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Das Konzil mitten im Sturm

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 80 Jahren begann ein verheißungsvolles Konzil der Russischen Orthodoxen Kirche. Pastorale Fragen wurden von der Oktoberrevolution überschattet.

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 80 Jahren begann ein verheißungsvolles Konzil der Russischen Orthodoxen Kirche. Pastorale Fragen wurden von der Oktoberrevolution überschattet.

Am 15. August 1917 (= 23. August nach dem gregorianischen Kalender) dem Hochfest der Ent-schlafung der Gottesmutter Maria (= Maria Himmelfahrt) begann das schon lange ersehnte und gut vorbereitete Landeskonzil der Russischen Orthodoxen Kirche. Ks war das erste Landeskonzil seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und leitete in mehrfacher 1 Iinsicht eine kirchliche Neuorientierung ein. Leider fanden viele pastora-le Reformansätze - von wenigen Entscheidungen abgesehen - aufgrund der politischen Ereignisse vom Oktober/November 1917 praktisch keinen Niederschlag im Leben der Kirche.

Zur Eröffnung gab es feierliche bischöfliche Gottesdienste in 33 Kirchen Moskaus und eine anschließende Sternprozession auf den Roten Platz. In verschiedenen Wahlvorgängen wurden schon im Vorfeld des Konzils die offiziellen Teilnehmer ermittelt, die sich aus den verschiedenen Ständen, als Delegierte der kategorialen Bereiche der Seelsorge und vor allem aus Vertretern der einzelnen Eparchien (Diözesen) zusammensetzten. Insgesamt gehörten 564 Männer der Konzilsversammlung an, von denen mehr als die Hälfte dem Laienstand zuzuzählen waren (10 Metropoliten, 17 Erzbischöfe, 149 Priester und Mön -che, 10 Diakone, 26 Psalmensänger und 299 Laien). Zu Beginn der Arbeit wurden 20 Kommissionen (Abteilungen) für alle wichtigen Sachbereiche des kirchlichen Lebens (zum Beispiel Gottesdienst und Predigt, Kirchenverwaltung, Gerichtsbarkeit, Mission, Klöster, Ausbildungsstätten, Religionsunterricht, ...) gebildet. Diese erstellten geeignete Textentwürfe, welche dann der Vollversammlung zur Beratung und Beschlußfassung vorgelegt wurden. Meistens verfaßten Theologie-professoren der Geistlichen Akademien Grundsatzreferate zu den anstehenden Fragen. Neben der

Plenarversammlung gab es noch die Bischofsversammlung, der das Recht zukam, alle Konzilentscheidungen „unter dem Aspekt ihrer Übereinstimmung mit dem Worte Gottes, der Dogmen, der Kanones und der Uberlieferung der Kirche zu beurteilen.” In den drei Sitzungsperioden (1. Session: August - September 1917; 2. Session: Jänner - April 1918; 3. Session: Juli - September 1918) fanden insgesamt 170 Plenarsitzungen statt.

Der wohl bedeutsamste Beschluß des Konzils war die Wiederherstellung des Patriarchats. Unter der Be-gierung Peters des Großen war dieses nämlich in ein synodales oberstes Leitungsgremium umgewandelt worden. Am 28. Oktober/13. November 1917, in der ersten Sitzung nach der Oktoberrevolution faßte das Konzil den historischen Beschluß, die patri-archale Struktur der Russischen Orthodoxen Kirche wiederherzustellen. In mehreren Wahldurchgängen wurden drei geeignete Kandidaten ermittelt, von denen der endgültige Patriarch durch Los erwählt wurde. Während die Bürgerkriegskämpfe um den Kreml tobten, fand am 5./18. November 1917 die eigentliche Patriarchenwahl in einem feierlichen Gottesdienst in der Christus-Erlöserkirche statt. (Diese Kirche, die in den Jahren 1837-1883 zum Dank an den Sieg über Napoleon im Vaterländischen Krieg von 1812 errichtet worden war und von den Kommunisten 1930 gesprengt wurde, steht heute nach ihrer Wiedererrichtung in den vergangenen Jahren knapp vor ihrer Vollendung). Nach intensivem Gebet zog der greise und heiligmäßig lebende Priestermönch Aleksij aus einem vorbereiteten Schrein den Namen des Moskauer Metropoliten Tichon Belawin. Dieser wurde am 21.' November/4. Dezember 1917 in sein neues Amt inthronisiert. Daß er mit dieser Würde auch eine schwere Bürde übernahm, war dem neuen Patri-. archen wohl bewußt. Natürlich konnte er zu dieser Zeit noch nicht ahnen, wie grausam und unerbittlich die neuen Machthaber in den kommenden Jahren gegen die Kirche vorgehen würden. Er selbst sollte es am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Bisher weniger bekannt ist die Tatsache, daß dieses Konzil neben den organisatorischen, strukturellen und wirtschaftlichen Reformen auch viele pastorale Fragestellungen ernsthaft diskutiert hat. In den Textvorlagen sind nämlich einige äußerst bemerkenswerte Thesen zu finden. Aufgrund der immer schwieriger VV Ci denden politischen Lage während der 2. und 3. Sitzungsperiode fanden sie aber nur teilweise in die Beschlüsse Eingang. Gegen Ende des Konzils beriet man in vielen Sitzungen der Vollversammlung vor allem darüber, wie man auf die Übergriffe, Greueltaten und neuen Religionsgesetze der kommunistischen Machthaber geeignet reagieren und protestieren sollte. Man wollte einerseits klar den Unmut der Kirchenleitung zum Ausdruck bringen, andererseits die schwierige Lage nicht noch mehr aufheizen. Beim Lesen der Reden aus den Konzilsprotokollen spürt man oft eine gewisse Unbegreiflichkeit, ja fast Hilflosigkeit gegenüber den neuen Zuständen, welche die russische Kirche in ihrer Geschichte noch nie erlebt hatte. Denn für viele schien das Bewahren des Glaubens identisch zu sein mit dem Festhalten an den alten gesellschaftlichen Verhältnissen.

Ein Hauptanliegen des Konzils bestand darin, die spürbar große Distanz von weiten Kreisen des einfachen Gottesvolkes, aber auch der Intelligenz zur Kirche und zum Gottesdienst zu überwinden. Durch geeignete Reformen sollte eine gewisse Annäherung erreicht werden. Entscheidend erschien es vielen Konzilsvätern, insbesondere das religiöse Bildungsniveau in allen kirchlichen Bereichen umgehend zu verbessern. So wurde zum Beispiel beschlossen, daß in allen Gottesdiensten und gottesdienstlichen Versammlungen die Predigt nie fehlen darf, weil sie zu einer der Hauptpflichten des pastoralen Dienstes gehört. Diese Aufgabe der kirchlichen Unterweisung wurde neben den Bischöfen, Priestern und Diakonen auch geeigneten und entsprechend ausgebildeten Laien zugetraut. Um eine allgemeine Verständlichkeit der Predigt zu erreichen, forderte das Konzil, sich auf der kirchlichen Kanzel der lokalen Sprachen und Mundarten zu bedienen. In den Priesterseminaren sollte deshalb großer Wert auf eine fundierte Ausbildung und praktische Einübung in die Predigtarbeit gelegt werden. Als geeignete Hilfsmittel werden die Herausgabe einer eigenen Predigtzeitschrift, Predigtkurse zur Weiterbildung und Bildung von Predigerzirkeln im Beschlußtext angeführt. (Wer heute verschiedentlich einen orthodoxen Gottesdienst in Rußland besucht, wird feststellen müssen, daß sich dieser Beschluß des Konzils im allgemeinen nicht durchgesetzt hat. Die Predigt im Gottesdienst stellt nämlich noch immer eher eine Ausnahme dar und ist keineswegs in allen Kirchen üblich).

Da die Bibel in ihrer kirchenslawischen Übersetzung für viele Gläubige der damaligen Zeit ein verschlossenes Buch blieb, wurde auf dem Konzil vom Bibelausschuß beantragt, das gesamte Alte und Neue Testament auf der Grundlage der hebräischen und griechischen Quellen und mit Hilfe der neueren Bibelforschung ins Russische zu übersetzen. Auch für den Gottesdienst wurde angeregt, wenigstens Teile der Gebete und Gesänge ins Russische zu übertragen und das Evangelium zweisprachig (kirchenslawisch und russisch) zu verlesen. Damit sollte der Gottesdienst für alle

Besucher besser verständlich und damit auch besser mitvollziehbar werden. (Gerade dieser Punkt ist heute wieder Anlaß für heftige Kritik und ernste Auseinandersetzungen, weil einzelne orthodoxe Priester die Gedanken des Konzils aufgreifen und in ihren Gottesdiensten teilweise die russische Sprache verwenden.)

Noch ein Punkt aus der Fülle der Materialien des Konzils sei hier angeführt, weil diese Frage besonders heute in der katholischen Kirche sehr heiß diskutiert wird. Das Konzil hat sich ernsthaft mit der Frage beschäftigt: Wie können Frauen entsprechend ihrer spezifischen Berufung stärker zur aktiven Teilnahme und Mitverantwortung in den verschiedenen Bereichen des kirchlichen Lebens einbezogen werden? In dem entsprechenden Grundsatzreferat stellt der Konzilsredner die besondere Nähe von Frauen zu Jesus und zu den Jüngern heraus und weist auf ihre spezifischen Aufgaben in der Urkirche hin. In diesem Zusammenhang wird die Wiedereinführung der Institution der Diakonissen gefordert. Außerdem wird die großartige Treue der Frauen zum Glauben und zur Kirche herausgestellt, die besonders in den aktuellen Ereignissen und den Tagen der beginnenden Kirchenhetze deutlich wurde. Nach langer und engagiert geführter Debatte wurde nun ein sehr knapper Beschlußtext verabschiedet, während die offenen Fragen vertagt wurden. Neben dem Recht der Frauen, in allen kirchlichen Einrichtungen (außer Diözesanrat, kirchliche Gerichtsbarkeit und Verwaltung) Ämter zu bekleiden, wurde festgelegt, daß in Ausnahmefällen Frauen zum Vollzug des Amtes eines Psalmensängers (gehört in der Orthodoxie zum Stand der Kleriker) mit allen Rechten und Pflichten - auch was die Entlohnung betrifft - zugelassen sind, aber ohne daß sie dadurch in den Klerus aufgenommen werden. Die von einigen Rednern in der Debatte heftig geforderte Erlaubnis zum Betreten des Altarraums (ist bis heute Frauen nicht erlaubt) wurde in den Beschlußtext nicht aufgenommen.

Leider sind gerade die pastoralen Reformanliegen dieses Konzils durch verschiedene Erneuerergruppen, die sich in den 20er Jahren von der Patriarchatskirche abgespaltet hatten und von den neuen Machthabern vorerst sehr gefördert wurden (man sah in den Spaltungen eine Chance, die Kirche insgesamt leichter vernichten zu können), sehr stark in Mißkredit geraten. So wird bis heute diesen berechtigten und notwendigen Reformansätzen meist entschiedene Ablehnung oder wenigstens sehr große Skepsis entgegengebracht. Nur einige wenige orthodoxe Priester versuchen mit ihren Gemeinden, die vom Konzil von 1917/18 vorgezeichneten Linien wiederaufzunehmen und weiter zu verfolgen. Diese Gemeinden stehen - wie schon oben erwähnt- unter massivem Beschuß von eher traditionellen Kreisen und finden auch bei ihren Obrigkeiten kaum Unterstützung.

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