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Neuer alter Judenhass

Kittels - © Foto: Universitätsarchiv Tübingen 123/456
Religion

Judenhasstheologe

1945 1960 1980 2000 2020

Gerhard Kittel, antisemitischer Theologe und Herausgeber des heute noch  gebrauchten „Wörterbuchs zum Neuen Testament“, und seine „Verteidigung“.

1945 1960 1980 2000 2020

Gerhard Kittel, antisemitischer Theologe und Herausgeber des heute noch  gebrauchten „Wörterbuchs zum Neuen Testament“, und seine „Verteidigung“.

Auf den 14. Dezember 1946 ist die schriftliche Selbstverteidigung des Theologen und Judentumsforschers Gerhard Kittel datiert. Er war ein bedeutender Neutestamentler, er hat durch seine Position als Herausgeber eines „Theo logischen Wörterbuchs zum Neuen Tes tament“ das Fach mehr geprägt als die meisten anderen Neutestamentler des 20. Jahrhunderts. Er verlor seine Stelle nach dem Krieg, wurde zeitweilig verhaftet und interniert. Gerhard Kittel starb am 11. Juli 1948 – ein Menschenalter ist seither vergangen. Seine jetzt publizierte Verteidigungsschrift sollte der Rehabilitation des in die
Nazipolitik verstrickten Theologen dienen.

Matthias Morgenstern und Alon Segev edierten den maschinenschriftlichen Text und machten ihn damit erstmals zugänglich. Fragen des Copyrights verhinderten offensichtlich eine frühere Publikation. Als erstes stellt sich die Frage, ob man einen derartigen Text heute überhaupt noch publizieren muss. Die Publikation solle, hierauf weist Matthias Morgenstern in seinem Kommentar hin, keinesfalls dazu dienen, einen „nach eigenem Eingeständnis antisemitischen Autor ein weiteres Mal zu diskreditieren“. Warum also publizieren?

Christlicher Antijudaismus

Der Text ist von Kittel über sich selbst in der dritten Person verfasst und soll damit der Leserschaft den Eindruck von Objektivität und Distanz vermitteln. Die Lektüre des Textes zeigt, wie notwendig die Veröffentlichung dieser Verteidigungsschrift ist. In teilweise fast unerträglicher Intensität wird die Leserschaft in die Sicht eines Mannes hineingenommen, der für sich selbst die Sichtweise eines „klaren christlichen Antijudaismus“ reklamiert. Selten kann man derart hautnah nachvollziehen, warum gerade auch bei Christen der Nationalsozialismus freudige Aufnahme fand. Das Neue Testament ist dem einflussreichen Theologen, der von 1939 bis 1943 auch in Wien wirkte, das „antijüdischste Buch“. Die Aufgabe des theologischen Forschers sei es, eben diesen Antijudaismus klar und deutlich herauszuarbeiten. Ausgrenzung von Juden sei dem Forscher eine Christenpflicht.