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Veraumtes und Vernachlassigtes

Hoffnung auf eine neue Zukunft schließt ein, Gegenwart und Vergangenheit kritisch zu betrachten, zu überlegen, wo Änderungen nötig erscheinen, auf Versäumtes und Vernachlässigtes hinzuweisen. Darum muß dieser Beitrag notgedrungen unbequem sein, wird zu Kritik und zu Widerspruch herausfordem. Dankbar will ich anmerken, daß Univ.-Prof. DDr. Wolfgang Beilner, Professor für Bibelwissenschaft des Neuen Testamentes, in seiner als Manuskript veröffentlichten Inaugurationsrede geschrieben hat: „Man muß miteinander noch tatsächlich reden können, und man muß über alles reden können… Der Begriff Parrhesia (frei übersetzt etwa: Zuversicht, Freimut. Anm. des Verf.) ist die Ermunterung zum Mut in der Kirche“ (a. a. O. Seite 48).

Zu kurz kommt die innerkirchliche Kritik. Gewiß haben sich kirchliche Strukturen in letzter Zeit menschenfreundlicher gestaltet, Demokratie und Menschenrechte sind aber noch nicht in der Kirche fest beheimatet. Es fehlt das vorbehaltlose Ja zur Gleichwertigkeit der Frau. Es fehlt an Geduld und Großzügigkeit theologischen Neuansätzen gegenüber. Die Ökumene wird nicht kräftig genug vorangetrieben, das neue Kirchenrecht hat vielmehr erneut Hindernisse verfestigt. Wer sich für die Probleme der Arbeiter oder das Leid der unterdrückten Volksschichten in der Dritten Welt einsetzt und dabei eine Auseinandersetzung mit Elementen marxistischer Analysen eingeht, wird als „links“ eingestuft und abgeurteilt.

Die Erkenntnis, daß in die Sprache der Dogmen die Sprache ihrer Entstehungszeit eingeflossen ist, hat eine befreiende Kraft, die vielen nicht zuteil wird, weil darüber nicht deutlich gesprochen wird. Obwohl es, um ein Beispiel zu nennen, längst klar ist, daß die Berichte von Erschaffung des Menschen und Sündenfall keinerlei historische Bedeutung haben (und in diesem Punkt Naturwissenschaft und Theologie durchaus versöhnt sind), werden die Konsequenzen auf die notwendig gewordene neue Ausdeutung der heilsgeschichtlichen Termini „Erbsünde“ und „Erlösung“ kaum diskutiert. Uber die Lehre von den „letzten Dingen“ ist ein auffälliges, wenn auch verständliches Schweigen gebreitet. Tod ist nicht mehr ohneweiters deutbar als Trennung von Leib und Seele. Für den Himmel gibt es, und das sollte uns freudig stimmen, eine Fülle neuer Bilder. Die Hoffnung auf eine letztliche Wiederherstellung aller Dinge in Gott ist mächtig und lebendig geworden.

Daß viele Menschen die Vorstellung eines Fortlebens nach dem Tod als individualistische Heilserwartung nicht mehr für wesentlich halten, sollte uns zu denken geben.

Christliche Praxis hat umstürzlerische und zersetzende Züge. Eine Gesellschaft, in der es Mindestrentner am Rande des Existenzminimums und Politiker mit Mehrfachbezügen gibt, kann von Christen nicht akzeptiert werden. Die Solidarität mit der Dritten Welt drängt dazu, die Verflechtungen von Wohlstand und Ausbeutungen nicht mehr ruhig hinzunehmen. Angesichts der seelischen Nöte vieler Priester und Priesterkandidaten muß die Diskussion um die Verpflichtung zum Zölibat fortgesetzt werden. Der von der Bergpredigt ausgehende Impuls zur Gewaltlosigkeit rüttelt an den Strukturen bestehender militärischer Institutionen. Die Schrecken von Hiroshima und Nagasaki machen die Duldung atomarer Rüstung fragwürdig, ja vermutlich unmöglich, auch nicht zu Zwecken der Verteidigung. Glaube verlangt nicht Sicherheit durch Abschreckung, sondern Nachfolge Jesu Christi durch Umkehr. Wann beten wir schon für Häftlinge und Strafentlassene? Wieviele Solidaritätsgruppen kümmern sich um Behinderte, chronisch Erkrankte, Einsame und Alte (wenn auch hier ein deutlicher Wandel der Grundstimmung Zeichen der Hoffnung sein kann)? Wann bedenken wir schon, daß Geschlechtlichkeit wesentlich zum Menschen gehört und die sich daraus ergebenden Probleme Unverheirateter und Geschiedener in der kirchlichen Praxis noch ungenügend aufgearbeitet sind?

Die Beratungsspalten der Illustrierten, so fragwürdig manches darin auch sein mag, offenbaren oft mehr Verständnis und Einfühlungsvermögen als unsere (öffentliche) kirchliche Verkündigung. Darum erfahren viele Menschen die Bußpraxis nicht als Befreiung, nicht als Hereinbrechen des Reiches Gottes.

Die Verantwortung gegen die Natur, die Liebe zu Tier und Pflanze, war leider nie ein wesentliches Anliegen kirchlicher Verkündigung. Der Christ müßte aufstehen gegen trostlose Massentierhaltung und unnütze Tierversuche. Der Spruch „Machet euch die Erde untertan“ (Gen 1, 28) wurde oft falsch verstanden. Aus einer agrarisch halbnomadischen Kultur stammend, die Berechtigung von Ackerbau und Viehzucht sakral legitimierend, ist er alles andere als ein Freibrief für Zerstörung und Ausbeutung. Wir verheizen Unmengen fossiler Brennstoffe, ohne zu fragen, ob unsere Enkelkinder noch warme Häuser haben werden, wir vermehren die Mengen radioaktiver und sonstiger Abfälle, deren Endlagerung problematisch ist. Anderseits ist ein unkritischer Pessimismus gegenüber Wissenschaft, Technik und Medizin, die für die Menschheit auch viel Segen gebracht haben, weit verbreitet.

Mit Scham und Reue muß man auf viele Kapitel der Geschichte des Christentums zurückblicken. Wieviele Kreuze haben Christen für andere Menschen errichtet? Wie unfähig hat sich doch ein christliches Abendland gezeigt, dem Krieg Einhalt zu gebieten? Wie wenig menschlich waren wir fremden Völkern und Kulturen gegenüber? War Europa vielleicht Ausgangspunkt dessen, was wir Weltkrieg nennen, so ist es vielleicht nun unsere Aufgabe und unsere Hoffnung, in echterUmkehrung Ausgangspunkt dessen zu werden, was wir mit Weltfrieden bezeichnen könnten. Paulus hat im Epheserbrief ein kühnes Bild für die Kirche verwendet: das Bild einer makellos schönen Frau (Eph 5, 27). Dieses Bild atmet die Poesie des Hohen Liedes, ist inspiriert von der Theologie des Bundesschlusses und ist ein mahnendes Wort an die Kirche, an uns Christen, Umkehr und Erneuerung täglich neu zu wagen.

Ūniv.-Prof. Dr. Fritz Schweiger ist Professor für Mathematik

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