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Weichenstellung oder Dammbruch ?

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Von Papst Johannes XXIII. einberufen, von Papst Paul VI. weitergeführt, bedeutet dieses Konzil eine Wende. Entscheidender als Dokumente war der Geist des Konzils. Von diesem Geist sei nichts mehr zu spüren, resignieren die einen, endlich Ruhe fordern die anderen. Dazu drei Beiträge.

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Von Papst Johannes XXIII. einberufen, von Papst Paul VI. weitergeführt, bedeutet dieses Konzil eine Wende. Entscheidender als Dokumente war der Geist des Konzils. Von diesem Geist sei nichts mehr zu spüren, resignieren die einen, endlich Ruhe fordern die anderen. Dazu drei Beiträge.

Und sie bewegt sich doch!*4 haben sich — in Anlehnung an Galilei — viele in der Kirche mit Erleichterung gedacht, als Johannes XXIII. das 2. Vatikanische Konzil ankündigte, zum nicht geringen Schrecken anderer, die in der Kirche einfach den unbeweglichen und unerschütterlichen Felsen in der Brandung erblickten.

„Und sie bewegt sich doch!” konstatierten mit Staunen selbst nichtkatholische Beobachter, als die Medien später recht offenherzig über den Konzilsverlauf berichteten, als man erfuhr, daß die unter Aufsicht des Papstes vorbereiteten Texte von den Konzils Vätern keineswegs bloß akklamiert und angenommen, sondern sehr ernsthaft diskutiert wurden. Manche Schemata hat man zurückgewiesen, andere wesentlich verändert, wiederum andere ganz neu erarbeitet.

So wie das geozentrische, ptole-mäische Weltbild nach und nach überwunden worden war und man erkannte, daß die Erde in ständiger Bewegung um die Sonne kreist, so hat das 2. Vatikanische Konzil wohl eine ähnliche „kopernikanische Wende” in der Kirche angebahnt: viel erstarrtes Denken kam neu in Bewegung.

Man hat diesem Konzil vorgeworfen, es, hätte einen Dammbruch bewirkt. Allein, ein Dammbruch ist nur möglich, wo vorher viel Wasser aufgestaut wurde. Allzuviel hatte sich aufgestaut.

Man könnte sagen, es ging bei der vom Konzil eingeleiteten Wende um die bessere Erkenntnis der geschichtlichen und dynamischen Dimension allen menschlichen Denkens, auch aller Wahrheitsfindung.

Das 2. Vatikanische Konzil stand am Anfang einer neuen Zeit, am Anfang eines Anfangs, denn es gab grundlegende Arbeiten, beispielsweise die Erneuerung der Liturgie und ein neues Kirchenrecht, erst in Auftrag. Muß es nicht mit Sorge erfüllen, wenn manche diese Epoche schon wieder als abgeschlossen betrachten? Das Konzil sei ohnehin schon zu weit gegangen, meinen viele.

Das Konzil hat Weichen gestellt und seine 16 Dokumente bergen auch 20 Jahre nach Konzilsbeginn noch ungehobene Schätze. Doch verlangt gerade die tiefere Treue zum Konzil, daß die von ihm eingeleitete „kopernikanische Wende” nicht rückgängig gemacht, die Dynamik des Denkens nicht abgebremst wird. Ein Weiterdenken, eine Weiterführung erscheint in folgenden vier Bereichen besonders dringlich:

• Das Konzil hat das kollegiale und synodale Prinzip von neuem gestärkt, dieses müßte, etwa nach dem Vorbild der alten Kirche, auch unter Einbeziehung der Laien noch viel konsequenter durchgezogen werden, zum Beispiel bei Bischofsbestellungen.

# Eine wirkliche Erneuerung des geistlichen Standes ist zumindest in Westeuropa und Amerika nicht gelungen. Neue Formen des priesterlichen Dienstes und des Ordenslebens müßten versucht werden.

# Das Konzilsdekret über den Ökumenismus hat gewiß schöne Blüten hervorgebracht, nun sollte man doch rascher zur Ernte der Früchte, das heißt zur Wiedervereinigung christlicher Kirchen kommen.

• In Weiterführung der Konstitution über die göttliche Offenbarung sowie der Texte über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen und die Religionsfreiheit müssen Ansätze zu einem neuem Denken und Sprechen gefunden werden, damit den von Naturwissenschaften geprägten Menschen die tiefsten Werte des Glaubens besser und wirksamer vermittelt werden können. Dieser Punkt scheint der wichtigste und schwierigste zugleich.

Es geht nicht anders, sie muß sich bewegen: die Kirche — ihre Sprache, ihre Erscheinungsform, ihr Glaubensverständnis. Manch einer wird verängstigt fragen: Was bleibt dann, was ist fix? Fix und bleibend ist nur Gott, Gott ist der ruhende Pol, unsere Sonne sozusagen.

Der Autor ist Dechant in Wien-Breitensee.

Als das 2. Vatikanische Konzil im Dezember 1965 beendet wurde, stand die katholische Kirche vor einer Aufgabe, deren Größe und Schwierigkeiten erst heute voll sichtbar werden. Die Freude und Begeisterung über die gelungenen Durchbrüche waren be-

Von KARL LEHMANN rechtigt. Aber im ganzen waren die Ergebnisse recht unterschiedlicher Natur, Struktur und Herkunft ...

Oft sind in einzelnen wichtigen Zusammenhängen eher noch zu lösende Aufgaben formuliert, als schon Antworten gegeben (etwa für den Bereich Ehe und Familie). Offenkundige Spannungen, beispielsweise in der Beschreibung des geistlichen Amtes, sind nicht zu übersehen, wo wegweisende Neuansätze mit mißverständlichen traditionellen Formulierungen in Konflikt kommen. Das Konzil hat an nicht wenigen Stellen auch Klärungen versucht, die theologisch wohl weniger deutlich vorbereitet waren, zum Beispiel die Anerkennung eines echten ekklesiologischen Status für die nichtkatholischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften.

Dies ist kein Vorwurf an die Konzilstexte. Sie müssen nicht unmittelbar Fachtheologie bieten und können auch an vielen Stellen nicht schon eine verbindliche Rechtssprache benutzen. Aber gerade diese Grenzen der Konzilsbeschlüsse hat man zum Teil verkannt. Eine euphorische Konzilsstimmung hat darüber hinweggetäuscht, daß das Zweite Vaticanum in vielem nur Leitsätze formulieren, Aufgaben klarmachen und künftige Anstrengungen herausstellen konnte.

So hat man die konkrete Tragweite der Lösungen des Konzils gelegentlich überschätzt. Der flexible und offene Charakter mancher Formulierungen wurde nicht in notwendigem Maße als Aufgabe begriffen, sondern entweder wurden Aussagen als letztgültige Lehrsätze fixiert und als Rechtsnormen kodifiziert oder sie wurden nicht selten in Richtung einer unbestimmten Verbindlichkeit ausgelegt.

So war es nicht weniger fatal, daß man sich zur Lösung schwieriger Probleme pauschal auf den „Geist” des Konzils berufen hat. In diesem Sinne wurde der nüchterne „Buchstabe” des Konzils, hinter dem sich ein großes Ringen verschiedener Tendenzen verbarg, nicht genügend in seiner differenzierten Aussageweite und in seiner harten Mitte zwischen den Extremen verstanden. Sehr bald wurden die Texte nicht mehr gründlich gelesen, erschienen nur mehr als vertraute Zierde kirchlicher Reden und Dokumente oder mußten für ganz andere Bestrebungen Pate stehen (beispielsweise die Bedeutung der Aussagen über die Kirchenmitgliedschaft, das Stichwort von der „Hierarchie der Wahrheiten”). Sehr wichtige und grundlegende Ergebnisse des Konzils wurden bald kaum mehr in ihrer vollen Bedeutung beachtet.

Diese Situation muß man wohl vor Augen haben, wenn man begreifen will, wie es sofort nach flem Konzil zu sehr verschiedenen Auslegungen der konziliaren Impulse und zu entgegengesetzten Tendenzen innerhalb des Katholizismus kam. Man macht es sich zu einfach, wenn man zum Beispiel den Bischöfen einen oberflächlichen Erneuerungswillen während der Konzilszeit oder eine nur flüchtige, auf die Dauer unwirksame Beeinflussung durch ihre Theologen vorwirft und dies als Hauptgrund des nachkonzilia-ren „Rückfalls” bezeichnet. Natürlich gab es und gibt es im einzelnen solche Symptome. Aber damit läßt sich keine sachlich vorwärtsbringende Antwort geben. Die Ausgangssituation läßt sich meines Erachtens nur richtig erfassen, wenn man die innere Weite der Konzilsaussagen selbst und die damit gestellten Aufgaben erblickt.

Der Autor ist Professor für Dogmatik und ökumenische Theologie in Freiburg, seine Ausführungen sind dem Buch „Neuer Mut zum Kirchesein” (Verlag Herder) entnommen.

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