, die den Menschen auf den Weg der Vervollkommnung führt.

Der Autor leitet das Zentrum für Islamische Theologie an der Uni Münster

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