Seit dem Konzilsdokument "Gaudium et Spes" haben sich die Herausforderungen für die Kirche zum Teil dramatisch verschärft.

Wer zur Zeit des Konzils Theologie studiert hat, wird sich an die damalige Begeisterung über den Aufbruch der Kirche erinnern. Medial war die Kirche in aller Munde. Papst Johannes xxiii. wurde zum Symbol einer dynamischen und menschenfreundlichen Kirche. Wir fühlten uns kurz vor einem epochalen Durchbruch.

Inzwischen sind aber vier Jahrzehnte verflossen. Der Rückblick zeigt, dass für die noch interessierten Leute an der Basis 40 Jahre eine lange Zeit der Enttäuschungen und Hoffnungen gewesen sind. Für die weltweite Organisation Kirche sind es gerade nur 40 Jährchen. Die damaligen konziliaren Naherwartungen, die an Aktualität nichts eingebüßt haben, verzögerten sich. Treffend spricht Weihbischof Helmut Krätzl von einer Kirche, die "im Sprung gehemmt" ist. Warum ist der Aufbruch gebremst oder gar veruntreut worden?

Innere Zerreißproben

In der ersten nachkonziliaren Phase waren es eher die innerkirchlichen Themen, die Aufsehen erregten wie zum Beispiel die Dekrete über die Liturgie und Offenbarung, über die Priester, das Ordensleben und das Laienapostolat. Besonders inspirierende Kraft gewann die Konstitution über das grundsätzliche Selbstverständnis der Kirche Lumen gentium. Vielleicht war das auch dadurch bedingt, dass sie trotz aller Ambivalenz kirchenreformerische Impulse enthielt, die den damaligen Handlungsbedarf fürs Erste zu mildern versprachen. Es war ein visionärer Gegenhorizont zur praktisch reformbedürftigen Kirche.

Der Grundkonflikt für die Kirche heute liegt darin, dass sich bewusstseinsmäßig im pastoralen Handeln, im Kirchenbild der engagierten Leute und in der Gemeindetopografie viel gewandelt hat; doch: das institutionelle Gewand der katholischen Kirche ist vorkonziliar geblieben. Es wird wieder forciert. Man kann sich vorstellen, zu welchen Zerreißproben es kommen muss, wenn die Institution Kirche zunehmend zentralisiert, das klerikal-patriarchale Profil wieder beschworen und polarisierend zwischen Zustimmung zur und Abweichung von der Kirche unterschieden wird, während - zumeist an der Basis - ein dazu gegenläufiges Kirchenverständnis Raum gewonnen hat. Wenn das institutionelle Gewand der Kirche zu eng wird, droht es zu zerreißen.

Öffnung hin zur Welt

Das Konzil gab aber auch eindrucksvolle Signale "nach außen". In diesem Zusammenhang sind das Ökumenismus-Dekret zu nennen, die Erklärungen über die Religionen und die Religionsfreiheit, insbesondere aber die Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute "Gaudium et spes". Letztere ist im Vergleich zur dogmatischen Konstitution über die Kirche in den letzten Jahren stärker rezipiert worden.

Interessant bleibt zu erwähnen, dass dieses Schreiben mehr als alle anderen Konzilsdokumente aus dem Prozess des Konzils selbst entstanden ist. Die Kirche öffnete sich der profanen Weltsituation. Im Unterschied zur Kirchenkonstitution Lumen gentium mit einem grundsätzlichen Ansatz (deduktiver Weg) ging man in Gaudium et spes von den Realitäten der Wirklichkeit aus (induktiver Weg) - so wie man sie damals etwas "geschönt" wahrnahm.

Der erste Hauptteil handelt von der Würde des Menschen und seinem Gewissen, von der hohen Bedeutung der Freiheit, von der menschlichen Gemeinschaft und dem Gemeinwohl, von der wesentlichen Gleichheit aller Menschen, von Gerechtigkeit, von der öffentlichen Verantwortung, von der Würde der Arbeit und von der gegenseitigen Beziehung von Kirche und Welt.

Der zweite Hauptteil thematisiert aktuelle Einzelfragen wie Ehe und Familie, Kultur und Wissenschaften, Wirtschaftsleben und Eigentum, Frieden bzw. die Vermeidung von Krieg, Bevölkerungswachstum und Solidarität ... Entscheidend und neu ist daran der Ausbruch aus einer rein lehramtlichen und binnenkirchlichen Enge hin zu den Sorgen der Menschen und der Welt bzw. der Versuch, endlich einmal die Realität vor den Kirchentüren wahrzunehmen und deren Autonomie zu respektieren.

Damit hat das Konzil eine wesentliche Lehre erteilt, die wir uns noch aneignen müssen, nämlich dass die Fragen der Menschen und die Botschaft Jesu bzw. Menschen- und Gottesliebe nicht getrennt betrachtet werden dürfen und nur beide Aspekte zusammen christliche Berufung und die Sendung der Kirche definieren.

Mutigere Reformschritte!

Treue zum Konzil heute bedeutet, dass sich die Kirche endlich der mühsamen Aufgabe stellt, den Reformstau anzunehmen und innerkirchlich der Diskussion der heißen Eisen in der Pastoral und in der Institution Kirche Raum zu geben. Wenn das pastoral Notwendige und das theologisch Mögliche nicht dialogisch miteinander in den unterschiedlichen Kontexten erörtert wird, vergiftet das weiterhin das Kirchenklima, ermüdet die noch Willigen und verführt zu einer neurotischen Überbeschäftigung mit sich selbst.

Es geht um Glaubwürdigkeit. Sonst nehmen die Menschen das Zeugnis vom unterscheidend Christlichen als dem entscheidend Menschlichen nicht mehr ab. Nicht zu vergessen ist, dass die Kirche anderseits über eine profunde Erfahrung und über unvergleichliche Instrumente verfügt, um den Menschen nahe zu sein.

Die Herausforderungen haben sich im Vergleich zur Konzilszeit zum Teil Schwindel erregend verschärft. Man denke nur an die neue anthropologische Leitwissenschaft Biologie (besonders die Gentechnik), an Evolution, an Freiheit, an den Wandel der Geschlechterrollen und der familiären Strukturen, an die Probleme mit Gewalt und Terrorismus und an Friedenssicherung, an die Globalisierung und die wachsende Armutskluft mit ihren neuen sozialen Fragen. Nicht zu vergessen sind die Fragen um Sinn- und Wertorientierung und die Flucht des Menschen vor der Komplexität des Lebens.

Angesichts dieser konkreten Dienstanweisungen ist es Aufgabe der Kirche, mutige Reformschritte zu wagen, um so freier zu werden für ihren Dienst an den Menschen. Dies ist ihre Zukunft. Denn der Weinberg Gottes sind die Menschen und ihre Welt. Dort ist das Saatkorn der Frohbotschaft zu säen.

Der Autor ist Professor für Pastoraltheologie an der Universität Fribourg/CH.

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