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Krebs durch Gram?

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Daß Psychc-struktur und Streßfaktoren die Krebsentstehung begünstigen können, wird längst vermu-tet-der Angriffspunkt dürfte das Immunsystem sein.

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Daß Psychc-struktur und Streßfaktoren die Krebsentstehung begünstigen können, wird längst vermu-tet-der Angriffspunkt dürfte das Immunsystem sein.

Allein in Österreich sind jährlich 27.000 Menschen mit der schrecklichen Diagnose Krebs konfrontiert. Eine Erkrankung, die trotz Operationen, Chemotherapie, Bestrahlungen und vielen neuen Behandlungsmethoden noch immer für 19.000 Österreicher pro Jahr tödlich ausgeht.

Während seit vielen Jahren Forschungen nach Ursachen und Prädispositionen für eine Krebserkrankung betrieben werden, um Risikogruppen zu besonderer Aufmerksamkeit und Vorsorgeuntersuchungen zu animieren, gibt es kaum Nahrungsmittel und Lebensgewohnheiten, die nicht schon einmal als krebserregend durch die Medien gegeistert wären. Umweltgifte, degenerierte Nahrungsmittel, unausgewogene Ernährung und Rauchen scheinen die Entstehung von Krebs in jedem Fall zu begünstigen.

Neue Untersuchungen deuten nun darauf hin, daß eine gewisse „psychische Grundstörung“, die meist in der frühen Kindheit des Patienten zu orten ist, das Krebsrisiko drastisch erhöhen kann.

Eine definitive Veranlagung für Krebs aus der psychischen Konstitution eines Menschen abzulesen, ist nicht möglich. Internationale Studien,-und unter anderem eine am Orthopädischen Krankenhaus in Wien-Gersthof über die „Existenzielle Situation von Knochen- und Bindegewebs-krebs-Patienten“ durchgeführte, bestätigen jedoch, daß massive psychische Probleme nahezu jeder Krebserkrankung vorausgehen. „Bestimmte Persönlichkeitszüge“, so Dr. Peter Bilek, Psychiater und Mitautor der Wiener Studie, „sind immer wieder vorhanden: Verminderte Selbstwahrnehmung und große Autoritätsgläubigkeit, gehemmter Ausdruck von Wut und Ärger, flache und verwundbare Beziehungen zu den Mitmenschen und hohe Selbstverleugnung. Der Tod eines nahen Angehörigen, berufliche Schwierigkeiten oder andere belastende Lebenssituationen sind dann der letzte Anstoß für den Zusammenbruch des Immunsystems und den Ausbruch des Krebs.“

Die Psychosomatik der Krebserkrankung, die heute als Psy-choonkologie zu einer eigenen wissenschaftlichen Disziplin geworden ist, erhält dank der zunehmenden Anwendung tiefenpsychologischen Gedankengutes in der Medizin, aber auch angesichts der Ohnmacht gegenüber manchen Krebsformen, immer mehr Bedeutung. Auch in Österreich gibt es nach amerikanischem und schwedischem Vorbild eine „Gesellschaft für Psychoon-kologie“, die neben psychologischer Hilfestellung für den Krebspatienten ihre Schwerpunkte in der Vermittlung psychoonkologi-scher Forschungsergebnisse für behandelnde Ärzte und Pflegepersonal setzt.

„Mit der tödlichen Bedrohung Krebs konfrontiert, reagieren die meisten Menschen mit Panik und Verzweiflung“, so die Erfahrung von Dr. Günther Linnemayer, der in Wien einschlägige Seminare organisiert. „Nach dem ersten Schock sind aber gerade die Krebspatienten meist sogenannte brave Patienten, die demütig jede Anweisung des Arztes befolgen und ihr Leben in seine Hände legen. Dem steht jedoch die Erfahrung gegenüber, die längst wissenschaftlich untermauert ist, daß sich jede aktive Mitarbeit günstig auf den Krankheitsverlauf und Behandlungserfolg auswirkt. .Fight for your life', oder ,How to cope with your cancer' („Kämpfe um dein Leben“, „Wie man seinen Krebs bewältigt“) heißt die Devise in Amerika. Dazu ist es notwendig, die Behandlungsmethoden für den Patienten so transparent wie möglich zu machen, über die Aggressivität etwa einer Chemotherapie und deren Nebenwirkungen aufzuklären, aber auch über Heilungschancen und Lebensperspektiven .danach' zu sprechen.“

Obwohl sich auch die österreichischen Psychoonkologen als Gegenpol zur Ubertechnisierung in der Medizin sehen, halten sie es für einen „tödlichen Irrtum“, sich nur auf Psychotherapie zu verlassen. Sie streben eine intensive Zusammenarbeit mit Kliniken an. Seit Herbst 1987 werden regelmäßige Seminare für Ärzte veranstaltet, die eine vertiefte psy-choonkologische Schulung, aber auch den Umgang mit psychosozialen Problemen der Krebspatienten und die Bewältigung eigener Wahrheits- und Todesproblematik vermitteln.

In der Krebsnachsorge hat die Psychoonkologie ebenfalls einen ganz wichtigen Stellenwert, auch wenn Rehabilitationsmodelle, wie sie für Herzerkrankungen bereits üblich sind, für Krebspatienten erst langsam entstehen. Denn das Leben-Lernen nach schweren, oft verstümmelnden Operationen, der Umgang mit der (vermeintlichen) Stigmatisierung, Krebspatient zu sein, ist für die Rückfallsanfälligkeit von großer Bedeutung. Hier wird—so meinen die Psychoonkologen — auch den Hausärzten eine ganz wichtige Aufgabe zufallen.

In Kanada bezahlt die Krankenkasse bereits die Langzeitbetreuung von Krebspatienten mit vermehrtem psychotherapeutischem Aufwand, da sich gezeigt hat, daß sich jede ambulante Behandlung durch den Hausarzt in der gewohnten Umgebung mit vertrauten Menschen für den Patienten positiv auswirkt. Daß auch die Sterbebetreuung — ein Tabu unter den meisten Ärzten -menschenwürdiger vom Hausarzt übernommen werden kann, setzt jedoch Akzeptanz der Angehörigen und vor allem Einsicht des Krebspatienten voraus, daß ihm in manchen Fällen auch ein Spezialist nicht mehr helfen kann.

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