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Brennende Geduld

Allein die Eucharistie, zugleich Mittel und Vollendung der Einheit, ist imstande, uns die übernatürliche Kraft und die Fähigkeit zu geben, auf Erden unsere Einheit unter den Getauften zu schaffen. Hierin liegt eine existentielle Wahrheit. Als Sakrament der Einheit wird sie uns und um uns alle Fermente der Trennung auflösen. Die ökumenische Welle wird wieder verebben, wenn nicht bald der Tag kommt, da sich um denselben Tisch diejenigen vereinen, die — konfessionell getrennt — an die wirkliche Gegenwart Christi in der Eucharistie glauben.

Dennoch wird die Interkommunion in Taize nicht akzeptiert. Ihre Ausübung begünstigt leidenschaftliche Gegensätze, die dem gegenwärtigen Willen zur Versöhnung zwischen den Getauften zuwiderlaufen. Sie verletzt in gewisser Weise die Liebe, die viele der Einrichtung des Abendmahles entgegenbringen, und was die Liebe verletzt, hilft nicht die Kirche Gottes bauen.

Heute besteht bezüglich des Glaubens an die Eucharistie, die Gedenken an Christus und wirkliche Gegenwart Christi ist, eine Annäherung zwischen der theologischen Position des Konzils und gewisser Protestanten, die tief durch die biblische, liturgische und ökumenische Erneuerung geprägt sind.

Aber es bleiben Meinungrsunter-schtede, die die Männer meiner Generation statt zur Verzweiflung zum Forschen treiben. Die Hauptschwierigkeit ist die des geistlichen Amtes. In der katholischen wie in der Orthodoxen Kirche darf nur der durch einen Bischof geweihte Priester die Abendmahlfeier abhalten. Alle aber wissen: Das Bischofsamt in bestimmten Kirchen oder sein Äquivalent in anderen innerhalb des Protestantismus wird von der katholischen Kirche nicht anerkannt.

Es gibt Katholiken, darunter Männer mit großer Autorität, die hoffen, daß die Kirche eines Tages allen Getauften, die an die wirkliche Gegenwart Christi glauben, den Zugang zu ihrem Abendmahl öffnen wird. Aber vom katholischen Standpunkt bleibt die Umkehrung dessen — die Interkommunion — undenkbar, und zwar selbst in den Augen dieser Männer, die sehr ernsthaft eine offene katholische Eucharistie anstreben.

Diese theologische Sackgasse raubt manchen die Hoffnung. Alles, was man hierzu sagen kann, ist, daß ernst zu nehmende katholische Theologen sich fragen, ob sich in der Zukunft eine Auffassung vom außerordentlichen Priesteramt als Frucht der stellvertretenden Gnade Gottes wird entwickeln können. Aber es versteht sich von selbst, daß auf diesen Gebieten ein langsames Reifen nötig ist. Und anstatt sich in einer Ungeduld festzurennen, die zu nichts führt, kann man zwei Möglichkeiten für den weiteren ökumenischen Weg aufzeigen:

Das erste ist, die ganze Fülle dessen zu leben, was bereits gegeben ist. Befinden wir uns nicht in der Zeit des Unerwarteten und schreiten von einem Unerwarteten zum nächsten? Erinnern wir uns noch an den unerioarteten Text des Zweiten Vati-kanums über die heilige Eucharistie: „Zwar besitzen die von uns getrennten Kirchengemeinschaften nicht die volle aus der Taufe abgeleitete Einheit, und wir glauben, namentlich auf Grund des Sakramentes der Priesterweihe, daß sie nicht die ganze dem eucharistischen Mysterium eignende Wirklichkeit bewahrt haben. Gleichwohl lehren sie, indem sie beim heiligen Abendmahl das Gedenken an den Tod und die Wiederauferstehung des Herrn feiern, daß das Leben in der Kommunion mit Christus besteht, und daß sie seine glorreiche Rückkunft erwarten. Daher müssen die Lehre vom Abendmahl des Herrn, die andern Sakramente, der Gottesdienst und die priesterlichen Ämter der Kirche Gegenstand des Dialogs sein.“

Zweitens ist es möglich, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren, sich am selben Tisch zusammenzufinden, andere provisorische Wege zur Einheit zu suchen, um in einer festgefahrenen Situation freie Bahn zu schaffen. Der Aufruf zum Gebet, den von Taize aus junge Menschen an die Jugend gerichtet haben, mit der Aufforderung, das Gebet für die Einheit durch Gesten der Solidarität mit den Ärmsten zu konkretisieren, der Appell, „acht Wochen der Einheit“ zu leben — sind sie nicht Zeichen einer Geduld, die nicht tatenloses Abwarten ist, sondern Inbrunst im Dienst Gottes und der Menschen?

Trotz der Sackgassen, in denen unser ökumenisches Denken über die Eucharistie steckt, gibt es große Aufgeschlossenheit und echte Hoffnung. Das führt jedoch nicht dazu, die Anforderungen der Einheit zu bagatellisieren.

Die durch die gegenwärtige Unmöglichkeit, gemeinsam an derselben Tafel zu kommunizieren, erzeugte Spannung verwandelt sich schon bei vielen in eine brennende Geduld.

Roger Schutz, Prior von Taizö krieges den Fanfarenstoß verdankt, der in die beginnende Neuzeit der Kirche weist: sein Hirtenbrief „Aufstieg oder Verfall der Kirche“.

Wer vor Jahren und Jahrzehnten den Fürsterzbischof von Salzburg, den Primas Germaniae, den Legatus natus des Apostolischen Stuhles, Dr. Andreas Rohracher sah, konnte sich dies ersehen: einen Kirchenmann, der selbstbewußt den Glanz, die Pracht, die Ehren an sich trug, die dem Tausendjährigen Reich Gottes in Salzburg seit den Tagen des heiligen Virgil im Alteuropa des Heiligen Römischen Reiches zugewachsen waren. Dieses Reich Gottes in Salzburg reichte mit seinen mächtigen Armen zeitweise bis tief in das Reich Gottes in Böhmen, tief in die slawischen Lande Südosteuropas hinein, und sein Ruhm war im Westen ebenso bekannt und eindrucksvoll repräsentiert wie ihn die Kostbarkeiten der Salzburger geistlichen Kunst des Mittelalters eindrucksvoll uns Erben bezeugen.

Wer da, in vergangenen Tagen und Jahren, diesen Fürsterzbischof in Salzburg sah, um den der Glanz der untergegangenen Reiche sich eben noch einmal in seinem Kirchenireich spiegelte und reflektierte, mochte übersehen, daß in den Prunkgewändern, in den weitausholenden herrscherlichen Gesten und triumphalen Worten noch ein anderer Mensch zugegen war: eine mutige Priesterseele, die recht gut wußte, wie arg, arm und armselig es um Kirche und Mensch in diesem 20. Jahrhundert gerade auch bei uns oft bestellt war und ist. Der junge Osttiroler wollte nicht in seiner hochkonservativen, gesättigten Diözese Brixen Priester werden, sondern in dem Stiefkind der Kirche in der Monarchie, in Kärnten, einem wahrhaft verwahrlosten Lande, in das man Priester aus anderen Diözesen abschob, die irgendwie zu Fall gekommen waren oder als verdächtig galten.

Der Kapitelvikar Rohracher, 1933 zum Weihbischof geweiht, übernimmt 1939 die Leitung des südlichsten Fürstbistums im Hitler-Staat' und schlägt sich gerade auch für seine “slawischen Pfarren (in den annektierten Gebieten Jugoslawiens) mit den Behörden in Berlin und an Ort und Stelle. Die Verteidigung des Menschen, der Menschenwürde, der Menschenrechte, rückt da immer stärker in den Vordergrund, neben der Wahrnehmung der Pflichten eines Kirchenmannes zur Verteidigung eben der Rechte seiner Kirche.

Es führt ein gerader Weg von die ser Verteidigung des Menschen in den Kriegsjahren des Dritten Reiches zu den Fürsorgewerken des Salzburger Erzbischofs nach 1945 für Vertriebene und gerade auch für jene, die eben kurz zuvor harte Verfolger gewesen waren. Dieser Weg führt weiter, in einer erstaunlichen Gipfelung in der Gegenwart, zur Öffnung der Kirche in der Salzburger Erzdiözese: Öffnung für ein Reformwerk, dem die weitzielenden Planungen und Vorarbeiten für die auf 1968 einberufene Diözesan-synode gelten.

Der 75jährige Salzburger Erzbischof Dr. Andreas Rohracher kann heute auf eine Jugend sehen, die um ihn ist: junge Generationen von Christen, Laien und Priestern, die auf ihn hoffen, die ihm vertrauen, die ihm Glauben schenken. Junge Men sehen aller Kalender Jahrgänge (spirituelle Jugend ist nicht an den Jahreskalender der biologischen Jahrgänge gebunden) sehen in diesem 75jährigen Priester Jüngling den Schutzherrn für die eben begonnenen schweren Werke.

Die Wege der Kirche in die Zukunft werden ja schmerzensreich, domenreiclh sein.

Der Erzbischof von Salzburg empfängt zu seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag wohl dies als kostbarstes Geschenk: Die frohe Erfahrung eines Gebets, das in vielen Jahrein auch noch junge Priester oft schmerzlich, entmutigt, enttäuscht, früh überarbeitet und ermüdet tagtäglich gebetet haben: Introibo ad altare Dei, Ad Deum, qui laetiflcat juventutem meam. Dieses Gebet im Stufengebet der alten Messe kann er froh als Erfahrung wahrnehmen: ich bin umgeben von Menschen, in denen die Jugendkraft Gottes präsent ist für mich, für sie selbst, und für die vielen Anderen, die draußen vor unserer Tür sind.

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