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Der Papst geht zu den Heiden

Die Teilnahme des Heiligen Vaters am 38. Eucharistischen Weltkongreß in Bombay will mehr sein als eine allgemeine Anerkennung für den Wert der grandiosen Tagung oder eine Auszeichnung der 6,3 Millionen römischer und syrischer Katholiken Indiens für ihre alte Tradition, reges kirchliches Leben und Treue zum Apostolischen Stuhl. Die Erklärung Papst Pauls VI., er werde als Missionar nach Bombay ziehen, das Kultzentrum der Hindus und ihres elefantenhäuptigen Gottes Ganescha ist, hat zwar peinliche Mißverständnisse bei den Indern ausgelöst, verrät aber tiefere Beweggründe, die der bevorzugt in Gleichnissen handelnde Papst in die symbolische Geste seiner Asienfahrt hüllte.

Auf den ersten Blick scheint kein näherer Zusammenhang zwischen den großen Papstreisen dieses Jahres zu bestehen, inmitten derer die entscheidende dritte Session des Konzils durchgefochten wurde: Die Begegnung mit Patriarch Athenagoras in Jerusalem stand im Zeichen der christlichen Einheit, während die Reise nach Bombay aufs weite Feld der Mission führt. Hatte man aber in der Vergangenheit die Wiedervereinigung gerne aus „missionarischer“, konversionseifriger Sicht angepackt, so setzen sich heute auch in der missionarischen Praxis die Grundsätze durch, die für die konfessionelle Verständigung erarbeitet wurden: Toleranz, Achtung und Vielfalt Bei diesem Brückenschlag von der Ökumene zur Weltkirche hat gerade der letzte Eucharistische Kongreß in München Pate gestanden, der der. liturgischen Reichtum der Ostkirchen mit den ersten Ansätzen afro-asiatischer Riten konfrontierte. Kann hierin der diesjährige Kongreß an ein geglücktes Experiment anknüpfen, so hat er besonders für Indien als katholische Ergänzung zur Weltkirchenkonferenz Bedeutung, die im November 1961 in Neu-Delhi getagt hatte. Auf dieser Versammlung von Protestanten, Altkatholiken und Orthodoxen wurde die Vereinigung des Weltkirchenrates mit dem Internationalen Missionsrat verkündet und damit die Münchener Initiative von 1960 auch im Bereich der romfreien Christen zur Anwendung gebracht. So läßt sich bei genauerer Durchleuchtung der Vorgänge die kirchliche Linie verfolgen, die von Jerusalem nach Bombay führt: Die Grundlegung einer neuen Einheit durch die Bischöfe von Rom und Konstantinopel erhält von den Kon- zilsbeschlüssen über die Kollegialität des Bischofsamtes und die Kommuniongemeinschaft mit den Orthodoxen ihr tragfähiges Fundament; die grundsätzlichen Erörterungen der Konzilsväter zu ' den Themen der Nichtchristen und der Kirche in der modernen Welt dagegen erfahren lebendige Verwirklichung durch den Heiligen Vater, der die Heiden in dieser modernen Welt aufsucht. Nur selten kann man die Grundprinzipien des Kirchengefüges, lebendige Vielfalt und ordnende Einheit, klarer am Werk sehen und das organische Zusammenspiel ihrer Repräsentanten beobachten, des Bischofskollegiums und seines Ordners, des Papstes, der seinerseits Christus repräsentiert, als in der Kirchengeschichte des Jahres 1964.

Die Reise Papst Pauls VI. nach Indien dient darum genauso wenig dem Eucharistischen Kongreß allein, wie seine Pilgerfahrt ins Heilige Land bei weitem nicht nur dem Besuch der ehrwürdigen Stätten galt. War es in Jerusalem darum gegangen, den christlichen Bruderzwist beizulegen, so soll in Bombay das Tor auch den Vettern aus dem Heidentum geöffnet werden. Denn darüber ist man sich langsam klarge- worden, daß die Epoche der „Ein- gliederungsinission“ in ein abendländisches Christentum, wie sie seit dem Zeitalter der Entdeckungen mit heiligem Eifer betrieben wurde, zu Ende gegangen ist. Nun träumen manche, die der entgegengesetzten Übertreibung huldigen, von einer NATO der Weltreligionen, die gegen Atheismus, Kommunismus und Proletariat mit der Kette rasselt.

Doch die Kirche Christi ist weder ein internationaler Friedenschor noch soll sie dem Roten Kreuz Konkurrenz machen. Sie ist der Sauerteig, der alle Völker und Kulturen der Erde nach ihrer Art zur gottgewollten Fülle aufgehen läßt. Wendet man dieses Gleichnis auf die Missionsmethoden an, so verlangt es, die christliche Substanz der Frohbotschaft mitzuteilen, ansonsten aber auf die vorgefundene Kultur, Mentalität und Religion zurückzugreifen. Das ist absolut nichts Neues: Die Apostel taten dasselbe, als sie judenchristliche, samaritische und hellenistische Gemeinden gründeten, und die Jesuitenmissionare des 16. und 17. Jahrhunderts befolgten diesen Grundsatz in Indien, China und Japan, bis ihnen die immer gestrenge Kurie die Suppe versalzte. Es war ihnen aber gelungen, das Christentum so fest in Brauchtum und Volksfrömmigkeit zu verankern, daß einige dieser Gemeinden ohne Priester bis ins 19. Jahrhundert überdauerten und von der zweiten Missionswelle erfaßt wurden. Dieses Beispiel zeigt, daß man nicht den Priestermangel allein als Wurzel allen Übels betrachten darf, wie das zur Zeit in Lateinamerika geschieht. An dei' Misere der Kirche in Mittel- und Südamerika, das heute noch Missionsgebiet ist, sind vielmehr die spanischen und portugiesischen Bekehrungsmethoden schuld, die bis heute durch die leeren Kathedralen geistern und mit dem portugiesischen Protest gegen die Indienreise des Heiligen Vaters hoffentlich ihren letzten Seufzer ausgehaucht haben.

So sind sich heute alle mit den Problemen Vertrauten darüber einig, daß sich die Kirche assimilieren, das heißt, ihren Lebensräumen genauso anpassen muß, wie sie das den verschiedenen Zeitabschnitten gegenüber mit mehr oder weniger

Geschick getan hat und gegenwärtig wieder zu tun versucht. Die Zeit ist nicht mehr fern, in der eine indisch-, afrikanisch- oder japanischkatholische Kirche mit ihrer römisch-katholischen Mutterkirche eine wahrhaft katholische Weltkirche bilden werden. Die Glaubwürdigkeit des römischen Bekenntnisses zur Vielfalt in der Einheit wird sich zuvor an einer geänderten Haltung zu den orthodoxen und reformierten Christen ermessen lassen, deren erfolgreiche Aussöhnung mit dem Heiligen Stuhl die Vorstufe und der beste Garant für den Vorstoß einer geeinten Kirche in der Welt des Heidentums ist.

Allein, die Öffnung der Kirche zu den großen Hochreligionen darf sich nicht auf liturgische und administrative Konzessionen beschränken. Es besteht einhellige Übereinstimmung der Kirchenväter in Hinblick darauf, daß die Führung des Heiligen Geistes nicht nur im auserwählten Volk Israel, sondern auch in heidnischen Kulten und Philosophien wirksam war und ist. Mit Bevorzugung wurde das klassische Denken behandelt, so daß Schriften hellenischer Weiser • vereinzelt im Kanon der inspirierten Bücher auftauchen und die Wände griechischer Kirchen mit Fresken von St. Sokrates und St. Platon geschmückt wurden. Heute noch ist für den griechisch-orthodoxen Christen der platonische Geist-Materie Dualismus ein realeres „Altes Testament“, als das menschlich-existenzielle und historische jüdische Denken. In ähnlicher Weise nun, wie es bei der platonischen und aristotelischen Philosophie schon geschehen ist. müssen auch die chinesischen Weisheitslehren desLaotse und des Konfuzius, die Erlösungsversuche des Buddhismus, die klare Sittenlehre Zarathustras und der kraftvolle

Monotheismus des Islam und ihrer christlichen Erfüllung finden. Dabei haben sie als vorbereitender „Alter Bund“ weiter in Kraft zu bleiben, abgestimmt allerdings auf den geschichtlichen Alten Bund der göttlichen Wortoffenbarung, der auf dieser Ebene das Prinzip der Einheit unter der Vielfalt natürlicher Religionen verkörpert. Hier schließt sich der Bogen von Jerusalem nach Bombay, von der Sammlung zur Entfaltung, von der Berufung zur Sendung.

In den Rahmen all dieser Zusammenhänge stellt sich bewußt der Heilige Vater, wenn er seinen Fuß auf den indischen Subkontinent setzt; und während die Weltkirchenkonferenz skeptischen Hindus die evangelische Freiheit dieser seltsamen Christenmenschen in einem bunten Gewoge von National-, Landes- und Freikirchen, Erweckungsbewegungen und erzkonservativen Gruppen einleuchtend vorgeführt hat, tritt jetzt der Wahrer und Mehrer der Einheit und Glaubwürdigkeit dieser ach so uneinigen Christenheit auf den Plan. Mußte der Weltkirchenrat wie ein asthmatischer Tausendfüßler mit Ausschüssen, Gremien und Exekutiven aufmarschieren, um seine Geschlossenheit unter Beweis zu stellen, so genügt nun ein einziger Mann, um die fortwährende Sorge Christi um den Zusammenhalt seiner Kirche aufzuzeigen. Haben frühere Päpste ihre Vollmachtsansprüche durch hochgeschraubte Theorien und einseitig formulierte Konzilsbeschlüsse zu stützen versucht, so hat Papst Paul VI. es mit seinem symbolträchtigen Handeln aufs immer Neue bewiesen, daß er die Autorität besitzt und wirkt, die ihm zum Wohle der Kirche zukommt.

Diese Überlegungen führen in das Mysterium des Petrusamtes ein, das

sich durch die „Missionsreise“ des Papstes von einer neuen Seite erschließt. Ist das gesamte Heilsgeschehen die personale und existentielle Vergöttlichung der gefallenen Menschennatur durch den Gottmenschen Jesus Christus, der die Erlösung nicht nur lebte, sondern mit Fleisch und Blut vollzog, dann kann auch das Schicksal der Gemeinde Christi, der Kirche, nur auf einen gleichgearteten, personalen und existentiellen Vollzug gebaut werden. Darum steht an der Spitze der Kirche kein administrativer Patriarchenrat, sondern ein Papst als Hüter des Glaubens und der Einheit der vielgestaltigen Kirche. Somit ist das Petrusamt im letzten keine kirchliche Verwaltungsfunktion, worauf lange der Hauptton in seinen praktischen Auswirkungen gelegt wurde. Die Verwaltungsinstitution schlechthin ist das Patriarchenamt, das der Papst für die Westkirche in Personalunion mit ausübt. Die wesentlichen Aspekte seiner Berufung sind aber die Wahrung des Liebesbundes zwischen den einzelnen Ortskirchen als existentieller Aspekt im Mitvollzug der gottmenschlichen Mittlerschaft Christi und der personale Aspekt als Verkünder und Bestätiger der gesamtkirchlichen Unfehlbarkeit, die sich in menschlichen Begriffen nie endgültig fassen, sondern nur immer neu entfalten und erklären läßt Die Wahrheit ist eben für den Menschen nur einen Augenblick greifbar und marschiert nicht unwandelbar durch die Jahrtausende. Darum bedarf die Kirche eines Organs, das ihre Unfehlbarkeit im konkreten Einzelfall realisiert. In dieser seiner geheiligten Aufgabe ist der Papst natürlich „nur“ Mitwirker Christi, der als Haupt der Kirche ihre Einheit und Unfehlbarkeit gewährleistet. Die Art der Mitwirkung des Heiligen Vaters liegt auf der Linie des Beitrags Mariens zum Erlösungswerk, die stellvertretend für die gesamte Menschheit ihre Person dem Heilsgeschehen zur Verfügung stellte. So ist der Papst Stellvertreter der Kirche vor Christus und Stellvertreter Christi vor der Kirche.

Die päpstliche Aufgabe des Sammlers der Christenheit, die bisher nur in ihren innerkirchlichen Bezügen betrachtet wurde, weitet sich jetzt anläßlich der Indienreise in eine andere Riphtung aus und wird zum Angelpunkt von Kirche und Welt, Christentum und Heidentum. Ist der Papst der Verwalter aller gemeinsamen Anliegen der christlichen Kirchen, so ist er auch in erster Linie Hüter des gemeinsamen Auftrags des Herrn an alle Christen: „Gehet hin und taufet alle Völker!“ Damit wird der Papst zum Missionar schlechthin, zum Brennpunkt, der alle christlichen Strömungen vereint.

Wenn Papst Paul VI. als erster Nachfolger des heiligen Petrus den Spuren des Apostels Thomas nach Indien folgt, so liegt darin eine Absage an einen zentralistischen, von der Verwaltung her gesehenen Kirchenbegriff. Die Christen Indiens waren jahrhundertelang nur durch den gemeinsamen Glauben und die Eucharistie mit der Kirche von Rom verbunden, ohne daß das ihre Ka- tholizität beeinträchtigt hätte. Der Besuch des Heiligen Vaters im Land dieser Thomas-Christen kündigt auch hier einen Wandel an: Eine Selbstbeschränkung des Papsttums auf seine ökumenische, magistrale und missionarische Grundfunktion und die Befreiung vom kurialen Administrationskram, der den Verwaltungsinstitutionen der Kirche, den Patriarchaten und Bischofskonferenzen, übertragen wird. So liegt in diesem Papstbesuch wirklich mehr als eine einfache Kongreßteilnahme. Nicht nur dei- Papst geht zu den Heiden. Die erneuerte Kirche geht mit ihm.

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