Zucker - © Foto: iStock/weiXx

Zucker: Heißhunger auf den Stoff

1945 1960 1980 2000 2020

Wer in der Fastenzeit auf Süßigkeiten verzichtet, leistet Schwerstarbeit. Obwohl der Zucker in Verruf geraten ist, bleibt seine Verführungskraft ungebrochen.

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Wer in der Fastenzeit auf Süßigkeiten verzichtet, leistet Schwerstarbeit. Obwohl der Zucker in Verruf geraten ist, bleibt seine Verführungskraft ungebrochen.

Das Angebot heutiger Supermärkte erschien damals noch undenkbar. Vor knapp 70 Jahren konnte man nicht ahnen, dass diese Supermärkte einmal durch meterlange Regalwände voller Süßigkeiten geprägt sein würden; dass die zahllosen Süßigkeiten aufgrund ihres übertriebenen, geschmackszersetzenden Zuckergehalts jedoch kaum zu unterscheiden sind. Ebenso wenig konnte man ahnen, dass man in diesen Supermärkten lange Gänge mit industriell verarbeiteten Fertigprodukten einrichten würde und dass die Attraktivität dieser Produkte durch unverschämt große, geschmacksmanipulierende Zuckermengen gesteigert werden sollte – in Senf und Ketchup ebenso wie in Soßen und Softdrinks, im Toastbrot und in den Cornflakes, ja sogar im Kaffeepulver. „Supermärkte waren perfekt geeignet, um nie dagewesene Mengen an Zucker in die Nahrung der Menschen zu schleusen“, bemerkt James Malvin in seinem Buch „Zucker“ (Oekom, 2020), der Geschichte eines ganz außergewöhnlichen Stoffs.

Auf den Spuren der Zuckersucht

Auch die Folgen dieses überreichen Angebots wären vor dem Zweiten Weltkrieg wohl undenkbar erschienen. Dass der ­Zucker in verschiedensten Weltgegenden die Fettleibigkeit fördern und damit zum Hauptschuldigen eines globalen Gesundheitsproblems werden würde, wäre wohl schwer überzogen erschienen. Ebenso, wie lange sich die Ernährungsexperten der ­Europäischen Behörde für Lebensmittel­sicherheit (EFSA) den Kopf darüber zerbrechen, wie viel Zucker den Konsumenten nun zugemutet werden kann (die neuen Daten zur Sicherheitsbewertung sollen jedenfalls noch 2021 vorliegen, Anm. d. Red.).

All das konnte man nicht ahnen, als ein Wiener Nervenarzt in den kargen 1930er Jahren einen seltsamen Begriff erläuterte: die „Saccharomanie“, besser gesagt die Zuckersucht. In seinem Werk „Die Süchtigkeit“ spekulierte Ernst Gabriel über die „seelische Bedeutung des Zuckerkonsums“ – und sah darin ein klares Beispiel für die psychische Pathologie der Sucht. Das mag befremdlich erscheinen, wenn man die Assoziationen des Begriffs „Sucht“ ein wenig weiterspinnt: Ist es zulässig, die süßen ­Rituale in einer Konditorei oder einem Kaffeehaus mit einer Form von Alkohol- beziehungsweise Drogenkultur, also etwa einem Bierlokal, einem Heurigen oder gar einer Opiumhöhle, in Beziehung zu setzen?

Wer eine Datenbank mit medizinischen Studien befragt, erhält jedoch auch heute viele Hinweise, die genau das bekräftigen: So beruht die Aufnahme großer Zuckermengen auf neurobiologischen Triggern mit drogenähnlicher Wirkung, die zu suchtartigem Verhalten führt. Was Ärzte bei drogenabhängigen Patienten beobachten, zeigt sich mitunter auch beim exzessiven Zuckerkonsum: „Heißhunger“ auf den Stoff („Craving“), Kontrollverlust sowie Toleranzentwicklung und Anzeichen von Entzug. Wer etwa in der Fastenzeit längerfristig auf süße Belohnungen verzichtet, braucht große Willens- bzw. Widerstandskraft. Die Gier auf eine Tafel Schokolade oder ein Päckchen Fruchtgummis, das wissen viele aus eigener Erfahrung, ist nicht zu unterschätzen.

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