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Auf Herz und Nieren

"Präventiv-Medizin statt Reparatur-Medizin" lautet das Motto: So soll die "Vorsorgeuntersuchung neu" gemeinsam mit Gesundheitspässen die Früherkennung von Krankheiten erleichtern bzw. schon ihr Entstehen verhindern.

Sie ist kostenlos, tut nicht weh und vermag unter Umständen das Leben beträchtlich zu verlängern: die jährliche Vorsorgeuntersuchung. Trotz dieser positiven Effekte nutzten im Vorjahr nur 12,4 Prozent der anspruchsberechtigten Österreicherinnen und Österreicher über 19 Jahre die Gelegenheit, sich auf Herz und Nieren durchchecken zu lassen.

Zieht man in Betracht, dass die Vorsorgeuntersuchung durchschnittlich alle drei Jahre in Anspruch genommen wird, ergibt sich immerhin ein Zielpublikum von knapp 40 Prozent. Dennoch soll diese Zahl in Hinkunft wesentlich angehoben werden. Schließlich ist die medizinische Vorsorgeuntersuchung (gemeinsam mit bewusster Ernährung, ausreichend Bewegung, Stressreduktion sowie Unfall- und Suchtprophylaxe) die beste Garantie für eine bessere Gesundheit - und weniger Kosten für die soziale Krankenversicherung.

Lebensstil im Fokus

Auch die reformierte "Vorsorgeuntersuchung neu", die zwischen Ärztekammer, Hauptverband der Sozialversicherungsträger und Gesundheitsministerium ausverhandelt wurde und bereits ab 1. Jänner 2005 angeboten wird, soll mehr Anreiz zur Prävention bieten. So ist geplant, mittels eines "Call/Recall-Systems" alle Menschen ab 19 Jahren regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung einzuladen. Personen unter 40 Jahren werden alle drei Jahre an den Gesundheitscheck erinnert, ältere Personen alle zwei Jahre. Für neu hinzugekommene Untersuchungen und die erhoffte Steigerung der Teilnahmequoten sowie das geplante Einlade- und Dokumentationssystem wurden vom Gesundheitsministerium zusätzlich 20 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

Eine grundsätzliche Neuerung in der reformierten Vorsorgeuntersuchung ist die Konzentration auf die Verbesserung des Lebensstils: Es geht folglich nicht nur um die Früherkennung verbreiteter Zivilisationskrankheiten oder um simples "Körpersäftemessen". Vielmehr sollen die Patientinnen und Patienten angeleitet werden, ihre Lebensgewohnheiten zu verändern. "Es ist ja durch zahllose Studien belegt, dass es krank machende und gesund erhaltende Lebensstile gibt", weiß der Wiener Sozialmediziner Michael Kunze.

Eine zentrale Rolle bei der Förderung eines gesundheitsorientierten Lebensstils spielt der Hausarzt, bei dem sämtliche Befunde der Vorsorgeuntersuchung zusammmenlaufen und der verstärkt als Gesundheits-Coach agieren soll. So wird etwa für jeden Untersuchten ein eigenes Risikoprofil erstellt. Ziel ist es, auch Maßnahmen wie Raucherentwöhnung, Ernährung- und Bewegungsberatung anzusprechen. Zudem wurde das Spektrum der Untersuchungen stark erweitert:

* Kolorektales Karzinom (Dickdarm- bzw. Mastdarm-Krebs): Diese im höheren Alter häufige Krebsart kann im Frühstadium zu etwa 90 Prozent geheilt werden. Mit Hilfe einer Familienanamnese erhebt der Arzt das persönliche Risiko. Zusätzlich zum bisher durchgeführten Hämoccult-Test (auf Blut im Stuhl) wird Personen über 50 Jahren nach entsprechender Aufklärung und Überweisung an den Facharzt alle zehn Jahre eine Koloskopie (Dickdarmspiegelung) empfohlen. Der Aufwand scheint gerechtfertigt: Immerhin gilt das kolorektale Karzinom mit ca. 5.000 Neuerkrankungen pro Jahr als der häufigste Tumor in Österreich.

* Prostata-Karzinom: Es ist dies das bei weitem häufigste Karzinom beim Mann. Ein wesentlicher Hinweis auf das Vorhandensein von Prostatakrebs ist eine erhöhte Konzentration des Prostata-Spezifischen Antigens (PSA) im Blut. Dieser Marker kann freilich aus verschiedenen Gründen erhöht sein. Im Verdachtsfall kann erst eine Biopsie (Gewebeentnahme) klären, ob es sich tatsächlich um eine Krebserkrankung handelt. Auf Grund möglicher negativer Auswirkungen dieser Untersuchung soll der Patient zunächst eine strukturierte Aufklärung erhalten. Auf Wunsch von Patienten über 50 Jahre erfolgt eine Überweisung zum Urologen, der bei Bedarf den PSA-Wert bestimmen wird.

* Malignes Melanom (Hautkrebs): Auch hier wird durch Familienanamnese das Risiko des Patienten festgestellt und dieser bei Bedarf an den Facharzt überwiesen.

* Fettstoffwechsel-Erkrankungen bzw. Übergewicht: Durch die Erhebung des HDL-Cholesterins ("gutes Cholesterin") - zusätzlich zur Bestimmung des Gesamtcholesterins - sowie des Body Mass-Index (BMI) wird das spezifische Risiko für Gefäßverkalkung und somit für einen Herzinfarkt eingeschätzt. Mit dem BMI wird auch Übergewicht oder Fettsucht (Adipositas) festgestellt.

* Rauchen: Der Arzt wird künftig die Rauchgewohnheiten des Patienten erheben und gegebenenfalls eine Beratung zu Entwöhnungsprogrammen anbieten.

* Alkoholkonsum/-Abhängigkeit: Ein verbesserter Anamnesebogen soll das Problem leichter identifizierbar machen als die bisherige, alleinige Bestimmung der Leberfunktionsparameter.

* Zahnfleisch-Erkrankungen: Neu aufgenommen wurde die Suche nach Zeichen von Parodontitis (Zahnfleischschwund) bzw. eine Empfehlung für professionelle Parodontalhygiene.

* Glaukom ("Grüner Star"): Durch eine Familienanamnese werden Risikogruppen identifiziert. Eine Früherkennung des Glaukoms kann das Fortschreiten der Krankheit und ein mögliches Erblinden verhindern.

* Arzneimittelmissbrauch: Im Gespräch soll eine regelmäßige Einnahme von Medikamenten, im speziellen Beruhigungs- oder Schmerzmittel, eruiert werden.

* Hör- und Sehschwäche: Bei Personen ab 65 Jahren wird auf die Hör- und Sehleistung verstärkt Augenmerk gelegt. Im Bedarfsfall wird ein Flüstertest oder eine Sehschärfen-Prüfung empfohlen.

* Zervix- und Mamma-Karzinom: Bisher waren die Untersuchungen auf Gebärmutterhals- und Brustkrebs im Rahmen der gynäkologischen Untersuchung vorgesehen. In der "Vorsorgeuntersuchung neu" will man nun ermitteln, ob die Frau regelmäßig den Gynäkologen aufsucht. Für Frauen ab 19 Jahren ist ein Gebärmutterhals-Abstrich zur Früherkennung vorgesehen. Frauen ab dem 40. Lebensjahr wird alle zwei Jahre im Rahmen der "Vorsorgeuntersuchung neu" ein Brust-Röntgen (Mammografie) angeboten.

Neben diesen neuen Untersuchungen werden bis 2006 auch folgende, bisher angebotene Untersuchungen beibehalten, die im Anschluss evaluiert werden sollen:

* Bestimmung des Gamma GT-Wertes: Dieser Funktionsparameter der Leben wird ergänzend zum Alkoholfragebogen erhoben.

* Bestimmung des roten Blutbildes für Frauen: Dies dient der Erkennung einer Anämie (Blutarmut) - auch wenn noch keine klinischen Symptome vorliegen.

* Triglyzeride: Die Bestimmung des Triglyzerid-Wertes dient zur Ergänzung des Fettstoffwechsel-Risikoprofils des Patienten.

* Untersuchung des Harns: Mit Hilfe eines Kombi-Streifentests werden mehrere Harnwerte ermittelt, wodurch Hinweise auf Diabetes mellitus, Entzündungen des Harntraktes oder Lebererkrankungen gewonnen werden können.

Im Gegenzug werden einige wenige Untersuchungen entfallen, weil sie zu unspezifisch oder nicht aussagekräftig sind: Teile der Harnuntersuchung, die Harnsäure-Bestimmung und die Messung der Blutsenkungsgeschwindigkeit.

Gesundheitspässe für alle

Um das Gesundheitsbewusstsein in der gesamten Bevölkerung zu steigern, soll es neben der rundumerneuerten Vorsorgeuntersuchung auch Gesundheitspässe für alle Altersgruppen geben. Jugendliche ab 14 Jahren wurden bereits mit diesen Pässen versorgt, die - ähnlich wie der Mutter-Kind-Pass - empfohlene Vorsorgeuntersuchungen sowie altersbezogene Informationsbroschüren zu Ernährung, Bewegung, Unfall- und Suchtvermeidung beinhalten.

Auch für Personen bis 40 Jahre sowie für Senioren sind solche Pässe geplant. Sie werden voraussichtlich bei den Vorsorgeuntersuchungsärzten, in den Apotheken und über die Pensionsversicherung erhältlich sein.

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