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Der Weg zur Einheit nach 1500 Jahren

Haben die vierten Wiener Konsultationen der Stiftung „Pro Oriente“ mit den Vertretern der altorientalischen Kirchen tatsächlich den Durchbruch erbracht, den sich die Verantwortlichen leise erhofft hatten? Jesuitenpater John F. Long vom Sekretariat für die Einheit der Christen in Rom meinte zum Abschluß, die Vorarbeiten seien geleistet, die notwendigen Formulierungen gefunden, nun müßten die beteiligten Kirchen einzeln über die weitere Vorgangsweise entscheiden. Nähern sich eineinhalb Jahrtausende der Trennung, ja zeitweise der Feindschaft einem Ende?

Eine Woche lang diskutierten rund 40 Theologen um die Problematik des „Vorranges“ einer Kirche über die andern, des Primats des Papstes und seiner Ausübung - um das Kernproblem, das bisher eine Wiederannäherung der seit dem Konzil von Chalkedon getrennten Kirchen am meisten behindert hatte. Delegierte der fünf altorientalischen Kirchen - der Kopten, der Syrer, der Armenier, der Äthiopier und der Syro-Inder - trafen in der Lainzer Konzilsgedächtniskirche mit katholischen Theologen aus Westeuropa zusammen. Erstmals nahmen auch Vertreter der unierten Kirchen an einer solchen Tagung teü. Die Orthodoxen hatten Beobachter entsandt

Die vorausgegangenen drei Konsultationen hatten den Boden vorbereitet. In ihnen war klargestellt worden, daß nicht grundlegende Glaubenswahrheiten einst zur Spaltung von Chalkedon geführt hatten, sondern außerkirchliche Faktoren, vor allem die Tatsache, daß die armenischen, äthiopischen und indischen Christen nicht Untertanen des oströmischen Kaisers waren oder daß sich Alexandria als Sitz des koptischen und Antiochia als Sitz des syrischen Patriarchen gegen den Hellenisierungsprozeß im spätrömischen Reich gewehrt hatten.

Aber auch die europäische Entwicklung im Mittelalter trug nicht dazu bei, einer Wiederannäherung zuzuarbeiten. Prof. Wilhelm de Vries (Rom) umriß die Geschichte des römischen Primats, der im fünften Jahrhundert entstanden war und im 13. Jahrhundert seinen Höhepunkt erfuhr. Gleichzeitig entwickelten sich aber auch die Patriarchate der altorientalischen Kirchen zu in ihrem Bereich durchaus dominierender Position.

So mußte zwangsweise das Erste Va-tikanum mit der Verkündung des Dogmas von der Unfehlbarkeit des Papstes zu neuen Mißverständnissen, zu neuen Spannungen Anlaß geben. Auch in Lainz stand nun die große Kirchenversammlung vor hundert Jahren im Mittelpunkt der Diskussion. Das Erste Vatikanische Konzil muß - wie alle großen Ereignisse - aus der Geschichte seiner Zeit verstanden werden, forderte Prof. Dr. H. J. Pottmeyer aus Bochum. Die politische und soziale Entwicklung drängte dazu, die Freiheit der Kirche durch die Untermauerung des Primats des römischen Papstes zu verteidigen. „Das Konzil wollte der Einheit der Kirche in Glaube und Verfassung dienen.“ Heute könne dies aber heißen, betonte Pottmeyer, daß die Kirche aus Treue zum I. Vatikanischen Konzil verpflichtet sei, die von diesem Konzil vorausgesetzte und gestützte Kirchenordnung hinter sich zu lassen.

Der Wiener Dogmatiker Prof. Gisbert Greshake analysierte die EntScheidungen des I. Vatikanischen Konzils aus dem Zeitzusammenhang heraus und führte aus, der Papst bleibe weiterhin in das Bischofskollegium eingebunden. Er stehe in der Kirche, er stehe aber auch der Kirche als Zeuge gegenüber. Der päpstliche Primat sei nicht als Vollmacht aufzufassen, sich in die Angelegenheiten der Bischöfe einzumischen. Man sollte den Jurisdiktionsprimat als Pastoralprimat verstehen. Hauptaufgabe dieser Vorrangstellung sei es, für Frieden unter den Kirchen zu sorgen.

In der Bibel stehe jedenfalls nichts von Primat und Unfehlbarkeit, meinte der armenische Prälat Aram Keshi-shian aus New York, der Generalsekretär für ökumenische Beziehungen des armenischen Katholikats von Küikien. Der Begriff eines weltumfassenden Primates sei der Tradition der orientalischen Kirche fremd. Eine neue Primatstheologie müßte mehr pastorale als juridische Züge tragen.

Auch die katholischen Teilnehmer hielten in der Diskussion fest, das Papsttum sei nie anders verstanden worden, als daß der Papst in der Kirche Stellvertreter Christi sei, er jedoch nicht über ihr stehe. Einheit und Uni-formität seien erst im letzten Jahrtausend gleichbedeutend geworden -heute lehnen aber auch die Katholiken diese Gleichstellung ab. Immer wieder kam in den Beiträgen das Ringen der Kirche um die „Koinoniä“, die Einheit, zum Ausdruck - aber wie könnte sie verwirklicht werden?

„Wir sind uns einig, daß wir auf das Ziel einer vollen Vereinigung der Schwesterkirchen hinarbeiten sollen“, hieß es im Abschlußkommuniqu6, „mit einer Gemeinschaft im Glauben, in den Sakramenten, im Amt und innerhalb einer kanonischen Struktur ____Die Grundstruktur wird konzi-

liar sein. Keine einzelne Kirche in dieser Gemeinschaft wird für sich allein als Quelle und Ursprung dieser Gemeinschaft angesehen werden. Die Quelle der Einheit der Kirche ist das Wirken des dreieinigen Gottes ... der Heilige Geist, der die Kirche leitet wird uns weiter zur vollen Einheit führen. Und alle unsere Kirchen müssen dem göttlichen Ruf in Gehorsam und Hoffnung folgen.“

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