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Judentum

Holz-Struktur - © Pixabay auf Pexels
Gesellschaft

Jüdisches Schächten

1945 1960 1980 2000 2020

Für das Judentum ist die Möglichkeit, Fleisch zu essen, ein Zugeständnis des Ewigen. Das Schlachten steht dabei unter den Anforderungen des Tierschutzes.

1945 1960 1980 2000 2020

Für das Judentum ist die Möglichkeit, Fleisch zu essen, ein Zugeständnis des Ewigen. Das Schlachten steht dabei unter den Anforderungen des Tierschutzes.

Wenn Tierschutzgesetze geändert und damit Schlachtbestimmungen angepasst werden, spült sich das Schächten regelmäßig an die Oberfläche der politischen Diskussion. Und wird sogleich gedanklich von der Ausgangsbasis getrennt, indem Schächten an sich betrachtet und nicht in ein Verhältnis zu dem sonst gebräuchlichen industriellen Schlachtvorgang samt aller Vorstufen gebracht wird.

Liegt bereits hier der erste Unterschied? Das Judentum betrachtet die Möglichkeit, Fleisch zu essen, ethisch als ein an Noah gerichtetes und für alle Menschen geltendes Zugeständnis des Ewigen (Genesis 9,3): "Was sich bewegt und lebendig ist, soll für euch sein zum Essen, wie grüne Kräuter habe ich euch alles gegeben." Dies in Verbindung mit dem Verbot, Fleisch noch lebender Tiere und Blut überhaupt zu verzehren (Genesis 9,4): "Jedoch Fleisch, worin das tierische Leben, nämlich das Blut ist, sollt ihr nicht essen."

Wenn Tierschutzgesetze geändert und damit Schlachtbestimmungen angepasst werden, spült sich das Schächten regelmäßig an die Oberfläche der politischen Diskussion. Und wird sogleich gedanklich von der Ausgangsbasis getrennt, indem Schächten an sich betrachtet und nicht in ein Verhältnis zu dem sonst gebräuchlichen industriellen Schlachtvorgang samt aller Vorstufen gebracht wird.

Liegt bereits hier der erste Unterschied? Das Judentum betrachtet die Möglichkeit, Fleisch zu essen, ethisch als ein an Noah gerichtetes und für alle Menschen geltendes Zugeständnis des Ewigen (Genesis 9,3): "Was sich bewegt und lebendig ist, soll für euch sein zum Essen, wie grüne Kräuter habe ich euch alles gegeben." Dies in Verbindung mit dem Verbot, Fleisch noch lebender Tiere und Blut überhaupt zu verzehren (Genesis 9,4): "Jedoch Fleisch, worin das tierische Leben, nämlich das Blut ist, sollt ihr nicht essen."

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Die Schlachtart, im Deutschen Schächten genannt, hat ihre schriftliche biblische Grundlage in Deuteronomium 12,21. Sie ist genau in Talmud (Chullin 2a-41b) und Schulchan Aruch (Jore De'a 1-28) überliefert und wird in ihren wichtigsten Schritten hier sogleich skizziert. Sie steht unter strengen Anforderungen des Tierschutzes, der sich auch in zahlreichen anderen halachischen Anweisungen wiederfindet (zum Beispiel Schabbat 128b, Bava kamma 32b).

Dem Tier sollen dabei möglichst wenig Schmerzen zugefügt werden. Der Schächter muss unmittelbar Hand ans Tier legen, um sich ständig bewusst zu machen, dass dieses Tier zum Zweck des Fleischverzehrs getötet wird. Er hat eine einschlägige Ausbildung absolviert und muss dieselben ethischen Anforderungen erfüllen wie ein Rabbiner.

Geschächtet wird in dafür eingerichteten Schlachthöfen unter den wachsamen Augen eines Amtstierarztes. Vor dem Schnitt gedenkt der Schächter in einem kurzen Segensspruch des Ewigen, "... der durch seine Vorschriften das Leben heiligt", und durchtrennt daraufhin blitzschnell, in einer durchgängigen Schnittführung die Halsschlagadern und alle Weichteile des Halses des Schlachttiers mit seinem extrem scharfen und langen Messer. Die Schneide wird nach jedem Schnitt neuerlich überprüft.

Unmittelbar nach dem Schnitt fließt ein starker Blutstrom aus den Halsschlagadern. Der rasche Blutverlust im Gehirn bewirkt eine Bewusstlosigkeit des Tieres. Nach einer motorischen Ruhephase gleich nach dem Schnitt zeigen sich bis zum völligen Ausbluten reflexartige Bewegungen. Der Schächtvorgang ist somit, wie auch das lege artis ausgeführte traditionelle, bis vor wenigen Jahrzehnten praktizierte Schlachten der Bauern auf ihren Höfen, Betäubung und Tötung in einem einzigen Schritt.

Wer Schächten als Schlachten ohne Betäubung beschreibt, liegt daher falsch.

Betäubung und Tötung

Im Vergleich dazu bilden Betäubung und Tötung beim industriellen Schlachten zwei Schritte.

Die einschlägige Richtlinie, 93/119/EG, beschreibt die überwiegend angewandte Methode, die Betäubung durch Bolzenschuss so: "Die Geräte sind so anzusetzen, dass das Projektil die Gehirnrinde mit Sicherheit durchschlägt. So ist es inbesondere untersagt, Rinder in den Hinterkopf zu schießen. Bei Schafen und Ziegen darf der Schuss nur dann am Hinterkopf angesetzt werden, wenn das Ansetzen des Schussapparats am Vorderkopf wegen der Hörner unmöglich ist. In diesen Fällen ist der Schuss direkt hinter der Hörnerbasis zum Maul hin anzusetzen; mit dem Blutentzug muss binnen fünfzehn Sekunden nach dem Schuss begonnen werden."

Die deutsche Sprache ruft mit dem Wort Betäubung unter Umständen falsche Assoziationen hervor. Wie man sieht, handelt es sich dabei um etwas grundsätzlich Anderes als bei der Betäubung eines Patienten im Spital vor einem medizinischen Eingriff.

Veterinärmedizinische Untersuchungen vermögen nicht zu belegen, dass eine Betäubung durch Bolzenschuss letztlich für die Tiere angenehmer ist.

Österreichs Tierschutzgesetz

Dennoch haben sich die Vertreter der Israelitischen Religionsgesellschaft und der Islamischen Glaubensgemeinschaft, die auch die entsprechend ausgestatteten Schlachthöfe gemeinsam nutzen, mit den das neue Bundestierschutzgesetz vorbereitenden politischen Gremien darauf verständigt, als Zugeständnis an die industrielle Methode die Durchführung eines unmittelbar auf den Schächtschnitt folgenden Bolzenschusses zuzulassen. Da nur gesunde und unverletzte Tiere geschächtet werden dürfen und verletzte zuvor gesund gepflegt werden müssen - was sich wohl auch auf die Fleischqualität niederschlagen dürfte - kommt ein Bolzenschuss vor dem Schächtschnitt auf keinen Fall in Betracht.

Eine vor der BSE-Krise zusätzlich vorgenommene Zerstörung des die Reflexe steuernden Rückenmarks durch die Einführung eines Gewindestabs durch das vom Bolzen geschlagene Loch im Gehirn wird aus allgemein bekannten Gründen mittlerweile auch bei der industriellen Schlachtung nicht mehr angewandt.

Die Speisevorschriften nehmen im jüdischen Leben einen bedeutenden Platz ein. Nahrungsmittel werden in zulässige (koschere) und unzulässige eingeteilt. Fleisch muss nicht nur von einem grundsätzlich erlaubten Tier stammen, sondern auch geschächtet worden sein und den sonstigen vorgeschriebenen Zubereitungsprozess durchlaufen haben, um am Teller als koscheres Fleisch verzehrt werden zu können. Segenssprüche begleiten die einzelnen Handlungen und rufen die Allgegenwart des Ewigen ins Bewusstsein.

Mehr als profane Ernährung

Der jüdische Tisch steht dabei nicht nur im Zeichen profaner Ernährung, sondern erfüllt auch eine wichtige rituelle Funktion: "Solange der Tempel bestanden hat, pflegte der Altar dem Menschen Sühne zu verschaffen, jetzt aber verschafft ihm sein Tisch Sühne." (Chagiga 27a).

Der Autor, Universitätsassistent am Institut für Recht und Religion der Universität Wien, war im Auftrag der Israelitischen Religionsgesellschaft an den Verhandlungen zum Tierschutzgesetz beteiligt.

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