Barfußmedizin - Barfußmedizin ist im Kommen. - © iStock/PeskyMonkey
Wissen

Warum wir eine Barfußmedizin brauchen

1945 1960 1980 2000 2020

Man sollte die Kraft der modernen Medizin nicht unnütz vergeuden. Denn die Essenz der Heilkunst ist zeitlos und simpel. Plädoyer für eine Neubesinnung.

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Man sollte die Kraft der modernen Medizin nicht unnütz vergeuden. Denn die Essenz der Heilkunst ist zeitlos und simpel. Plädoyer für eine Neubesinnung.

Man kann davon ausgehen, dass es etwas Gemeinsames in jeder Heilkunst gibt: kranken Menschen zu helfen, sie zu pflegen und – wenn möglich – zu heilen. Ist das aber schon die zeitlose Botschaft der Heilkunst? Oder gibt es noch mehr, was sozusagen auch die Essenz einer jeden Heilkunst erkennen lässt, was unabhängig von Methoden und Verfahren, von Hilfsmitteln und von Theorien Geltung hat?

Eine solche Essenz kommt am ehesten in dem Wort „Barfußmedizin“ zum Ausdruck – eine Bezeichnung, die in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet wird. Die Bezeichnung stammt ursprünglich aus der Zeit der chinesischen Kultur-Revolution, als man eben Personen aufgrund des Ärztemangels auf dem Land in traditioneller chinesischer Medizin ausbildete, die dort von Dorf zu Dorf ziehen konnten, hauptsächlich auch akupunktierten und mit chinesischen Kräutern arbeiteten – also weitgehend ohne technische Hilfsmittel und ohne akademische Ausbildung. Neben dieser engen Bedeutung gibt es eine weite Bedeutung, die darauf zielt, dass durchaus ausgebildete Ärzte in bestimmten Situationen ohne nennenswerte Hilfsmittel arbeiten müssen. Mit Barfußmedizin wird nun durchaus etwas angedeutet, was mit der Zeitlosigkeit der Heilkunst in einem Zusammenhang steht: Ein Arzt kann auch heute ohne Hilfsmittel für kranke Menschen etwas tun bzw. es kann auch jemand ohne eine akademische medizinische Ausbildung kranken Menschen helfen.

Der „Valebo-Effekt“

„Innere Einstellungen“ und „innere Bilder“ der Heilsuchenden entscheiden darüber, ob Heilung geschehen kann bzw. die Selbstheilungskräfte angeregt werden können. Heilung in diesem Verständnis ist ein ganz natürlicher Prozess und ein Wunder zugleich. Dieses Wunder geschieht in unserem eigenen Selbst als Selbstheilung: Heilung wird nicht gemacht, sie geschieht. Sie stellt sich ein, wenn alles passt. Jede Form von Heilkunst, auch die moderne Medizin, kann letztlich nur Anstöße geben, dass dieses Wunder in uns stattfinden kann. Dabei sollen die unglaublichen Erfolge der modernen Medizin keineswegs klein geredet werden. Denn diese ist natürlich in vielerlei Hinsicht segensreich. Insbesondere bei Unfällen und Verletzungen sowie bei akuten und lebensbedrohenden Krankheiten ist sie unverzichtbar. Aber wir sind klug beraten, wenn wir nicht vergessen, was wir jenseits dieser Errungenschaften an Heilkraft in uns selbst haben – etwa wenn der Strom ausfällt oder andere Notsituationen entstehen, in denen die technischen Artefakte der Medizin nicht mehr zum Einsatz kommen können. Vielleicht ist das Nachdenken über eine Barfußmedizin sogar notwendig, um wieder zu verstehen, was die Essenz der Heilkunde eigentlich ist. Vielleicht lässt sich die Versorgung kranker Menschen verbessern, wenn wir auch das Metier der Barfußmedizin kennen und anwenden können.

Zu einer guten Barfußmedizin gehören nicht nur Barfußärzte; eine Schlüsselrolle liegt letztlich beim kranken Menschen selbst, der auch „barfuß“ sehr viel für sich und seine Heilung anstoßen kann. Über seinen Geist und sein Bewusstsein „entscheidet“ der kranke Mensch zu einem wichtigen Teil mit, ob es in Richtung Heilung oder in Richtung Krankheit weitergeht. Gefragt sind hier nicht zuletzt die „Fünf S“: Selbsterkenntnis, Selbstfürsorge, Selbstwirksamkeit, Selbstvergessenheit und Selbstheilung. In diesem neuen Narrativ kennt der kranke Mensch seine Grenzen und Möglichkeiten, er sorgt für sich selbst und geht achtsam mit sich um, traut sich sein eigenes Leben zu leben, sodass er spürt, dass er mit seiner Haltung und seinem Handeln die Qualität seines Leben wirksam mitgestalten kann. Die Freude am Gelingen führt ihn in einen Zustand, in dem der Körper mehr oder weniger „schweigt“ bzw. vollständig in Resonanz ist – alles passt und genügt, so dass das Sein einfach genossen werden kann.

Zu einer guten Barfußmedizin gehören nicht nur Barfußärzte; eine Schlüsselrolle liegt letztlich beim kranken Menschen selbst, der auch ,barfuß' viel für sich anstoßen kann.

In diesem Zustand der Selbstvergessenheit kann Selbstheilung am besten geschehen. Wenn sie geschieht, stärkt sie wiederum das Erleben von Selbstwirksamkeit und beeinflusst die Selbsterkenntnis, die ihrerseits die Selbstfürsorge anstößt, sodass der gesamte Prozess wie in einer Spirale ablaufen kann. Möchte man diesen Prozess in einem Wort zusammenfassen, so bietet sich der Begriff „Valebo-Effekt“ an, der allmählich in der Heilkunde Fuß zu fassen scheint. Schmerzmediziner Matthias Keidel versteht darunter die Anregung des Patienten zur Selbstwirksamkeit und zur Verantwortung. Das Wort geht auf das lateinische Verb „valere“ zurück, sodass folgende Bedeutungen in Frage kommen: Ich werde gelten – Ich werde Einfluss haben – Ich werde gesund sein – Ich werde mich wohl fühlen. Damit sind Qualitäten angesprochen, die viel mit Affirmationen und Imaginationen gemein haben. Der Arzt sollte dies in der Behandlung sowohl fordern als auch nutzen, so dass – ähnlich dem Placebo – ein „Vale(b)o-Effekt“ entstehen kann: Die Vorstellung von Selbstwirksamkeit stößt die Selbstheilung an und ermöglicht so weitere Erfahrungen von Selbstwirksamkeit.

Das Bild des Segelbootes

Die Bedeutung eines solchen „Vale(b)o-Effektes“ wird in der Metapher des Segelbootes deutlich. Ein Außenbordmotor wird bei Segelbooten nur als Hilfsantrieb eingesetzt: beim Manövrieren im Hafen oder um eine Flaute zu überbrücken. Ansonsten definiert sich ein Segelboot geradezu dadurch, dass es in erster Linie durch Windkraft betrieben wird. Bei genügend Wind braucht ein guter Segler zumindest außerhalb des Hafens wohl nur in Notsituationen den Außenbordmotor.

Was das Segelboot betrifft, so hat die Natur uns eigentlich alles gegeben, damit wir uns mit einem solchen fortbewegen können. Sie hat uns das Wasser und den Wind gegeben. Die Entwicklung menschlicher Kultur hat dazu geführt, dass wir Boote und Segel bauen können und auf dem Wasser navigieren können. Dennoch ist dieses Fortbewegen und vor allem auch das sichere Ankommen am gewünschten Ort immer wieder eine Art Wunder. Zur besseren Risikobewältigung haben Menschen mit Hilfe von Technik weitere Hilfsmittel erschaffen: eben auch den Außenbordmotor. Er bringt mehr Sicherheit, mehr Entscheidungsfreiheit. Aber ein passionierter Segler wird wohl kaum sein Boot nur noch damit betreiben.

Was haben nun das Segelboot und unsere Gesundheit gemeinsam? Im Vergleich mag das Segelboot für die Gesundheit unseres Körpers stehen, der Segler für unseren Geist und unser Bewusstsein sowie Wasser und Wind für die Naturkräfte, welche die Gesundheit beeinflussen. Reederei und Segelschulen mögen für Krankenhäuser und Bildung stehen; der Außenbordmotor für die moderne Medizin samt Technik. So wie beim Segeln der Motor wichtig und manchmal auch lebensrettend sein kann, so ist die moderne Medizin unverzichtbar.

Heilkraft aus Natur und Kultur

Aber mit Blick auf diese Metapher wird deutlich, dass es doch überhaupt keinen Sinn macht, wenn wir in Sachen Gesundheit nur noch den Außenbordmotor betätigen, obwohl wir doch ein Segelboot haben, Wind und Wasser da sind und auch unser Wissen zum Navigieren ausreicht! Dadurch, dass wir in Sachen Gesundheit nur noch auf den Außenbordmotor vertrauen, machen wir ein graziles Segelboot zu einer letztlich teuren und störanfälligen Maschine, die nicht mehr funktionieren kann, wenn einmal der Strom ausfällt. Spätes­tens dann müssen wir wieder das Segeln lernen – und Barfußärzte sind dann vielleicht so etwas wie ein guter Segel-Coach.
Vielleicht liegt die zeitlose Botschaft der Heilkunst gerade in der Einfachheit des Segelns verborgen. Es ist alles da, um kranken Menschen zu helfen. Wir müssen uns nur wieder darauf besinnen: auf eine Haltung der liebevollen Präsenz, auf die Heilkraft der Natur und unserer Kulturen, nicht zuletzt auf das Wunder der Heilung in unserem eigenen Selbst. Es ist gut, dass wir zusätzlich durch die technische Medizin eine Art Außenbordmotor haben, aber wir sollten ihn für wirkliche Notsituationen aufbewahren und seine Kraft nicht unnütz vergeuden. Vielleicht sind wir gut beraten, nicht auf eine Notsituation zu warten, um uns wieder mit dem Wesen der Heilkunst vertraut zu machen, sondern schon jetzt Barfuß-Medizin dort praktizieren, wo es sinnvoll und möglich ist.

Der Autor ist Prof. für Sprachgebrauch und Therapeutische Kommunikation an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

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