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Fette und süße Illusionen

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So gut wie alle Ratschläge für gesunde Ernährung laufen auf einen gemeinsamen Nenner hinaus: wenig Fett, wenig Zucker. Dass Fett und Zucker zu Übergewicht und Adipositas und in der Folge zu Diabetes, Bluthochdruck oder Herzinfarkt führen, ist durch unzählige Studien untermauert. Dass zu viel Fett und Zucker in der Nahrung ungesund sind, wird von zahllosen Gesundheitsexperten gepredigt und in allen Medien getrommelt. Und trotzdem schaufeln die Menschen Unmengen an Fett und Zucker in sich hinein, mit verheerenden Folgen: Laut Österreichischem Ernährungsbericht 2012 leiden 22 Prozent der Schulkinder, 40 Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 64 Jahren und ein Drittel der Älteren unter Übergewicht oder Adipositas. Geht es nach der Österreichischen Gesundheitsbefragung 2006/07, sind sogar 47,7 Prozent der Bevölkerung als übergewichtig oder adipös einzustufen.

Steuern auf Junkfood

Eine mögliche Strategie, der grassierenden Adipositasepidemie zu begegnen, sind Steuern auf Zucker, gesättigte Fettsäuren oder Junkfood. "Das würde nicht nur Mittel für den Gesundheitsbereich lukrieren, sondern auch das Konsum- und Ernährungsverhalten der Menschen beeinflussen“, erklärte Armin Fidler, Chefberater für Gesundheitsfragen der Weltbank, beim vergangenen European Health Forum Gastein. Weil typische Lebensstil-Erkrankungen wie Diabetes, oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen ruinöse Ausmaße annehmen, seien Steuern auf ungesunde Speisen und Getränke volkswirtschaftlich außerordentlich nützlich. Ein zweckgebundener Einsatz der Mehreinnahmen sei dabei wichtig: "Damit es die Konsumenten verstehen.“ Zudem würden auch Wirtschaft und Handel unter Druck kommen, gesündere Produkte anzubieten. Offiziell freilich trete die Weltbank nicht für derartige Steuern ein, wie Fidler betont.

Tatsächlich haben in den letzten Jahren einige europäische Länder entsprechende Steuermaßnahmen gesetzt. Dänemark hat 2011 eine Abgabe für Lebensmittel eingeführt, die mehr als 2,3 Prozent gesättigte Fette enthalten. Aufgrund dieser "Fettsteuer“ verteuerte sich zum Beispiel ein Viertel Butter um 30 bis 35 Cent. Frankreich hebt seit dem Vorjahr eine Limonadensteuer auf zucker- oder süßstoffhaltige Getränke ein, wodurch sich jede Flasche um 15 bis 20 Cent verteuert. Weil der Coca-Cola-Konzern aus Protest geplante Investitionen in Frank-reich auf Eis legte, ist die "Taxe soda“ im deutschen Sprachraum als "Cola-Steuer“ bekannt. Finnland hebt eine Steuer auf gezuckerte Getränke und Süßigkeiten ein. Und Ungarn hat eine "Junk Food-Steuer“ auf Lebensmittel und Getränke mit hohem Zucker-, Fett- oder Salzanteil eingeführt.

Die Wirksamkeit solcher Maßnahmen ist wissenschaftlich bestätigt. Eine 2012 im British Medical Journal veröffentlichte Studie der Universität Oxford ergab, dass eine Abgabe von 35 Prozent auf zuckerhaltige Getränke in einer Kantine zu einem Verkaufsrückgang von 26 Prozent führt. Mehrere von Fidler ins Treffen geführte Studien kommen zu dem Schluss, dass kleine Änderungen in der Ernährung oft große Folgen für die gesamte Bevölkerung haben: Würde in Großbritannien eine Mehrwertsteuer in der Höhe von 17,5 Prozent auf ungesunde Nahrungsmittel geschlagen, könnte die Häufigkeit der koronaren Herzkrankheit - eine Minderversorgung des Herzmuskels mit Sauerstoff, ausgelöst durch eine Verengung der Herzkranzgefäße - um ein bis drei Prozent gesenkt werden. In Menschenleben ausgedrückt seien das 900 bis 2700 Todesfälle pro Jahr weniger.

Entmündigung der Konsumenten

Doch so einfach ist die Sache nicht. Denn die Sinnhaftigkeit der genannten Steuern wird von vielen bezweifelt - und nicht nur von den Nahrungsmittelkonzernen. Die dänische Fettsteuer zum Beispiel steht unmittelbar vor dem Aus. Letzten November erklärte die dänische Regierung, die Abgabe wieder abschaffen zu wollen. Die Gründe: zu kompliziert und zu teuer. Zum einen kam es zu einem Kaufkraftabfluss, weil viele Dänen vermehrt Butter und Öl im benachbarten Deutschland einkauften. Zum anderen nahm die Bürokratie überhand, weil nicht nur das Fett in den Lebensmitteln selbst ermittelt werden musste, sondern auch das bei der Zubereitung benutzte Fett, etwa beim Frittieren. Zudem kritisierten Ernährungsexperten, dass auch jene Lebensmittel teurer wurden, die trotz hohen Fettgehalts gesund sind, wie etwa Olivenöl oder Nüsse.

Der Sozialexperte Martin Schenk hält nichts von der Besteuerung von Verhalten: "Das entspringt einem bedenklichen Menschenbild. Menschen sind keine Ratten, die in Boxen zwischen Belohnungs- und Bestrafungsreizen herumwetzen.“ Der Vorsitzende der Armutskonferenz weist darauf hin, dass eine Bevölkerungsgruppe in besonders hohem Ausmaß von Übergewicht und Adipositas betroffen ist: die Armen. Für Menschen mit geringem Einkommen hat Essen vor allem die Funktion, billig satt zu werden. Außerdem spielen chronischer Stress und depressive Verstimmungen - hervorgerufen durch Angst vor sozialem Abstieg und prekären Lebensverhältnissen - eine bedeutende Rolle im Essverhalten.

Ursache soziale Ungleichheit

Schenk sieht die Ursache von Übergewicht nicht in falschem Essverhalten, sondern in den sozialen Verhältnissen: "In Ländern mit geringeren Einkommensdifferenzen tendieren die Menschen weniger zu Übergewicht.“ Weniger soziale Ungleichheit führt zu weniger Übergewicht. Der logische Schritt wäre daher die Bekämpfung der Armut. Anstatt jedoch die sozialen Verhältnisse zu verbessern, werde nur versucht, Verhaltensänderungen herbeizuführen, kritisiert der Sozialexperte: "Die aktuelle Debatte ist verhaltensversessen und verhältnisvergessen.“

Bei gesetzlichen Maßnahmen, die zu einer gesunden Ernährung führen sollen, gehe es in Wahrheit um Macht- und Milieufragen, erklärt Schenk: "Armutsbetroffene werden ständig durch Mitglieder höherer Statusgruppen ermahnt, anders zu leben.“ Daran scheiterte auch der Versuch des Starkochs Jamie Oliver, gesundes Essen in britischen Schulkantinen zu etablieren. Fast Food heimlich in die Schule zu schmuggeln wurde zum Akt des Widerstandes gegen "die da oben“.