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„Die beste Arznei ist noch immer die Liebe”

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„Krebs geht vom Kopf aus”. Was wie eine neue Erkenntnis sogenannter „Wunderheiler” und der alternativen Medizin klingt, ist eine alte Weisheit der Schulmedizin. Zusammenhänge von Psyche und Krebserkrankung waren bereits im Altertum bekannt.

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„Krebs geht vom Kopf aus”. Was wie eine neue Erkenntnis sogenannter „Wunderheiler” und der alternativen Medizin klingt, ist eine alte Weisheit der Schulmedizin. Zusammenhänge von Psyche und Krebserkrankung waren bereits im Altertum bekannt.

In der „Help TV” Sendung über die kleine krebskranke Olivia, die zwischen ideologischen Lagern auf den Tod warten muß, hat „Wunderheiler” Ryke Geerd Hamer, ein mit Praxisverbot belegter Arzt, der Schulmedizin vorgeworfen, nicht zu wissen, daß Krebs vom Kopf ausgeht. Damit hat er deutlich gemacht, daß er sich mit der Schulmedizin offenbar nicht sehr intensiv auseinandergesetzt hat. Denn schon der römischgriechische Arzt Galenos”, der von 129 bis 199 zuletzt in Ephesos lebte und zu seiner Zeit großes medizinisches Ansehen genoß, hat beobachtet, daß Frauen, die an Brustkrebs erkrankten, drei Jahre vorher eine Melancholie oder eine seelische Erschütterung durchgemacht hatten. Eine Beobachtung, die englische Chirurgen im 18. Jahrhundert bestätigten und publizierten. Und Paracelsus hat schon vor 450 Jahren geschrieben, daß Krebs verschiedene Ursachen hat, und daß eine davon im seelischen Bereich liegen könne. Es ist auch heute oder besonders heute interessant, daß dieser Paracelsus folgende Ursachen für das Krebsleiden beschrieb: zum Beispiel Zeit, Umwelt, geistige Wirkungen, Infektionen, Ernährung, göttliches Wirken. Nicht umsonst war Paracelsus vor 450 Jahren eine wichtige Persönlichkeit für die moderne Medizin. Er begründete auch die Chemotherapie, indem er mineralische und pflanzliche Stoffe auf ihre Wirksamkeit untersuchte und aufgrund seiner Beobachtungen seinen Patienten verordnete. Da seine Anschauungen und Erfahrungen sehr vielseitig waren, und er schon eine ganzheitliche Betrachtung der Medizin hatte, ist er auch heute noch eine wichtige Person an der Schwelle einer ganzheitlichen Medizin, die von manchen Autoren auch „Postmoderne Medizin” genannt wird.

In dieser ganzheitlichen, „postmodernen” Medizin geht es um die Überwindung des Dualismus zwischen Körper und Seele. Dieser Dualismus kam von den großen Pionieren der modernen naturwissenschaftlichen Medizin, die Krankheitsursachen in Strukturveränderungen toter Gewebe und Zellen gesucht und gefunden haben.

Erst später wurden auch die gesunden und krankhaften Lebensfunktionen von Zellen und Organsystemen untersucht, wobei die Entdeckung von kausalen Einzelursachen auf das damalige lineare Denken zurückging, das so viele entscheidende Entdeckungen möglich machte.

Die Beziehung dieser linearen Vorgänge zu psychologischen und soziologischen Systemen läßt sich aber natürlich nur durch ein komplexessystematisches Denken erfassen. Dazu gehört auch die Beziehung zwischen Körper und Seele im sogenannten „Psychosomatischen Denken” als ein Meilenstein auf dem Weg zu einer modernen ganzheitlichen Medizin. Der Ausdruck „komplementär” bezieht sich auf das östliche Denken, das eine alternative Trennung von Körper und Seele nicht kennt. Als ich vor 14 Jahren, als Gastprofessor durch Vermittlung der Weltgesundheitsorganisation in Chengdu/Sechuan in China Vorlesungen hielt, lernte ich einen Professor für Akupunktur kennen, dem ich die Frage stellte, ob er auch seelische Krankheiten mit dieser Methode behandle. Er stellte mir die erstaunte Gegenfrage: „Was sind seelische Erkrankungen?”

Für das chinesische, auf den Taoismus zurückgehende Denken gibt es keine alternative Trennung zwischen körperlichen und seelischen Erkrankungen. Vielleicht genießt heute östliches Denken bei Patienten und Ärzten des-wege so hohes Ansehen, weil wir diese Ganzheit suchen. Und der Ausdruck „komplementäre Medizin” geht auf den Schweizer Tiefenpsychologen Carl Gustav Jung zurück, der in dem Zeichen von Yin und Yang, das im Kreis keine alternative gerade Trennungslinie kennt, sondern eine Wellenlinie und auf jeder Seite in einem Kreis das Vorhandensein der Gegenseite andeutet. Es gibt ja auch weder im körperlichen noch im seelischen Sinne die hundertprozentige Frau oder den hundertprozentigen Mann. Auch das bedeutet Yin und Yang. Und es gibt keine seelischen Funktionen ohne körperliche und umgekehrt.

Auf dem Wiener Kahlenberg, dort, wo früher das Sanatorium und später die Gaststätte „Bellevue” stand, befindet sich heute eine Marmortafel mit der Inschrift: „Hier enthüllte sich am 24. Juli 1895 (also vor genau hundert Jahren) Dr. Siegmund Freud das Geheimnis des Traumes.” Diese Tafel erinnert an einen Traum, in dem Freuds Patientin Irma wegen Halsschmerzen untersucht wurde, die möglicherweise auf die Injektion eines Kollegen zurückgeführt wurden.

In seiner 1900 veröffentlichten „Traumdeutung” zeigte Freud, wie er später diesen Traum als eine symbolische Wunscherfüllung deuten konnte, und wie daher dieser Traum wichtig für die psychoanalytische Theorie wurde. Mit diesem Traum und dem Wiener Arzt Josef Breuer, der die „Studien zur Hysterie” veröffentlichte, begründete Siegmund Freud die psychologische und psychosomatische Medizin, die dann in Wien von Adler, Frankl, Strotzka und Ringel weiterentwickelt wurde.

Ein Teil dieser Richtung hat auch die Beobachtungen von Galenos und Paracelsus weiterentwickelt, und so kam es zur Entwicklung einer speziellen Forschungsrichtung der „Psy-choonkologie”. Diese beschäftigt sich mit den seelischen Faktoren, die für die Krebsentstehung und für die Krebstherapie von größter Wichtigkeit sind. Dabei muß aber festgehalten werden: Auch wenn seelische Faktoren an der Krebsentstehung mitbeteiligt sein können - ist einmal eine Krebsgeschwulst vorhanden oder gar auch schon Metastasen, dann können nur mehr Messer, Strahlen und Chemie helfen. „Konfliktolyse”, wie Herr Hamer meint, hat sich nicht als Allheilmittel erwiesen. Wohl aber spielen seelische Faktoren für den flei-lungsprozeß eine große Rolle. Daher hat die Einbeziehung von Familie, Freunden und Bekannten, auch das personelle Klima auf den einschlägigen Abteilungen eine große Bedeutung.

Bei der armen Olivia ist leider die Behandlung bisher unterblieben, und die seelische Belastung durch die Flucht und den Medienrummel kann sicher nicht im Sinne einer „Konfliktolyse” interpretiert werden. Bisher hat Herr Hamer mit seinem Einfluß aus meiner Sicht nur zusätzliche Konflikte geschaffen.

Wenn wir nun die bisherigen Ergebnisse der Psvchoonkologie näher betrachten, so ist es vor allem das Immunsystem, das auf seelische Belastungen mit Abschwächung der Abwehr reagiert. Wir alle haben Her-pesviren in unserem Körper, bekommen aber keine Herpesbläschen. Nur wenn wir unsere Lippen zu stark der Sonne aussetzen oder Fieber bekommen, dann werden die Viren aktiv und machen die entzündlichen Bläschen. So ist auch unsere Immunabwehr normalerweise in der Lage, mit Zellveränderungen fertig zu werden, sinkt aber diese Abwehr, dann ist damit auch ein Mittel verschwunden, die bösartige Wucherung der Zellen zu verhindern.

Siegmund Freud hat die Melancholie und den Selbstmord am Modell des Liebesverlustes erklärt. Wenn der geliebte Partner verschwindet, dann richten sich Wut und Aggression gegen ihn. Aber er ist ja auch als Objekt der Aggression verschwunden, und so kommt die Aggression in Form der Selbstaggression wieder zurück.

Selbstaggression kann auch bei Krankheiten wie Krebs eine Rolle spielen. Familienpsychologische Untersuchungen haben gezeigt, daß die Mitglieder einer Familie, die besonders angepaßt sind, keine Aggressionen gegen andere zeigen können, sondern diese hinunterschlucken und diejenigen Menschen, die sich selbst als „selbstlos” bezeichnen, häufiger an Krebs erkranken. Also nicht nur die Therapie von Krebserkrankungen kann als „aggressiv” bezeichnet werden, auch Aggressionen, die sich gegen die eigene Person richten, können gefährlich werden.

Das Gegenteil von Aggression ist Liebe, und die braucht jetzt die kleine Olivia, und wenn sich die Kinderärztin Marina Markovich nun um die Familie angenommen hat, dann braucht man in dieser Hinsicht keine Sorgen mehr zu haben.

Wir müssen uns aber natürlich auch fragen, warum es zu dieser Entwicklung gekommen ist, und warum viele Menschen zur sogenannten Schulmedizin nicht mehr das volle Vertrauen haben. Vielleicht haben wir mit unseren Patienten zu wenig gesprochen, und von den Krankenkassen wird ja gerade das Gespräch, das Zeit kostet, nicht gefördert.

Verständnis braucht es aber auch zwischen den verschiedenen Richtungen der Heilkunde. Nicht Kämpfe, sondern sachliche Auseinandersetzungen sind gefragt. Besonders im Interesse jener Patienten, die wir nicht mehr heilen können und deren tödliche Erkrankungen zu chronischen Erkrankungen geworden sind. Für das Gespräch mit den Patienten hat die moderne Psychotherapieforschung gezeigt, daß das Wichtigste für den Erfolg die Emotionalität, die Gefühle sind. Der Patient will nicht nur gehört werden, er will, daß wir mit ihm mitleben, seine Gefühle, seine Angst und seine Hoffnungen teilen und ihn auch unsere emotionale Zuwendung spüren lassen, wie schon Paracelsus gesagt hat: „Der Arzneien höchste aber ist die Liebe.”

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