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"Anti-Aging ist unseriös!"

Georg Wick, Vorstanddes Instituts für Pathophysiologie an der Uni Innsbruck und Präsident des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), im Interview.

Die Furche: Sie warnen vor dem Begriff "Anti-Aging". Warum?

Georg Wick: Weil wir das Altern nicht beeinflussen können und noch gar nicht verstehen. Wenn überhaupt, kann man nur versuchen, mit Prävention oder Regeneration die Alternsperiode optimal und gesund auszuschöpfen und die Umweltfaktoren so zu verändern, dass wir gesünder alt werden. Aber den Alterungsprozess selbst können wir nicht aufhalten. Wir können das Altern auch deshalb nicht beeinflussen, weil auch genetische Faktoren eine Rolle spielen. Es gibt zwar keine spezifischen "Altersgene", aber sehr wohl Gene, die den Alterungsprozess mitbeeinflussen: den Stoffwechsel, die biologische Stressbewältigung oder Entzündungsprozesse. Wenn also irgendwo Anti-Aging draufsteht, soll man besser vorsichtig sein.

Die Furche: Die Grenzen zwischen "normalem" Altern und krankhaften Prozessen sind fließend: Man denke etwa an die weit verbreitete Osteoporose oder an die Wechseljahre der Frau, die man immer öfter mit Hormonersatztherapien "behandelt", die aber laut einer aktuellen US-Studie das Brustkrebsrisiko deutlich erhöhen. Wer von einer Pathologisierung des Alterns profitiert, sind vor allem Pharmaunternehmen...

Wick: Im Jahr 1900 sind die Leute glücklich mit 49 gestorben, und heute schimpfen sie mit 80 über die Chemie! Wir sind eigentlich undankbar. Natürlich haben wir für alles Medikamente, vielleicht auch zu viele, aber deswegen die Pharmabranche zu verteufeln, ist nicht angebracht. Zum Hormonersatz: In dieser Meta-Analyse wurden eine Million Frauen retrospektiv untersucht. Dabei kommt zwar heraus, dass bei der Hormonersatztherapie signifikant mehr Krebsfälle auftreten. Man muss aber fragen, ob es sich um die gleiche Therapie handelt, wie sie auch in Österreich angeboten wird. Und daran zweifle ich. Zweitens hat die Hormonersatztherapie auch sehr positive Wirkungen: Die Frauen sind positiv gestimmt, sie haben keine trockenen Schleimhäute mehr und einen intakten Sexualtrieb. Das fällt plötzlich alles unter den Tisch. Und zur Osteoporose: Wir verlieren ab dem 45. Lebensjahr an Knochenmasse, aber maximal eineinhalb Prozent pro Jahr. Osteoporose-Patienten verlieren aber zwei oder drei Prozent pro Jahr. Hier muss man medikamentös eingreifen.

Die Furche: Frauen werden signifikant älter als Männer. Warum?

Wick: Das ist sehr schwer zu sagen. Als Immunologe kann ich nur festhalten, dass das Immunsystem der Frau besser ausgeprägt ist als das des Mannes. Das muss auch so sein: Die Frau bekommt Kinder, sie stillt und versorgt das Kind über die Milch mit Antikörpern. Und sie kann etwas, was kein Mann kann: nämlich das "Transplantat" eines völlig unverwandten Vaters neun Monate lang im Körper behalten. Nicht zuletzt muss sie die Kinder beschützen und braucht dafür ein gutes Immunsystem. Aber sie muss dafür auch bezahlen: Frauen haben ein zehn bis 15 Prozent höheres Risiko, Autoimmunerkrankungen zu bekommen, bei denen das Immunsystem den eigenen Körper angreift. Die Basedow-Schilddrüsenerkrankung etwa tritt bei Frauen zehnmal so häufig auf.

Die Furche: In Österreich sterben die Menschen immer häufiger an chronisch-degenerativen Krankheiten. Die Ursachen sind zu wenig Bewegung, Rauchen und ungesunde Ernährung. Zumeist ist davon die sozial minderprivilegierte Bevölkerung betroffen. Wäre es statt kurzfristiger Gesundheitsaktionen nicht besser, für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen?

Wick: Es ist richtig: Armut macht dick und krank. Es gibt etwa ein Bakterium, Helicobacter pylori, das im sauren Milieu des Magens überleben und Magengeschwüre sowie Magenkrebs auslösen kann. Wir haben gezeigt, dass die Anzahl solcher Infektionen auch das Arteriosklerose-Risiko erhöht. Und wir haben folgendes festgestellt: Je weniger man verdient - und der Verdienst ist leider noch immer gleichbedeutend mit der sozialen Stellung -, desto mehr Helicobacter-pylori-Infektionen und desto mehr Arteriosklerose hat man. Die beste Art gesund zu altern ist also, dass die Leute gesunde Arbeitsplätze haben und mehr verdienen.

Die Furche: Ihr Motto für Active Aging lautet "Lieben, Laufen, Lernen." So wichtig gute Slogans sind: Hätten Sie einen Vorschlag, wie der Gedanke von Active Aging bei den Österreicherinnen und Österreichern nachhaltig verankert werden könnte?

Wick: Ein Slogan allein genügt sicher nicht. Wir brauchen vielmehr ein umfassendes Alterungsforschungs-Programm - ähnlich dem Genomforschungsprogramm "Gen-Au" des Bildungsministeriums, das mittlerweile fast jeder kennt. Ein solches Programm sollte aber nicht von einem Ministerium, sondern vom FWF administriert werden und könnte die biologische und ökonomische Sicht des Alterns ebenso umfassen wie die Frage: Warum hat Tizian in hohem Alter noch so beeindruckend gemalt?

Die Furche: Damit könnte auch das Image der Alten erhöht werden...

Wick: Den Image-Wandel haben wir schon längst hinter uns. Ich bin 64 Jahre alt. Als Immanuel Kant seinen 50. Geburtstag gefeiert hat, wurde er angeredet mit "ehrwürdiger Greis". Ich weiß, dass ich mich mit 64 Jahren sportlich mit vielen Jungen messen kann. Durch bewusstes Leben ist das heutzutage möglich. Freilich tut mir alles weh, weil ich viele Sportunfälle gehabt habe. Aber das kommt davon, wenn man den anderen in der Jugend imponieren will...

Das Gespräch führte

Doris Helmberger.

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