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Nach dem Schweigen fragen

Manche fragen, ob die Erinnerung an die Vergangenheit nicht einmal ein Ende haben solle. Aber man kann die eigene Geschichte nicht nur selektiv akzeptieren und das Belastende ausblenden. Wir müssen die Last der Geschichte annehmen. Das sind wir den Opfern schuldig, deren Leiden und Tod nicht vergessen werden darf. Das sind wir den Überlebenden und Angehörigen schuldig, weil sonst jedes Gespräch mit ihnen und jedes neue Miteinander unmöglich wäre. Aber wir sind es auch der Kirche und uns selbst schuldig."

Diese Zeilen wurden vor 15 Jahren im gemeinsamen Wort "Die Last der Geschichte annehmen" der deutschen und österreichischen Bischöfe sowie der Bischöfe der DDR zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome veröffentlicht. Gedenken an die "Kristallnacht" - als in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 im ganzen damaligen Deutsche Reich die Synagogen brannten - war und ist gerade in Österreich wichtig, denn in Wien waren die Ausschreitungen besonders furchtbar.

Meilenstein der Erinnerung

Das Bischofswort von 1988, das heute kaum bekannt ist, war ein Meilenstein in mehrerlei Hinsicht:

* Zum einen war ein gemeinsames Bischofswort über die Landes- und Systemgrenzen hinweg etwas Außergewöhnliches.

* Zum anderen war auch die Sprache in Bezug auf die Mitverantwortung der Kirche bei jenen Ereignissen von 1938, die schon das Fanal für die spätere Schoa darstellten, deutlich. Was später auch in Rom und von Papst Johannes Paul II. über die "Reinigung des Gedächtnisses" gesagt und was dann im Großen Schuldbekenntnis der Kirche am 1. Fastensonntag 2000 formuliert wurde, lag hier präziser und schärfer gesagt vor: "Heute beklagen viele, dass auch die christlichen Kirchen damals kein öffentliches Wort der Verurteilung gesprochen haben. Gewiss, viele Priester und Laien sind wegen offener Kritik an den antijüdischen Äußerungen von den NS-Behörden gemaßregelt worden. ... Unsere Vorgänger im Bischofsamt haben hingegen keinen gemeinsamen Kanzelprotest erhoben." Die Bischöfe weisen darauf hin, dass die Kirche in den Augen der Nationalsozialisten ein "Hauptgegner ihrer Weltanschauung" gewesen war. Nur "die von der Kirche beeinflussten Kreise", so die NS-Einschätzung, wären "in der Judenfrage noch nicht" mitgegangen. Die Bischöfe weiter: "Aber genügten Gewissensbildung und weltanschauliche Immunisierung angesichts brennender Synagogen und tausender misshandelter jüdischer Mitbürger? ... Wäre nicht öffentlicher Protest, eine weithin sichtbare Geste der Mitmenschlichkeit und Anteilnahme der vom Wächteramt der Kirche geschuldete Dienst gewesen? Diese Fragen bedrücken umso mehr, als wir sie - im Unterschied zu den Zeitgenossen - im Wissen um Auschwitz' stellen."

* Das dritte, was 1988 das bischöfliche Gedenken und die Frage nach der Schuldverstrickung der Kirche heraushebend macht, ist die Verbindung der Erinnerung mit der Vertiefung der christlich-jüdischen Beziehungen. Der Linzer Bischof Maximilian Aichern hat - anlässlich des 15. Jahrestags des Hirtenbriefs - in der aktuellen Ausgabe der christlich-jüdischen Zeitschrift Dialog-DuSiach diese Dimension in den Blickpunkt gerückt: "Seither ist manches in dieser Hinsicht geschehen. Es gibt - allerdings eher im kleinen Kreis - viele Begegnungen und gemeinsame Aktionen zwischen den christlichen Kirchen und den Juden. Vorurteile konnten abgebaut werden und gemeinsame Unternehmungen sind nicht mehr selten. Es ist aber noch viel zu tun", so Bischof Aichern, auch wenn in den letzten Jahren und Jahrzehnten "das Bemühen um Aufarbeitung der Vergangenheit, um Versöhnung und Dialog mit der Wurzel unserer Kirchen'" eine neue Dimension bekommen habe: "Wir wissen uns vereint in der Aufgabe, der heutigen Welt die Gegenwart des Göttlichen zu verkünden und vorzuleben sowie für die Würde des Menschen einzutreten."

Keine Randfrage

In ihrem gemeinsamen Wort hatten 1988 die Bischöfe auch die Ressentiments angesprochen, die zu Antijudaismus und Antisemitismus führten und führen. Für den innerchristlichen Bereich mahnten sie eine angemessene Sprache über Juden und Judentum - insbesondere in Predigt und Katechese. Hier ist auch 15 Jahre später noch genug zu tun.

Im Hirtenwort aus 1988 heißt es auch: "Zu einer Aussöhnung mit den Juden aller Welt zu gelangen ist eine Aufgabe, die noch lange nicht bewältigt ist." Bischof Maximilian Aichern setzt da hinzu: "Versöhnung geschieht durch Erinnerung und durch einen langen Prozess des Aufeinander-Zugehens." Aichern meint heute im Blick auf das damalige Bischofswort abschließend, Christen und Juden sollte bewusst werden, dass "es hier nicht um eine Randfrage, sondern um einen wesentlichen Teil unseres Glaubens und unserer Gottesbeziehung geht."

DAS GEMEINSAME BISCHOFSWORT

ist auch Thema bei der Veranstaltung "Christen und Juden - zum Stand eines Gesprächs" (siehe unten).

Vor 15 Jahren, zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome 1938, veröffentlichten die deutschsprachigen Bischöfe ihre Erklärung "Die Last der Geschichte annehmen" - die auch am 65. Jahrestag noch brennend aktuell ist.

Buch zum Thema

Antisemitismus: heute obsolet?

Dem Kulturtheoretiker René Girard wird mitunter Antijudaismus vorgeworfen, weil er - als Conclusio seiner Theorie über Sündenbock, Opfer, Gewalt und Religion - das Christentum als ultimative Überwindung der (religiös motivierten) Gewalt ansieht. Erstaunlich, dass der Wiener Politologe Michael Ley in seiner "Kleinen Geschichte des Antisemitismus" ausgerechnet Girard bemüht, um die Wiederkehr der "Opferideologie" im jungen Christentum und damit die Wurzel des Antisemitismus auszumachen.

Ley argumentiert weiter, dass gnostische Vorstellungen den frühen Antijudaismus wie den späteren Antisemitismus durchziehen, und er entwickelt eine Ideengeschichte solch "politischer Religion" über das Mittelalter bis in die Jetztzeit: Nationalismus und Antisemitismus seien zwei Seiten derselben Medaille, und der - antikirchliche - Hitler sei dem Christentum ebenso verhaftet gewesen wie Stalin der russisch-orthodoxen Tradition.

Ley kommt schließlich bei der These an, dass im nachmodernen, nachgnostischen EU-Europa der politische Antisemitismus obsolet sei. Solche Analyse dürfte nicht unwidersprochen bleiben; Leys unkonventioneller Zugang ist aber des Nachdenkens und -lesens mehr als wert. ofri

Kleine Geschichte des Antisemitismus

Von Michael Ley. W. Fink Verlag (UTB),

München 2003, 164 S., TB, e 12,30

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