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Wer heilt, ist im Recht

Die moderne Medizin ruht auf der Basis von Erklärbarkeit und Beweisbarkeit. Ihre wesentlichsten Elemente sind Physik, Chemie und Skalpell. Damit hat die Medizin in diesem Jahrhundert große Fortschritte erzielt, auf die wohl niemand mehr verzichten wollte.

Und doch: Die Zahl der Menschen, die den Ärzten kritisch begegnen, steigt ständig. Der Grundtenor der Kritik lautet, die Ärzte hätten für den Patienten zu wenig Zeit, verschrieben allzu rasch irgendwelche Medikamente und kümmerten sich kaum um die Person des Patienten. Die Abkehr von der „Schulmedizin“ und die Hinwendung zu alternativen Heilmethoden — etwa durch den Geist — breitet sich aus. Daher widmeten die Salzburger Ärztekammer, der Kulturverein Goldegg und das ORF- Landesstudio Salzburg am letzten Wochenende die sechsten Goldegger Dialoge dem Thema „Heilen durch den Geist“. Vier Tage erging man sich in Referaten, Diskussionen und praktischen Veranstaltungen in diesem Thema.

Auch diese Veranstaltung bot. selbstverständlich keine Lösung im Streit um die richtige Heilmethode. Zu vielschichtig ist das Problem, zu tief die Kluft zwischen Ärzten und Geistheilern, die nicht nur auf den Philippinen oder in anderen exotischen Ländern zu suchen, sondern auch im christlichen Abendland beheimatet sind. Viele von ihnen waren in Goldegg. Doch es wurde deutlich: Wenn ein Mensch geheilt wird, ist die Frage sekundär, auf welchem Wege dies geschehen ist. „Wer heilt, ist im Recht“, sagte schon Paracelsus zu Beginn der Neuzeit. Er ist auch Schutzpatron der Goldegger Dialoge.

Durchaus in seinem Sinne ist auch die in Goldegg mehrmals vorgebrachte Forderung zu sehen, von der immer aufwendigeren Ausstattung der Spitäler abzurücken und sich dem Hausarzt zuzuwenden, der seine Grenzen kennt und gleich zeitig ein Charisma zum Heilen besitzt (oder jedenfalls besitzen sollte). Denn nach Paracelsus ist Krankheit die Bilanz einer Person, persönliche Geschichte und Umwelt sind in Diagnose und Therapie einzubeziehen. Daß man damit in den geistigen Bereich gelangt, ist zumindest für Paracelsus selbstverständlich, ist doch der Mensch nicht nur ein körperliches Wesen.

Hier tut sich aber die Schulmedizin schwer. Sie vermag zwar ein krankes

Organ in die physiologischen Abläufe einzuordnen, aber seelische und geistige Qualitäten werden kaum einbezogen. Das vermögen Geistheiler und Schamanen, die nicht auf medikamentösem oder operativem Weg, sondern über Gefühle und Affekte heilen. Der Patient fühlt sich von ihnen angenommen. Sie arbeiten mit der Macht der Vorstellung, wie Andreas Resch, Direktor des Innsbrucker Institutes für Grenzgebiete der Wissenschaft, in Gold- egg betonte.

Vorstellung ist aber ein geistiger Faktor, und für Resch ist es unbegreiflich, daß die Schulmediziner zwar anerkennen, daß geistige Faktoren wie Streß dem Körper schaden können, daß sie aber den umgekehrten Weg der Heilung des Körpers durch den Geist so selten akzeptieren. Freilich bleiben beim geistigen Heilen Fragen offen, etwa nach den Fragwürdigkeiten von Ferndiagnosen mittels Photos, Fragen nach der Wirkung von Gebeten, Fragen nach Spontanheilungen von Krebs, bei denen die Krankheit ohne medizinische Intervention wieder verschwindet. Aber darf denn wirklich nicht sein, was nach naturwissenschaftlicher Auffassung nicht sein kann?

Heimo Gastager, Vorstand der Psychiatrischen Abteilung der Landesnervenklinik Salzburg, sprach sich für ein stärkeres Einbinden „irrationaler“ Phänomene aus, damit die Medizin ein ganzheitliches Gesicht bekomme, wie etwa in verschiedenen afrikanischen Regionen, wo die Psychiatrie mit den Schamanen zusammenarbeitet.

Der Wiener Tiefenpsychologe Hans Strotzka will von Irrationalismen nichts wissen. Es handle sich bei Heilungen durch den Geist um simplen Aberglauben, die Heiler seien unschädliche, nicht ernst zu nehmende Menschen. Seine Haltung ignoriert nicht nur die Tatsache von medizinisch unorthodoxen Heilerfolgen, sie ist auch wissenschaftstheoretisch umstritten, etwa wenn Strotzka die Psychoanalyse zu den Naturwissenschaften zählt.

Forschergeist und wissenschaftliche Neugierde wollen Heilungen durch den Geist erklären. Fehlt zu diesem Zweck das methodische Instrumentarium, wie es gegenwärtig der Fall ist, lehnt man solche Heilungen vorsichtigerweise einmal ab. Die Frage ist, ob Heilungen durch den Geist überhaupt erklärt werden kennen beziehungsweise erklärt werden müssen. Genügt es nicht, daß es sie gibt und daß sie die Medizin wesentlich ergänzen, so daß diese aus dem Schatten bloßer Techniken wieder in den Rang einer Heilkunst rücken kann? Wäre in dieser Frage nicht auf Paracelsus zu hören, der behauptete, wer heilt, sei im Recht?

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