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Feuilleton

Die hungrigen Geister

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Mehr als 50 000 Tonnen nicht deklariertes Pferdefleisch sollen aus den Niederlanden exportiert worden sein - das war eine der letzten Meldungen im europaweiten Pferdefleisch-Skandal. Ein Skandal war nicht nur die Irreführung der Konsumenten oder die unzureichenden Kontrollen des verarbeiteten Fleisches. Skandalträchtig war auch das Pferdefleisch als solches, denn da wurde eine historische Tabuzone berührt: Zu Anfang des 8. Jahrhunderts hatte nämlich Papst Gregor III. den Genuss von Pferdefleisch verboten - vermutlich, um Opferbräuche der eben erst christianisierten Germanen zu unterbinden. Ein Verbot, das bis in die Neuzeit wirksam blieb. Pferdefleisch war immer nur Arme-Leute-Essen oder die letzte Rettung in den zahlreichen europäischen Hungersnöten. Der in Wien so beliebte Pferdeleberkäse scheint erst eine Erfindung des 19. Jahrhunderts zu sein. Auch wenn fast niemand von den religiösen Assoziationen des Pferdefleisch-Skandals weiß - das diffuse Gefühl eines Tabubruchs ist geblieben.

Essen als Naturbedürfnis und Kulturakt

Menschen müssen essen, das ist biologisch bedingt. Doch weil Menschen von Natur aus Kultur schaffen, ist Essen auch eine Kulturleistung. Essen ist unmittelbarer Austausch mit der Natur und mit der Gemeinschaft - wer isst, öffnet sich für die Nahrung und überschreitet oder transzendiert damit die Grenzen des eigenen Körpers. Essen wird so eine alltägliche Form der Transzendenzerfahrung. Doch alle Religionen haben Formen gefunden, um die Nahrungsaufnahme und die Nahrung selbst in eine explizit religiöse Praxis einzubinden.

In den japanischen Zen-Klöstern etwa besteht das Küchenpersonal aus Mönchen mit langer Meditationserfahrung. Der bedeutende Zen-Meister Dogen (1200-1250) widmete der Aufgabe des Kochs ein bis heute vielgelesenes Manual. Das Essen selbst ist in Zen-Klöstern vor allem während der strengen Übungswochen eine rituelle, bis in Kleinigkeiten geregelte Gemeinschafts-übung. Wie man die Oryoki-Schalen vor sich hinstellt, wie man schweigend durch Zeichen zu verstehen gibt, ob man wenig oder noch etwas mehr von Gemüse, Reis und Miso-Suppe möchte, und vor allem auch, wie man die Schalen am Ende mit etwas heißem Wasser so ausschwemmt, dass kein Bröselchen überbleibt und sie sauber wieder zusammengepackt werden können. Das Wasser mit den Essensresten wird meist getrunken, um nichts zu vergeuden. Und zu Beginn der Mahlzeit werden einige Reiskörnchen und Gemüsestückchen auf einen eigenen Teller gelegt - als eine Geste des Teilens und als Gabe für die Hungrigen Geister.

Das sind Wesen, die nach buddhistischer Vorstellung aufgrund ihres schlechten Karmas in jener der "Sechs Welten“ wiedergeboren wurden, die von vergeblicher Gier beherrscht ist. So leiden Hungrige Geister daran, dass sie niemals satt werden können. Manche zeitgenössische buddhistische Lehrer meinen etwas ironisch, dass diese Wesen heutzutage bei Fast-Food-Ketten und in Supermärkten anzutreffen wären.

Bei einem Zen-Retreat kommt kein Fleisch in die Essensschale - auch wenn Buddhisten nicht unbedingt Vegetarier sind. Doch Fleischkonsum ist mit der Ausübung von Gewalt verbunden - deswegen sollten buddhistische Mönche nur Fleisch essen, wenn sie es als Almose erhalten und das Tier nicht eigens für sie geschlachtet wurde. Auch die oberste Kaste der Hindus, die Brahmanen, essen traditionell vegetarisch, da dies als spirituell angemessene Ernährung gilt.

Gewalt gegenüber Tieren

Die hebräische Bibel ist da noch viel radikaler: In der Schöpfungsgeschichte von Genesis 1 ernähren sich Menschen und Tiere nur von Pflanzen, selbst die Raubtiere sind Vegetarier. Erst nach der Sintflut erlaubt Gott - erzwungen durch die Neigung der Menschen zu Gewalt - den Fleischgenuss. Doch er schränkt das Verfügungsrecht der Menschen ein: der Sitz des Lebens, das Blut der Tiere, gehört nicht den Menschen, sondern Gott. Das ist die biblische Begründung des Schächtens: Es geht um die Einschränkung menschlicher Gewalt den Tieren gegenüber. Das kommt auch in den jüdischen und muslimischen Ritualen, die mit dem Schächten verbunden sind, zum Ausdruck. Die Debatten übers Schächten, die immer wieder aufkommen, übersehen dies meist - und erscheinen angesichts der methodischen Brutalität der heutigen Massentierhaltung eher als scheinheilig.

Essen bedeutet, in Beziehung und Gemeinschaft mit allem Lebendigen zu stehen. In traditionellen Gesellschaften werden deswegen alle Teile geschlachteter Tiere verwertet. Das versucht die Lebensmittelindustrie auch, aber unter dem Vorzeichen der Gewinnmaximierung mit lebensfeindlichen Folgen. Ein Beispiel: Tausende Rinder (Grasfresser!) erkrankten an BSE, da im Rinderfutter Knochenmehl war. Oder: Jene Hühnerteile, die von Europäern nicht gegessen werden, werden gefördert nach Afrika exportiert. Dort zerstört dieses "globale Huhn“ die einheimischen Märkte. Zudem machen mangelhafte Kühlketten daraus "Hühner des Todes“, wie das die aufgebrachte Zivilgesellschaft im Kamerun nannte.

In den Industriegesellschaften wiederum dominiert die Suche nach dem "richtigen Essen“. In diesen Überschussgesellschaften dient Essen nicht mehr dem Lebenserhalt und oft nicht einmal mehr dem Genuss. Die Diäten, die zur Produktion eines "idealen Körpers“ propagiert werden, spielen genauso mit spirituellen Sehnsüchten wie die bunten Bilder von Naturparadiesen und fröhlichen Familien, mit denen Fertiggerichte angepriesen werden.

Doch bunte Bilder können nicht gelebte Beziehungen ersetzen.Das rituelle gemeinsame Mahl hat in der jüdisch-christlichen Tradition deswegen nicht nur formale Bedeutung, sondern stiftet und bezeugt die Gemeinschaft unter den Menschen und mit dem Kosmos. Und außerdem: Miteinander Kochen und Essen macht einfach Freude.