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Schengen für die Kirchen!

Wenn Christen in Europa mitreden wollen, müssen sie zuerst die Zäune zwischen den Kirchen durchlässig machen: Es ist Zeit, Ökumene richtig anzugehen.

In einer Berliner katholischen Kirche: Nach dem Wortgottesdienst werden eine leere Schale und ein leerer Kelch durch den Mittelgang nach vorne getragen. Die Messe geht weiter, aber Schale und Kelch bleiben leer. Sie erinnern an diejenigen, die an der Kommunionbank leer ausgehen: Christen anderer Konfessionen, denen das eucharistische Gastrecht nicht zugestanden wird, wiederverheiratete Geschiedene, die an den Ehevorschriften der römischen Kirche gescheitert sind. Als der Papst vor wenigen Wochen in Bern zu Gast war, hatten die Schweizer Bischöfe die Vertreter der reformierten Kirche zur Papstmesse eingeladen. Die Eidgenossen lehnten ab: Sie begrüßten den Papst, aber zu einem Gottesdienst ohne Gastfreundschaft wollten sie nicht kommen.

Der versäumte Kairos

Die Frage der Interkommunion ist nur ein besonders auffälliges Symptom der ökumenischen Stagnation. 90 Prozent der Schweizer Katholiken lehnen das römische Verbot ab, wie eine Umfrage anlässlich des Papstbesuchs ergeben hat. Dementsprechend sieht es auch in der Praxis aus, nicht nur in der Schweiz. Liturgische Weisungen aus Rom bleiben ohne Wirkung und geraten zum Schaden der zentralen Autorität.

Das ist ein bedenklicher Zustand. Wie konnte es dazu kommen? Bedenkt man die Jahrhunderte lange Entzweiung der christlichen Kirchen, so hat sich seit dem Konzil, also in vergleichsweise kurzer Zeit, vieles verändert. Aber die Geschichte entwickelt sich nicht nur in langwierigen Prozessen, sondern kennt auch entscheidende Augenblicke, die versäumt werden können, und auf deren Wiederkehr man lange warten muss. An einen dieser Augenblicke erinnert sich Roger Schutz, der Gründer von Taizé: Beim letzten Gespräch mit Papst Johannes XXIII., kurz vor seinem Tod 1963, "habe ich verstanden, dass ... eine Stunde der Ökumene versäumt worden war. Johannes XXIII. war bereit, die Einheit wiederherzustellen, ohne einen historischen Prozess aufzurollen, ohne zu erforschen, wer im Unrecht und wer im Recht war. Beim letzten Gespräch mit ihm wurde mir klar, dass man einen Propheten abgelehnt hatte." Ein Kairos war versäumt worden, der Papst des Konzils hat nicht lange genug gelebt.

Herausforderung Europa

Der Schwung des Konzils reichte noch für vielerlei Verbesserungen der ökumenischen Nachbarschaft, aber er konnte die Erwartungen nicht erfüllen, die der Anfang geweckt hatte. Waren die Kirchen während des Konzils im Blickpunkt der Öffentlichkeit, so ergibt sich heute, 40 Jahre später, eine neue, ganz andere Gelegenheit für christliche Auffälligkeit. Christliche Kirchen, auch die römische, erinnern an die christlichen Wurzeln Europas und verlangen einen entsprechenden Passus in der Präambel der Europäischen Verfassung. Diese Forderung konnte sich zwar nicht durchsetzen, wenigstens nicht in dem Text der Verfassung, den die Regierungschefs soeben beschlossen haben. Die Frage bleibt aber auf dem Tapet, weil sie sich umkehren lässt: Wenn das Christentum für die Einheit Europas Bedeutung hat, dann ist die Einheit Europas auch eine Herausforderung für das Christentum.

Sollten die Erinnerer an die christlichen Wurzeln vergessen haben, was die Christen zur Spaltung Europas beigetragen haben? Die Verfeindung zwischen Westkirche und Orthodoxie schmerzt noch heute - etwa zwischen Serben und Kroaten. 300 Jahre haben Kämpfe zwischen evangelischen und katholischen Parteien Mitteleuropa zerrissen. Die Glaubensrichtungen boten sich als legitimierender Unterschlupf für machtpolitische und nationalistische Interessen an und provozierten eine religionsfeindliche Aufklärung. Diskriminierung auf Grund anderer Konfession reichte bis tief ins 20. Jahrhundert. Noch in einem ersten vatikanischen Entwurf für das Konzil hatte es geheißen: Haben in einem Staat Katholiken die Mehrheit, so hat der Staat katholisch zu sein und andere Konfessionen hätten kein Recht, ihren Glauben öffentlichen zu bekennen. Dass aus diesen Anfängen als letztes Konzilsdokument die "Erklärung über die Religionsfreiheit" werden konnte, ist wirklich ein Wunder.

Wenn sich die christlichen Kirchen dieser Geschichte bewusst sind, dann könnte die fortschreitende europäische Einigung ein neuer Kairos für die Ökumene sein. Wenn Christen in Europa mitreden wollen, müssen sie zuerst die Zäune zwischen den Kirchen durchlässig machen. Ein Schengen-Abkommen ist fällig: Anerkennung jeder Tradition, offene Grenzen und sichere Gastfreundschaft. Vieles davon wird heute schon praktiziert, aber die Kirchenregierungen wollen davon noch nichts wissen. Schon vor einem Jahrzehnt hat Alan D. Falconer, der damalige Vorsitzende der "Faith and Order"-Kommission des Weltkirchenrats (der einzigen Kommission, der die römische Kirche als Vollmitglied angehört) eine "Bekehrung der Kirchen" verlangt. Bekehrung hat zwar jeder einzelne Christ nötig, aber heute steht die Ökumene vor der Barriere einer institutionellen Umkehr. Insbesondere wenn Rom die protestantischen Kirchen anerkennt, stellt das Prämissen ihres Ordnungsgefüges in Frage, die bisher als unumstößlich galten.

Bekehrung der Kirchen

In einer vergleichbaren Situation war das Christentum schon in seinen Anfängen. Auch die Judenchristen konnten sich nicht vorstellen, dass geheiligte rituelle Traditionen der Tora für Heidenchristen nicht mehr gelten sollten. Sie meinten, Heiden müssten zuerst Juden werden, um Christen sein zu können. So lautete auch stets die römische Position: Zuerst muss man katholisch werden, um sich dann in einer großen Vielzahl von Spiritualitäten und Lebensformen entfalten zu können - in einer Pluriformität, wie sie die römische Kirche tatsächlich in hohem Maße bietet.

Heute ist eine Denkwende verlangt, und zwar mit jenem Argument, das zuletzt auch beim Apostelkonzil den Ausschlag gegeben hat: Der Geist ist auch den Heiden zuteil geworden, hieß es damals; dass der Geist längst auch in den anderen christlichen Kirchen wirkt, hat das Konzil vor vierzig Jahren beglaubigt. Daraus müssen endlich Konsequenzen gezogen werden.

"Nicht das Evangelium ändert sich, sondern wir fangen gerade an, es besser zu verstehen," sagte Johannes XXIII. auf seinem Sterbebett. Jetzt wäre der Kairos dazu gekommen.

Lernprozess Ökumene

Das abendländische Christentum ist durch seine Zerrissenheit von der Geschichte überholt worden, die es über Jahrhunderte selbst vorangetrieben hat. Diese Geschichte ist in furchtbare Katastrophen gestürzt, hat aber endlich daraus gelernt.

Wie mühsam dieser Lernprozess ist, konnte man an den Verhandlungen zur EU-Erweiterung und an den jüngsten Wahlen zum Europäischen Parlament ablesen. Die christlichen Kirchen hätten es leichter; sie müssen sich keine neue Verfassung geben, sondern stehen auf dem gemeinsamen Boden der Heiligen Schrift und der alten Glaubensbekenntnisse. Ein Christentum in der Verfassungspräambel reicht nicht aus, um in Europa glaubwürdig aufzutreten oder den Dialog mit dem Islam zu führen.

Nur ein geeintes Christentum hat eine Chance im geeinten Europa.

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