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Gesellschaft

Diabetes als globalisierte Volkskrankheit

1945 1960 1980 2000 2020
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Die Krankheit Diabetes breitet sich weltweit aus. Laut einer aktuellen Studie hat sich die Anzahl der Diabetespatienten in den vergangenen 30 Jahren mehr als verdoppelt. Die Ursachen sind Bevölkerungswachstum, höhere Lebenserwartung und falsche Ernährung. Die Österreichische Diabetes Gesellschaft setzt auf Vorsorge und Monitoring.

Eine aktuellen Studie in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet zufolge ist die Zahl der Diabetiker zwischen 1980 und 2008 weltweit von 153 Millionen auf 347 Millionen angestiegen. Diabetes ist eine chronische Stoffwechselkrankheit, die in zwei Hauptformen auftritt (s.u.). Beiden gemein ist, dass Zellen Glukose nicht aufnehmen können, sowie eine damit einhergehende Erhöhung des Blutzuckerspiegels. Mögliche Langzeitfolgen sind Schädigungen der Gefäße, Schlaganfall, Nierenversagen und Blindheit. Schätzungen zufolge sterben jedes Jahr drei Millionen Menschen an Diabetes. "Diabetes ist eine der Hauptursachen für Morbidität und Sterblichkeit“, sagt Studienleiter Majid Ezzati von der School of Public Health des Imperial College London. "Unsere Studie zeigt, dass die Häufigkeit von Diabeteserkrankungen fast überall in der Welt zunimmt.“

Nüchternblutzucker als Maßzahl

Ausgangsdaten dieser bislang größten Diabetesstudie waren medizinische Fachartikel, epidemiologische Studien und nationale Gesundheitserhebungen aus der ganzen Welt. Die Daten mussten zuerst auf eine standardisierte Form gebracht werden. Als einheitliche Maßzahl entschieden sich die Forscher für den Nüchternblutzucker (FPG - Fasting Plasma Glucose). Er wird vom Arzt gemessen, nachdem der Patient 12 bis 14 Stunden keine Nahrung zu sich genommen hat.

Gemäß üblicher Definition gilt ein FPG-Wert ab sieben Millimol pro Liter Blut als sicheres Zeichen für Diabetes. Maßzahlen, wie die postprandiale Glukose (PPG, gemessen zwei Stunden nach dem Essen) oder der HbA1c-Wert (Bestimmung des mit Glukose verbundenen Blutfarbstoffs Hämoglobins) wurden in FPG umgerechnet.

Die FPG-Werte von 2,7 Millionen über 25 Jahre alten Menschen flossen in die Untersuchung ein. Daraus bestimmten die Forscher durchschnittliche Blutzucker-Werte für Staaten, Regionen, Altersgruppen und Geschlecht. Zuletzt errechneten sie daraus die Anzahl der Diabeteskranken: 138 Millionen leben in den Schwellenländern China und Indien, 36 Millionen in Russland und den USA.

Von den Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen weisen die USA, Grönland, Malta, Neuseeland und Spanien die höchsten Diabetesraten auf. Holland, Österreich und Frankreich die niedrigsten. Die stärkste Diabetes-Zunahme ist in den pazifischen Inselstaaten zu verzeichnen. Auf den Marshallinseln leidet jede dritte Frau und jeder vierte Mann an Diabetes. Auch in Süd- und Zentralasien, der Karibik, in Lateinamerika, Nordafrika und dem Mittleren Osten sind die Werte alarmierend hoch. Etwa 70 Prozent des Anstiegs führen die Forscher auf das Bevölkerungswachstum sowie auf die steigende Lebenserwartung zurück. 30 Prozent sind eine effektive Erhöhung der Erkrankungsrate.

Interessanterweise gibt es der Studie zufolge keinen weltweit eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Ansteigen von Diabetes einerseits und Übergewicht, Bluthochdruck und Cholesterinwerten andererseits. So ist der Body-Mass-Index in südasiatischen Ländern im Betrachtungszeitraum nur minimal gestiegen, während die Diabetesrate sich stärker als der weltweite Durchschnitt erhöht hat. Bluthochdruck ist ein global zurückgehendes Problem. Und in Australasien, Europa und Nordamerika sinken die Cholesterinwerte. "Die wichtigsten Maßnahmen zur Prävention von Diabetes sind Gewichtskontrolle, körperliche Betätigung und verbesserte Ernährung“, folgern die Autoren.

Gefahren liegen in Zucker und Fett

Sie räumen aber zugleich ein, dass derartige Veränderungen schwierig umzusetzen sind und Neuerkrankungen kurzfristig nicht verhindern können. "Daher werden die meisten Länder Programme zur Früherkennung von Diabetes entwickeln müssen“, so ihre abschließende Empfehlung.

Der Zusammenhang zwischen Ernährung und Diabetes ist unter Experten keine neue Einsicht.

"Die beiden Hauptfaktoren für Diabetes sind eine erhöhte Zuckeraufnahme und ein hoher Fettspiegel“, sagt Alexa Meyer, Wissenschaftlerin am Institut für Ernährungswissenschaften der Universität Wien. Zwar löst Zuckerzufuhr Diabetes nicht direkt aus. Der regelmäßige Konsum großer Mengen Zucker lässt den Zuckerspiegel aber sprunghaft ansteigen. Die Bauchspeicheldrüse reagiert darauf mit vermehrter Insulinausschüttung. Befindet sich der Körper längere Zeit auf einem hohen Insulinniveau, kann das zu Insulinresistenz und in der Folge zu Diabetes führen. Eine Ausnahme bildet Obst, das ebenfalls Zucker enthält. "Der Zucker im Obst wird vom Körper anders verwertet“, sagt Meyer. "Dabei steigt die Blutzuckerkurve langsamer an.“ Eine zusätzliche Verlangsamung bewirken Ballaststoffe.

Eine weitere Gefahrenquelle ist ein zu hoher Fettspiegel im Blut. Vor allem freie Fettsäuren verschlechtern die Wirkung von Insulin. Die simple Gleichung, wonach Fast Food der alleinige Übeltäter ist, lässt Meyer aber nicht gelten. "Die Zusammenhänge sind komplexer“, meint die Ernährungswissenschaftlerin. "Denn Fett kann den Blutzuckeranstieg auch aufhalten.“ Die beste Diabetesvorbeugung bietet deshalb eine ausgewogene, fettarme und ballaststoffreiche Ernährung wie sie die nationalen Gesundheitsbehörden empfehlen.

"Die Typ2-Diabetes ist eine Erkrankung, die sehr eng mit dem Lebensstil zusammenhängt“, sagt Raimund Weitgasser, Internist und Präsident der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG). "Nur ein Viertel der Erkrankungen haben einen genetischen Hintergrund. Zudem braucht die genetische Veranlagung einen Auslöser, der die Krankheit zum Ausbruch bringt.“

Gesundes Leben senkt Risiko

So zeige auch die aktuelle Studie, dass die höchsten Zuwachsraten jene Länder verzeichnen, die sich dem westlichen Lebensstil angepasst haben. Ein gesunder Lebenswandel hilft nicht nur, Diabetes vorzubeugen. "Die Kombination aus Ernährungsumstellung und Sport kann den Zuckerstoffwechsel stabilisieren und Diabetes wieder weg bringen“, meint Weitgasser. "Übergewichtige Menschen haben da einen Vorteil.“

Mit etwa 400.000 Diabetikern ist die Situation in Österreich im internationalen Vergleich undramatisch. Verbesserungen im System sind möglich. Die ÖDG sandte im Juni eine Charta an den Gesundheitsminister und Landesräte. Gefordert werden Strategien zur Prävention, mehr Forschungsmittel und ein erleichterter Zugang zu neuen Medikamenten. In einem nationalen Diabetesregister sollen Daten von Diabetespatienten gespeichert werden: "Damit hätte man einen genauen Überblick über medizinische Werte von Patienten oder Folgeerkrankungen von Diabetikern.“

Die Krankheit Diabetes breitet sich weltweit aus. Laut einer aktuellen Studie hat sich die Anzahl der Diabetespatienten in den vergangenen 30 Jahren mehr als verdoppelt. Die Ursachen sind Bevölkerungswachstum, höhere Lebenserwartung und falsche Ernährung. Die Österreichische Diabetes Gesellschaft setzt auf Vorsorge und Monitoring.

Eine aktuellen Studie in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet zufolge ist die Zahl der Diabetiker zwischen 1980 und 2008 weltweit von 153 Millionen auf 347 Millionen angestiegen. Diabetes ist eine chronische Stoffwechselkrankheit, die in zwei Hauptformen auftritt (s.u.). Beiden gemein ist, dass Zellen Glukose nicht aufnehmen können, sowie eine damit einhergehende Erhöhung des Blutzuckerspiegels. Mögliche Langzeitfolgen sind Schädigungen der Gefäße, Schlaganfall, Nierenversagen und Blindheit. Schätzungen zufolge sterben jedes Jahr drei Millionen Menschen an Diabetes. "Diabetes ist eine der Hauptursachen für Morbidität und Sterblichkeit“, sagt Studienleiter Majid Ezzati von der School of Public Health des Imperial College London. "Unsere Studie zeigt, dass die Häufigkeit von Diabeteserkrankungen fast überall in der Welt zunimmt.“

Nüchternblutzucker als Maßzahl

Ausgangsdaten dieser bislang größten Diabetesstudie waren medizinische Fachartikel, epidemiologische Studien und nationale Gesundheitserhebungen aus der ganzen Welt. Die Daten mussten zuerst auf eine standardisierte Form gebracht werden. Als einheitliche Maßzahl entschieden sich die Forscher für den Nüchternblutzucker (FPG - Fasting Plasma Glucose). Er wird vom Arzt gemessen, nachdem der Patient 12 bis 14 Stunden keine Nahrung zu sich genommen hat.

Gemäß üblicher Definition gilt ein FPG-Wert ab sieben Millimol pro Liter Blut als sicheres Zeichen für Diabetes. Maßzahlen, wie die postprandiale Glukose (PPG, gemessen zwei Stunden nach dem Essen) oder der HbA1c-Wert (Bestimmung des mit Glukose verbundenen Blutfarbstoffs Hämoglobins) wurden in FPG umgerechnet.

Die FPG-Werte von 2,7 Millionen über 25 Jahre alten Menschen flossen in die Untersuchung ein. Daraus bestimmten die Forscher durchschnittliche Blutzucker-Werte für Staaten, Regionen, Altersgruppen und Geschlecht. Zuletzt errechneten sie daraus die Anzahl der Diabeteskranken: 138 Millionen leben in den Schwellenländern China und Indien, 36 Millionen in Russland und den USA.

Von den Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen weisen die USA, Grönland, Malta, Neuseeland und Spanien die höchsten Diabetesraten auf. Holland, Österreich und Frankreich die niedrigsten. Die stärkste Diabetes-Zunahme ist in den pazifischen Inselstaaten zu verzeichnen. Auf den Marshallinseln leidet jede dritte Frau und jeder vierte Mann an Diabetes. Auch in Süd- und Zentralasien, der Karibik, in Lateinamerika, Nordafrika und dem Mittleren Osten sind die Werte alarmierend hoch. Etwa 70 Prozent des Anstiegs führen die Forscher auf das Bevölkerungswachstum sowie auf die steigende Lebenserwartung zurück. 30 Prozent sind eine effektive Erhöhung der Erkrankungsrate.

Interessanterweise gibt es der Studie zufolge keinen weltweit eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Ansteigen von Diabetes einerseits und Übergewicht, Bluthochdruck und Cholesterinwerten andererseits. So ist der Body-Mass-Index in südasiatischen Ländern im Betrachtungszeitraum nur minimal gestiegen, während die Diabetesrate sich stärker als der weltweite Durchschnitt erhöht hat. Bluthochdruck ist ein global zurückgehendes Problem. Und in Australasien, Europa und Nordamerika sinken die Cholesterinwerte. "Die wichtigsten Maßnahmen zur Prävention von Diabetes sind Gewichtskontrolle, körperliche Betätigung und verbesserte Ernährung“, folgern die Autoren.

Gefahren liegen in Zucker und Fett

Sie räumen aber zugleich ein, dass derartige Veränderungen schwierig umzusetzen sind und Neuerkrankungen kurzfristig nicht verhindern können. "Daher werden die meisten Länder Programme zur Früherkennung von Diabetes entwickeln müssen“, so ihre abschließende Empfehlung.

Der Zusammenhang zwischen Ernährung und Diabetes ist unter Experten keine neue Einsicht.

"Die beiden Hauptfaktoren für Diabetes sind eine erhöhte Zuckeraufnahme und ein hoher Fettspiegel“, sagt Alexa Meyer, Wissenschaftlerin am Institut für Ernährungswissenschaften der Universität Wien. Zwar löst Zuckerzufuhr Diabetes nicht direkt aus. Der regelmäßige Konsum großer Mengen Zucker lässt den Zuckerspiegel aber sprunghaft ansteigen. Die Bauchspeicheldrüse reagiert darauf mit vermehrter Insulinausschüttung. Befindet sich der Körper längere Zeit auf einem hohen Insulinniveau, kann das zu Insulinresistenz und in der Folge zu Diabetes führen. Eine Ausnahme bildet Obst, das ebenfalls Zucker enthält. "Der Zucker im Obst wird vom Körper anders verwertet“, sagt Meyer. "Dabei steigt die Blutzuckerkurve langsamer an.“ Eine zusätzliche Verlangsamung bewirken Ballaststoffe.

Eine weitere Gefahrenquelle ist ein zu hoher Fettspiegel im Blut. Vor allem freie Fettsäuren verschlechtern die Wirkung von Insulin. Die simple Gleichung, wonach Fast Food der alleinige Übeltäter ist, lässt Meyer aber nicht gelten. "Die Zusammenhänge sind komplexer“, meint die Ernährungswissenschaftlerin. "Denn Fett kann den Blutzuckeranstieg auch aufhalten.“ Die beste Diabetesvorbeugung bietet deshalb eine ausgewogene, fettarme und ballaststoffreiche Ernährung wie sie die nationalen Gesundheitsbehörden empfehlen.

"Die Typ2-Diabetes ist eine Erkrankung, die sehr eng mit dem Lebensstil zusammenhängt“, sagt Raimund Weitgasser, Internist und Präsident der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG). "Nur ein Viertel der Erkrankungen haben einen genetischen Hintergrund. Zudem braucht die genetische Veranlagung einen Auslöser, der die Krankheit zum Ausbruch bringt.“

Gesundes Leben senkt Risiko

So zeige auch die aktuelle Studie, dass die höchsten Zuwachsraten jene Länder verzeichnen, die sich dem westlichen Lebensstil angepasst haben. Ein gesunder Lebenswandel hilft nicht nur, Diabetes vorzubeugen. "Die Kombination aus Ernährungsumstellung und Sport kann den Zuckerstoffwechsel stabilisieren und Diabetes wieder weg bringen“, meint Weitgasser. "Übergewichtige Menschen haben da einen Vorteil.“

Mit etwa 400.000 Diabetikern ist die Situation in Österreich im internationalen Vergleich undramatisch. Verbesserungen im System sind möglich. Die ÖDG sandte im Juni eine Charta an den Gesundheitsminister und Landesräte. Gefordert werden Strategien zur Prävention, mehr Forschungsmittel und ein erleichterter Zugang zu neuen Medikamenten. In einem nationalen Diabetesregister sollen Daten von Diabetespatienten gespeichert werden: "Damit hätte man einen genauen Überblick über medizinische Werte von Patienten oder Folgeerkrankungen von Diabetikern.“