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Das Konzil - eine bleibende Erregung

Hat das Zweite Vatikanische Konzil die katholische Glaubenstradition gewahrt oder verraten? Das Kirchenereignis vor 50 Jahren sorgt bis heute für erregte Auseinandersetzung.

Bei jeder Abstimmung landet dieses Fußballstadion auf Platz eins. Wer schon einmal an der Anfield Road war, weiß warum. Die Atmosphäre ist einzigartig. Hier feiert, aber hier leidet man auch wie sonst nirgendwo. Umso heftiger musste es die Fans des FC Liverpool angehen, dass 1994 die legendäre Tribüne "The Kop“ abgerissen und einige Jahre später von der Klubführung sogar der Umzug in ein neues Stadion verordnet wurde. Die Anfield Road steht für einschneidende Veränderungen, die dem europäischen Fußball seit dem Anfang dieses Jahrhunderts ein neues Profil gegeben haben. Wer nicht mitmacht, wie die italienischen Großklubs, verliert den Anschluss. Wer neu baut, dem droht ein Bruch mit der eigenen Tradition. Der Umzug in die postmodernen Arenen greift in angestammte Fan-Kulturen ein. Er bietet die Chance, sich zukunftsfähig weiterzuentwickeln - er konfrontiert aber auch mit den Risiken eines drohenden Identitätsverlusts.

Die heftigen Debatten und Proteste, die fast jeden Stadion-Umzug begleitet haben, erinnern nicht zufällig an die Diskussionen, die sich mit der Erinnerung an das vor 50 Jahren eröffnete Zweite Vatikanische Konzil verbinden. Dass dieses Konzil bis heute bewegt und eine eigene Erregungskraft besitzt, spricht für die Herausforderung, die es darstellt, und setzt zugleich die Probleme ins Bild, vor denen sich die katholische Kirche heute findet. Sie haben entscheidend mit dem Marginalisierungsdruck zu tun, unter dem die Kirchen vor allem in Europa stehen, aber auch mit dem sich mühsam vollziehenden Umbruch hin zur Weltkirche. Das schließt kulturelle Transformationen ebenso ein, wie es organisatorischer Umstellungen bedarf. Das Konzil hat dafür Wege so angelegt, dass man auf ihnen nicht mehr zurückkann.

Im Konflikt der Interpretationen

Deshalb steht das Konzil im Visier traditionalistischer Kritik; deshalb bleibt es im Konflikt der Interpretationen aktuell. Zum einen hat das Konzil nicht einfach zu einer Verbesserung der kirchlichen Lebenslagen geführt, sondern sie zum Teil paradox kompliziert. So stehen weltweiten Zuwachsraten von Mitgliedern dramatische Positionsverluste der Kirche gegenüber. Zum anderen sind wichtige theologische Fragen, die das Konzil mit seinen Dokumenten aufwarf, bis heute nicht gelöst. Der ökumenischen Frage kommt dabei ein besonderes Gewicht zu. Sie verbindet die Selbstbestimmung der katholischen Kirche mit ihrer Außenwahrnehmung - vor allem der Kirchen, denen sie das volle Kirchesein nicht zuzusprechen vermag.

Nun entzündet gerade dieser Blickwechsel eine besondere Dynamik. Es geht um das Problem der kirchlichen Kontinuität, der Wahrung der Tradition, der eigenen Identität. Das Konzil legte diese Identität im Modus einer Differenz fest. Die einzige Kirche Jesu Christi "ist verwirklicht in der katholischen Kirche“. Der Positionswechsel, den dieser Satz aus der Kirchenkonstitution Lumen Gentium (Nr. 8) vornimmt, tauscht nicht nur das ursprünglich vorgesehene est aus, sondern ersetzt es durch ein subsistit. Eine Differenz tut sich auf: Die wahre Kirche findet sich in der katholischen Kirche verwirklicht, aber sie ist nicht einfach mit ihr identisch. Der theologische Gewinn liegt auf der Hand: Man ist imstande, die eigene Identität als Kirche Christi zu bestimmen, ohne darum allen anderen die Kirchlichkeit absprechen zu müssen. Diese Differenz ist einschlägig, und sie bleibt seitdem umkämpft. Zwei Gefahren drohen: die Differenz zu überdehnen, sodass man schlechthin überall von Kirchen sprechen könnte, oder die Differenz zu tilgen, indem man das subsistit im Sinne einer Verstärkung des est interpretiert. Dieser Interpretationsstreit geht ums Ganze. Er führt in die Arenen postmoderner Identitätskonflikte und im Fall der katholischen Kirche in das Zentrum ihrer dogmatischen Bestimmungsform.

Tradition, nicht Traditionalismus

Nur wenn die Kirche in ihrer Überlieferung das Evangelium Jesu Christi authentisch bewahrt hat, besitzt sie ein Existenzrecht. Das Prinzip ungebrochener Kontinuität dient als Lebensversicherung. Ihm entspricht die apostolische Sukzession, die wiederum das Amt des Bischofs verbürgt. So geschlossen sich dieser Regelkreis der Tradition darstellt, so durchlässig erscheinen die Außenwände seiner Interpretation. Was Kontinuität bedeutet, bedarf der Verständigung und Festlegung. Deshalb ist Benedikt XVI. alles daran gelegen, die Deutungshoheit über das Konzil zu behalten und sie auf die Linie einer ungebrochenen Tradition zwischen dem II. Vatikanum und der Gesamtüberlieferung der Kirche festzulegen.

Nun sind es gerade die ungeliebten Piusbrüder, die einen kirchlichen Strich durch die Rechnung machen. Dieser Strich hat sein Recht; nur setzt er falsch an. Recht haben die Theologien der Brüderschaft damit, dass sie die Umstellungen des Konzils in Erinnerung rufen und sie in ihrer Differenz zu früheren kirchlichen Lehrperspektiven profilieren (etwa die Anerkennung der Religionsfreiheit). Falsch liegen sie mit ihrem Verständnis von Tradition. Denn sie ist traditionalistisch. Wie alle Häresien begeht auch diese einen Grundfehler: Sie wählt aus und bestimmt eine (lange dominante) Tradition als die Tradition. Dem gegenüber besteht das katholische Verständnis von Tradition auf ihrer Dynamik, auf ihrer lebendigen Gegenwart. Das schließt Transformationen als Tradition ein und kann Umstellungen abverlangen. Das Konzil hat sie vorgenommen, weil es die Tradition im Licht drängender Herausforderungen interpretieren musste. Es nahm kirchliche Ortswechsel (Marie-Dominique Chenu) vor, ohne sich von der eigenen Tradition zu entkoppeln, sondern ihre Bedeutung neu und auch anders, nämlich von einem anderen Bestimmungsort her, einzulösen. Markant bleiben diese Umstellungen im genannten Blick der Kirche auf sich selbst wie auf die Fähigkeit, den anderen Konfessionen, dem Judentum und den Religionen der Welt einen eigenen Wahrheitswert einzuräumen.

"You’ll never walk alone“

Die Identität der Kirche besteht demnach in der theologischen Form einer Überschreitung; sie wirkt als Entgrenzung. Kirche als Transformationsprinzip erlaubt es, die Tradition nicht aufzugeben, sondern in neuem Licht zu sehen. Dazu braucht es jene Bewegung, die sich zwischen dem Innen und Außen der Kirche vollzieht. Das Konzil vermittelte damit eine besondere Form der Kirchenerfahrung. Es griff Themen auf, denen es sich stellen musste, und es arbeitete mit Tradition auf eine Weise, die ihre Kontinuität in der Form einer Inversion zu wahren und zugleich neu zur Sprache zu bringen vermochte.

In dieser theologischen Form ergibt sich die dramatische Verbindlichkeit des Konzils: So muss sich die Kirche auf die Herausforderungen ihrer Zeit einstellen. Das kostet einen Preis. Das erregt die Gemüter, weil es an Identitäten nagt. Indes: Ohne die Bereitschaft zu Ortswechseln winkt nicht nur im Fußball langfristig der Abstieg. Vielleicht kann die katholische Kirche etwas von der Anfield Road mitnehmen, jene widerständige Zuversicht, mit der auch in schwierigsten Phasen die Fans nicht nachlassen zu singen: "You’ll never walk alone“. Angesichts der Herausforderungen, in denen sich die Kirche bewegt, eine Hymne mit geradezu geistestheologischem Hintersinn.

* Der Autor ist katholischer Fundamentaltheologe an der Universität Salzburg

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