Sonne, Wind und Wetter gegen Allergien

Tagsüber kann mein Sohn sich ablenken, nachts jedoch quälen ihn die schuppigen, rot geschwollenen Stellen in den Gelenkbeugen. Oft kratzt er sich blutig. Was soll ich bloß tun?" Meist sind es besorgte Mütter, die verzweifelt Rat suchen. Zunehmend mehr Menschen leiden heute unter Allergien oder "Atopien", einer Art Über-Erregbarkeit des Immunsystems mit allergischen Reaktionen. Asthma, Neurodermitis, Heuschnupfen oder Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten sind typische Erscheinungsformen. Jüngste Umfragen des deutschen "Instituts für angewandte Sozialwissenschaft" (infas) signalisieren eine Verdoppelung dieser Krankheitsform innerhalb der letzten zwanzig Jahre. Heute trägt bereits jeder fünfte Heranwachsende eine Allergiebereitschaft in sich, Tendenz steigend.

"Bislang kennen wir kein Patentrezept gegen Asthma oder Neurodermitis, da die Ursachen weiterhin unbekannt sind", erklärt Mohamed Hussein, Facharzt für Allgemeinmedizin der Vorsorge- und Reha-Einrichtung "Köhlbrand" im Nordsee-Bad St. Peter-Ording. "Die Eigenart des Körpers, besonders empfindlich auf Stoffe der natürlichen Umwelt zu reagieren, ist veranlagungsbedingt."

"Erkrankt das Kind, leidet darunter oft die ganze Familie. Wenn sich große Hautflächen in offene, rote Wunden verwandeln oder nächtliche Attacken quälenden Hustens Kind, Eltern und Geschwistern den Schlaf rauben, dann ist das für alle Beteiligten die Hölle auf Erden. In Sorge sowie Ratlosigkeit konzentriert sich das Leben schließlich fast nur noch auf die Krankheit und verhindert mitunter das Entstehen einer ausgeglichenen, positiven Familienatmosphäre", beschreibt der Mediziner die schwerwiegenden sozialen Folgen des Leidens.

Therapiekonzepte gibt es viele. Spezialkliniken werben mit klangvollen Angeboten wie "Neural-" oder "Bio-Resonanz-", "autohomologer Immuntherapie", "Eigenblutbehandlung", "Vitalstoff-Ausgleich" sowie "Schwermetallausleitung". Ergänzt wird das Programm um "Sauerstoff-" oder "Phytotherapie", Brottrunk- oder Fastenkuren und vieles andere mehr. Das Spektrum reicht von alternativen Heilmethoden über die Schulmedizin bis hin zu psychologischer Beratung.

In der Kur-Einrichtung "Köhlbrand" - Träger ist die Norddeutsche Gesellschaft für Diakonie e. V., Rendsburg - setzt man vor allem auf die bewährten heilklimatischen Bedingungen an der See: Sonne, Wind und Wetter sowie Spiel und Spaß am Strand in veränderter Umgebung. Diese werden ergänzt durch "klassische" Anwendungen (Sole-Inhalationen, Meerwasser-, Schwefel- oder Bewegungsbäder, Unterwassermassagen, Krankengymnastik et cetera), welche stets den neuesten Forschungsergebnissen entsprechend weiterentwickelt sind.

Deutliche Besserung "Die natürliche Therapie durch das Reizklima der Nordsee bringt in den meisten Fällen deutliche Verbesserung. Manchmal verschwinden die Krankheitszeichen sogar vollständig", sagt Hussein. Aufenthalte in Berg-Regionen wären weit weniger wirkungsvoll. Zwar sei die Luft auch hier arm an allergieauslösenden Stoffen, doch so richtig arbeiten müßten Haut sowie Lunge erst in der salzhaltigen Küstenluft.

Ärzte raten dazu, für eine Nordsee-Kur vier bis acht Wochen einzuplanen, um den gewünschten Heilungsprozeß in Gang zu setzen. Diese Zeit brauchen asthmatische Bronchien wie neurodermitische Haut, um sich in der Nähe der Brandung praktisch wie von selbst zu regenerieren.

Aerosole (feinste salzhaltige Wasserpartikel in der Luft) erleichtern das Abhusten, UV-B-Strahlung der Sonne verbessert die heilsame Durchblutung der Haut. Gleichzeitig regt das Klima die körpereigene Produktion des entzündungshemmenden Hormons Kortison (Wirkstoff vieler Ekzem-Salben oder Asthma-Mittel) an.

Aus langjähriger Arbeit weiß das interdisziplinäre "Köhlbrand"-Team aus Ärzten, Psychologen, Therapeuten, Pädagogen und Sozialarbeitern, daß die Psyche eine bedeutende Rolle spielt und Kinder besonders empfindsam sind. "Um nicht nur am Symptom herumzukurieren, sondern dauerhaft Besserung zu erreichen, müssen wir nachhaltig auf den gesamten Lebensraum des Patienten einwirken", erklärt Leiter Hans-Helmut Krause. "Im Umgang mit der Krankheit gibt es viel zu lernen. Vor dem Hintergrund eines ganzheitlichen Konzeptes besitzt daher die psychosoziale sowie pädagogische Betreuung bei uns hohen Stellenwert."

Das bedeute, daß die Eltern ins Kur-Programm mit einbezogen würden. Mutter und Vater müßten differenzierte Verhaltens- wie Erziehungsstrategien erlernen. Denn sie trügen den Großteil der Verantwortung. Auf diese Weise könnten sie dem betroffenen Kind gerecht werden sowie für sich selbst ein Stück Lebensqualität zurückgewinnen.

Die moderne Medizin ermöglicht heute die Früherkennung von Allergien. Bereits unmittelbar nach der Geburt läßt sich die Allergieneigung des Säuglings feststellen. Das Nabelschnurblut enthält dann übermäßig viel Immunglobin E zur Abwehr von Fremdstoffen. Kinderärzte empfehlen in diesem Fall vorbeugende Maßnahmen wie möglichst langes Stillen, Vermeidung von Hühner-Eiweiß, Vorsicht mit Kuhmilch, Verzicht auf Nüsse, Lebensmittel mit Farb- oder Konservierungsstoffen. Besser ist eine mild gewürzte salz- und zuckerarme Vollwertkost. (Quelle: prs)

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