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Dreisprung, nicht Hochsprung!

Der ökumenische Auftrag des Konzils.

Betrachtet man die ökumenische Landschaft, so fühlt man sich an einen Hochsprungwettbewerb erinnert. Jedenfalls suggerieren Äußerungen von katholischer Seite diesen Vergleich: Haben die theologischen Gesprächsgruppen ein Zwischenergebnis erreicht, wird die Latte um die nächste Maßeinheit höher aufgelegt. "Wir anerkennen die Fortschritte in diesen Fragen, aber..." Unter den Menschen, die überhaupt noch an ökumenischen Fragen, besser: an einer wechselseitigen Anerkennung der Kirchen interessiert sind, verbreitet sich zunehmend das Gefühl, dass die Hochspringer jeglichen Kontakt mit dem Boden verlieren. Hat das Zweite Vatikanische Konzil Illusionen geweckt, oder haben die ökumenisch Engagierten die einschlägigen Texte nur falsch verstanden?

Den Konzilsdokumenten wird der Vergleich mit einem Dreisprung eher gerecht. Eine genaue Analyse der Texte zeigt, dass die Konzilsväter mit großer Mehrheit den ersten Sprung gewagt haben. Dies war ein weiter Sprung, aber nicht das Ende der Bewegung. Im Sprung gehemmt ist eben nicht der erste Sprung; der hat ein Sich-Aufschwingen zur Voraussetzung und endet mit einer ersten Positionierung. Gehemmt wird aber das Weiterspringen. Der grundsätzlichen Öffnung zur ökumenischen Bewegung hin muss als zweiter Teilsprung die Rezeption dessen erfolgen, was man unterdessen erfahren und erarbeitet hat. Der dritte und abschließende Teilsprung wäre dann die wechselseitige Anerkennung der Kirchen als authentische Ausprägungen der einen Kirche Jesu Christi.

Die Debatte ums "subsistit"

Freilich wird schon dem zweiten Teilsprung der Schwung genommen, wenn die vom Konzil ausgesandten Signale in der Rezeptionsphase umgedeutet werden. Geradezu klassisches Beispiel: Die Diskussion um die Bedeutung des "subsistit". Nach entsprechenden Debatten entschieden sich die Konzilsväter dafür, das Verhältnis der einen Kirche Jesu Christi zur römisch-katholischen Kirche mit diesem Ausdruck zu beschreiben. Er ersetzte die vor dem Konzil übliche Formel "est", die bedeutete, dass die römisch-katholische Kirche (als einzige) diese Kirche Jesu Christi ist. Das neue Wort "subsistit" lässt sich mit gewinnt seine konkrete Existenz - realisiert sich - gewinnt Gestalt in wiedergeben.

Wenn neuerdings behauptet wird, das Konzil stelle fest, dass die Kirche Jesu Christi nur in der römisch-katholischen Kirche Gestalt gewinne, dann steht dies gegen die mit dieser Wahl verbundene Intention, die auf dem Konzil ausdrücklich geäußert wurde. Es sollte gerade offen bleiben, ob es noch andere Realisierungsformen ("Subsistenzen") der Kirche gibt. Deshalb spricht auch das Ökumenismusdekret von "Kirchen und Kirchlichen Gemeinschaften", ohne sich näher festzulegen. Wer heute behauptet, nur die Orthodoxen Kirchen seien Kirchen, alle übrigen bloß Kirchliche Gemeinschaften, hat jedenfalls weder Buchstaben noch Geist des Konzils (und der verleiblicht sich eben in den Buchstaben) auf seiner Seite.

Freilich: Was ein Konzil wert ist, was es für eine Glaubensgemeinschaft bedeutet, erschließt sich erst in der Rezeption. Damit ist aber die Frage, ob die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen solche seien, nicht mehr allein durch den Verweis auf die Texte und deren Genese und Kommentierung durch die konziliaren Berichterstatter zu entscheiden.

Alle außer Papst: Zuschauer?

Wenn das Konzil im Leben der Kirche nur greift, wenn seine Inspirationen umgesetzt werden - in unserem Bild: wenn der zweite Teilsprung die Richtung und den Schwung des ersten aufnimmt -, dann wird die Frage virulent, wer denn die Subjekte in diesem Rezeptionsprozess sind. Sind in der Sprunganlage nur Papst, Glaubenskongregation und andere Auserwählte aktiv und alle anderen auf die Zuschauertribüne verbannt, oder folgt die Kirche ihrem eigenen Dekret, das alle Gläubigen zu ökumenischem Eifer verpflichtet, und der Kirchenkonstitution, die davon spricht, dass die Gläubigen den ererbten Glauben im Leben tiefer anwenden und dass sie den Bischöfen offen ihre Meinung sagen sollen, wenn es um das Wohl der Kirche geht?

Gewiss würde man ein schiefes Bild zeichnen, wenn man die Ökumene der Kirchenleitungen und der Theologen gegen die Ökumene an der Basis ausspielte. Auch im Kirchenvolk lässt das ökumenische Engagement nicht selten zu wünschen übrig, und das scheinbar selbstverständlich Getane ist nicht automatisch die Norm des Glaubens. Auf der anderen Seite leidet die katholische Kirche nicht an einer überproportionalen Berücksichtigung der Erfahrungen des Volkes Gottes. So besteht die Gefahr, dass offizielle Ökumene und Basisökumene immer weiter auseinanderdriften. Die Ökumene muss aber eine Sachfrage bleiben und darf keine Machtfrage werden.

Könnte in dieser Situation die "Ökumene des Lebens", von der gegenwärtig häufig die Rede ist, ein Ausweg sein? Hier besteht Klärungsbedarf. Dazu braucht es den Sachverstand der Theologinnen und Theologen, der freilich abstrakt bleibt, wenn er nicht das einbezieht, was als Ökumene gelebt wird. Und das wiederum geschieht am fruchtbarsten, wenn Theologie und Glaubensleben in einer kommunikativen Beziehung stehen.

Ein Trialog ist notwendig

Und eine dritte kommunizierende Röhre gehört dazu: die lehramtlich tätigen Personen und Organe müssen in diesen Trialog eintreten. Nur so haben Theolog(inn)en und Vertreter des Lehramtes die Chance, ihre Mitchristen auf Aspekte aufmerksam zu machen, die sie übersehen oder unterschätzen. Vor allem aber haben die, die einmal für die offiziell verbindliche Erklärung der Anerkennung zuständig sein werden, die Möglichkeit zu erfahren, was im gelebten Zeugnis der Diakonie, der Verkündigung und des Gottesdienstes impliziert ist - an gemeinsamen, alles tragenden Überzeugungen ebenso wie an Differenzen, deren Gewicht im Vergleich zu messen sein wird.

Die Konzilsväter haben in ökumenischer Hinsicht sehr viel gelernt durch die Beobachter aus anderen Kirchen; das war schon ein Stück Ökumene des Lebens. Der Konzilstheologe Joseph Ratzinger hat als Benedikt xvi. die Chance, seine Kirche darauf zu verpflichten.

Der Autor, Professor für Dogmatik, leitet das Institut für Ökumenische Forschung der Universität Tübingen und ist Mitherausgeber von "Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil" (vgl. letztwöchige Furche, S. 11).

Nächste Woche: VI. KONZIL - JUDENTUM UND WELTRELIGIONEN. Hans Waldenfels sj über die Konzilserklärung Nostra Aetate.

Chronologie

5. Juni 1960: Johannes xxiii. errichtet das Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen, das unter der Leitung des deutschen Bibelwissenschafters, Jesuiten und Kurienkardinals Augustin Bea die ökumenischen Vorbereitungen des Konzils koordiniert.

Herbst 1962: Mit großem Geschick gelingt es dem Einheitssekretariat, durch die Einladung von nichtkatholischen Beobachtern dem Konzil von Anfang an einen ökumenischen Stempel aufzudrücken. Vertreter lutherischer, reformierter, methodistischer Kirchen sowie des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf nehmen die Einladung an, auch altorientalische und orthodoxe Kirchen (darunter das Moskauer Patriarchat) sind dabei, nicht jedoch Vertreter des Patriarchen von Konstantinopel, des Ehrenoberhaupts der Orthodoxie. Johannes xxiii. lässt das Einheitssekretariat als Konzilskommission weiterarbeiten: Dieses und sein Leiter Kardinal Bea werden zum Kulminationspunkt der Reformer auf dem Konzil.

Herbst 1964: Nachdem ursprüngliche Pläne, Nichtkatholiken in einem einzigen Konzilsdokument zu behandeln, verworfen worden waren, entsteht unter Federführung des Einheitssekretariats das Ökumene-Dekret des Konzils Unitatis redintegratio, das sich mit den nichtkatholischen christlichen Kirchen beschäftigt und am 21. November approbiert wird.

Herbst 1965: An der letzten Konzilssession nehmen auch Abgesandte des Patriarchen Athenagoras von Konstantinopel teil.

7. Dezember 1965: Am vorletzten Tag des Konzils heben bei gleichzeitig in Rom und in Istanbul stattfindenden Zeremonien die katholische Kirche und die Weltorthodoxie ihre gegenseitigen Exkommunikationen aus dem Jahr 1054 auf. ofri

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