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Jeder zweite Diabetes-Fall nicht erkannt

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Altersdiabetes ist das häufigste Gesundheitsproblem älterer Menschen. Dennoch wird diese Krankheit oft auch von Ärzten verharmlost und die gesundheitlichen Folgen unterschätzt - ein Versagen der Mediziner.

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Altersdiabetes ist das häufigste Gesundheitsproblem älterer Menschen. Dennoch wird diese Krankheit oft auch von Ärzten verharmlost und die gesundheitlichen Folgen unterschätzt - ein Versagen der Mediziner.

Diabetes mellitus, die Zuckerkrankheit, wird in Österreich von Ärzten und Patienten vielfach unterschätzt. Der Altersdiabetes ist der dritthäufigste Grund für eine Spitalseinweisung, nach Geburt und Grauem Star (eine Augenkrankheit), aber noch vor Herz- und Gelenkskrankheiten.

Sie führt unter anderem zu Herzinfarkt, Hirnschlag, Nierenausfall, Fußamputation, Erblindung und kostet das österreichische Gesundheitswesen jährlich mehrere Milliarden Schilling. Pro Patient führt Altersdiabetes zu Kosten von durchschnittlich sieben Millionen Schilling. Sie ist das häufigste Gesundheitsproblem bei älteren Menschen.

Sie kommt in Österreich laut ärztlicher Diagnose 400.000mal vor und eine ebenso hohe Anzahl von Menschen sind davon betroffen, allerdings ohne von Ärzten erkannt worden zu sein. Die Krankheit betrifft daher durchschnittlich jeden zehnten Österreicher und aufgrund der Altershäufung jeden vierten älteren und alten Menschen.

Die Charakteristika der Zuckerkrankheit sind uferlos. Diabetes ist eine der gefährlichsten Krankheiten, die wir haben. Diabetes führt nicht nur zu verfrühtem Tod (etwa zehn Lebensjahre verliert ein Zuckerkranker im Schnitt), sondern oft auch zu einem Leben mit Leid und Schmerzen. Diabetes ist zu einem Großteil schuld, dass viele Organsysteme im Körper nachlassen, nicht mehr gut funktionieren und andere in ihren Untergang mitreißen.

Wie ist es dann aber möglich, so könnte man fragen, dass Diabetes im Bewusstsein der Öffentlichkeit keineswegs als jener Killer gilt, der er ist? Sogar Ärzte sind nicht davor gefeit, Sätze auszusprechen wie "Na, Sie haben ein bisserl einen Diabetes!", oder "Ihren leichten Diabetes bekommen wir schon in den Griff, Sie müssen sich halt mehr bewegen und passen's halt auf beim Essen, wieso sind Sie so fett?"

"Das ist eine normale Alterserscheinung, da nehmen wir halt Tabletten!" ist eine ebenso häufig gehörte Aussage. Tatsache ist, dass sowohl die Suche nach Diabetes, also das Stellen einer Diagnose, sträflich vernachlässigt wird, als auch die Behandlung der Stoffwechselkrankheit, die ihre Ursache meist entweder in einem zunehmenden Versagen der Bauchspeicheldrüse hat, Insulin auszuscheiden oder in zunehmendem Versagen der Körperzellen, auf das vorhandene Insulin zu reagieren.

Folge ist in beiden Fällen ein Mangel an Insulinwirkung in den Zellen des Körpers. Das bedeutet: Die Zellen kriegen zu wenig Zucker, den sie als Energieversorgung nötigst brauchen. Der dadurch überschüssige Zucker wird ausgeschieden, und zwar über den Harn. Deswegen heißt der lateinische Name des Diabetes: Diabetes mellitus, das heißt, honigsüßer Zuckerfluss. Die Ärzte der Antike, bis hin zu den Medizinern des 20. Jahrhunderts, die allesamt noch keine Zuckerteststreifen zur Verfügung hatten, testeten die Harnproben mit der Zunge.

Zellen hungern bei vollen Töpfen Vielleicht wäre das diagnostische Versagen der Medizin von heute kein Problem mehr, wenn die Doctores so wie früher mit der Zunge abschmecken müssten...

Es klingt vielleicht hart, wenn man von Versagen spricht. Aber was ist es anderes, wenn jeder zweite Fall von Diabetes nicht gefunden wird? Wenn es im Schnitt sieben Jahre dauert, bevor ein Diabetiker im Medizinsystem von heute erkannt wird? Wenn es im Schnitt 20 Jahre dauert zwischen dem Auftreten der allerersten Anzeichen und deren letztendlich richtiger Zuordnung als Anzeichen von Diabetes?

Die sogenannten Altersdiabetes wird auch als Typ 2-Diabetes bezeichnet. Diese Form der Kohlenhydratstoffwechselstörung geht hauptsächlich auf die abnehmende Fähigkeit des Körpergewebes zurück, richtig auf das an sich in normalen Mengen vorhandene Insulin zu reagieren - die Körperzellen hungern bei vollen Töpfen, sozusagen. Der Diabetes Typ 2 geht eindeutig mit Übergewicht einher, 80 Prozent aller "Altersdiabetiker" sind zu dick und zu schwer.

Der Typ 1, auch "juveniler Diabetes" genannt, beginnt hingegen meistens in der Kindheit oder Jugend (zwischen wenigen Monaten und dem Ende der Adoleszenz) und geht auf eine Pankreaszerstörung zurück. Warum die Bauchspeicheldrüse zerstört wird, weiß man nicht, man vermutet eine Autoimmunerkrankung als Ursache, bei der körpereigene Substanzen gezielt gegen die Zellen des Pankreas vorgehen. In der Medizinforschung steht man hier mit dem Rücken zur Wand, denn wenn die Zerstörung klinisch auffällt, ist die Krankheit meist schon zu 70 bis 80 Prozent fortgeschritten, und man kann eigentlich nicht mehr viel machen.

Heutzutage ist der Typ 1 kein Problem mehr - er kann nicht übersehen werden. Ein Typ 1-Diabetes führt binnen weniger Monate oder Wochen zu solchen Beschwerden, bis hin zum Koma, dass kein Zweifel bleibt: Das kann nur ein Typ 1-Diabetes sein.

Der Typ 2-Diabetes macht hingegen viele Jahre lang keine besonders auffälligen Beschwerden. Trotzdem verursacht er auch im Frühstadium bereits Schäden. Das heißt, der Typ 2-Diabetes ist gefährlich von Anbeginn. Die Schäden, die er auslöst, sind nicht mehr rückgängig zu machen. Was man tun kann ist, das Fortschreiten der Schäden zum Stillstand zu bringen oder wenigstens zu verlangsamen.

Diese Schäden sind zunächst vor allem solche des Blutgefäßsystems. Diabetes greift primär die Blutgefäße an, und so gut wie alle sogenannten "Spätschäden" des Diabetes gehen auf schlechte oder gestörte Durchblutung zurück: Im Herzen der Infarkt, im Gehirn der Hirnschlag, in der Niere die feinen Filter, über die Schadstoffe ausgeschieden werden sollen, in den Nerven deren Abschirmung nach außen, in den Augen die feinen Gefäße des Augenhintergrunds, im Gefäßsystem selbst der Bluthochdruck... All das sind Folgen des erhöhten Blutzuckerspiegels. Und sie sind miteinander verzahnt. Der Diabetes ist wirklich eine sehr zentrale Krankheit, sie betrifft alle Bereiche des Körpers.

Diabetes betrifft alle Bereiche des Körpers Als Betroffener kann man Diabetes relativ leicht erkennen: Man hat mehr Durst als normal, man trinkt daher mehr, und geht dementsprechend häufig auf das Klo. Man stellt erhöhte Ermüdbarkeit fest, mangelhafte Konzentration, leicht wird einem schwarz vor den Augen, vor allem nach oder bei körperlicher Anstrengung. Und man kann feststellen, dass alle diese Probleme nachlassen, wenn man, aus welchem Grund auch immer, Gewicht verliert, schlanker wird.

Je nach Stadium der Krankheit ist die richtige Therapie entweder Gewichtsverlust, mehr körperliche Bewegung und eine angepasste Ernährung - weniger Fett und Fleisch, wegen der Arteriosklerose, mehr Obst und Gemüse. Mit einem Wort: "gesunde Ernährung" (auch weniger Alkohol gehört dazu).

Je nachdem kann der Arzt zusätzlich Medikamente verschreiben, die der Bauchspeicheldrüse und den Körperzellen "helfen". Oder es kann sein, bei rund zehn Prozent der Patienten trifft das zu, dass Insulin gespritzt werden muss.

"Insulin spritzen" ist für viele Menschen eine Horrorvorstellung, und deswegen empfinden viele die Diagnose "Diabetes" als Schreckgespenst. Es ist aber so, dass die heute verfügbaren Hilfsmittel zum Spritzen derart miniaturisiert sind, dass die Injektionen zwar vielleicht nicht jubelnd begrüßt werden, aber nur minimalen Schmerz verursachen, an den man sich bald gewöhnt - wofür die rund 30.000 Typ 1-Diabetiker, die täglich mehrmals spritzen, Zeugnis abgeben können. Für die richtige Stoffwechseleinstellung jedenfalls ist das Spritzen von Insulin beim Typ 2-Diabetiker, wenn medizinisch notwendig, im wahrsten Sinn überlebenswichtig.

Um sich über Diabetes zu informieren, etwa weil man einen Verdacht hat, wendet man sich am besten sofort an einen Arzt. Eine entsprechende Testung ist schnell gemacht, schmerzlos und bringt rasch Gewissheit.

Um sich über Details zu erkundigen, die das Leben mit Diabetes betreffen, kontaktieren Sie am besten eine Selbsthilfegruppe. Es gibt solche Gruppen in allen Bundesländern. Die ÖDV (Österreichische Diabetikervereinigung) ist die größte medizinische Selbsthilfegruppe in Österreich überhaupt.

Die Adresse der ÖDV-Zentrale: Moosstraße 18, 5020 Salzburg.

Tel: (0662) 82 77 22; Fax: (0662) 82 92 22

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