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Schadstoffe machen unfruchtbar

Sinkende Geburtenzahlen sind nicht nur Folge mangelnder Bereitschaft, Kinder zu bekommen. Auch die Umweltbelastung spielt da mit.

Dass die Zahl der kinderlosen Paare in den Industrienationen in den letzten Jahrzehnten stetig zugenommen hat, steht außer Zweifel. Verglichen mit den Zahlen aus Lehrbüchern der sechziger Jahre, die von einer ungewollten Kinderlosigkeit von 5 bis 8 Prozent berichteten, liegt die entsprechende Zahl in den industrialisierten Ländern in den neunziger Jahren bei 15 bis 20 Prozent.

"Umwelteinflüsse spielen für die Reproduktionsfähigkeit des Menschen keine Rolle," hieß es noch im September 1990 bei einem Podiumsgespräch auf dem 48. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in Hamburg. Andere Vorträge - zur gleichen Zeit im Hörsaal nebenan vor einem wesentlich kleinerem Auditorium gehalten - straften diese Äußerungen jedoch Lügen. Insektizide, andere Pestizide und polychlorierte Biphenyle (PCB) reichern sich in der Samenflüssigkeit an und können die Beweglichkeit der Samenzellen oder die Teilungsrate der befruchteten Eizelle stören. Das zeigten Studien der Arbeitsgruppen um Katrin und Hans van der Ven von der Bonner Universitätsklinik.

Erst seit wenigen Jahren scheint die Tatsache, dass Schadstoffe einen ungünstigen Einfluss auf die menschliche Fruchtbarkeit haben, zum offiziell anerkannten Wissensgut zu gehören. So veranstaltete etwa das Umweltbundesamt Wien im April 1996 ein Symposium zum Thema "Umweltchemikalien mit hormoneller Wirkung." Dort referierte unter anderen der Grazer Androloge Hans Pusch über "Umwelteinflüsse auf die männliche Fertilität." In seinem Beitrag wunderte er sich, dass trotz unübersehbar steigender Tendenz zur ungewollten Kinderlosigkeit in westeuropäischen Industrienationen wenig aussagekräftige Arbeiten über den Zusammenhang Schadstoffe und Spermienqualität existieren.

Geringe Samenqualität

Er stellte auch fest, dass die Wissenschaft als Reaktion auf die Abnahme der Spermatozoendichte lieber die Normwerte für die Samenqualität ändert, anstatt deren Ursachen zu erfassen. 1951 galten noch 120 Millionen Samenzellen pro Milliliter Ejakulat als gesund. Bis 1989 wurde dieser Gradmesser der männlichen Fruchtbarkeit stufenweise bis auf 20 Millionen herabgesetzt.

In der Zusammenfassung des Tagungsbandes kamen die Kongressteilnehmer zum einhelligen Schluss, dass "Umweltgifte die hormonelle Kontrolle der Fortpflanzung von Mensch und Tier beeinflussen können."

Es wurde auch angegeben, dass etwa 150 Stoffe als hormonell wirksam erkannt worden sind. Die wichtigsten Substanzgruppen sind Pestizide, Alkylphenole (Abbauprodukte industrieller Detergentien), Phtalate (Weichmacher in Kunststoffen) und pflanzliche Sterole in den Abwässern der Zellstoff- und Papierindustrie. Neben diesen Industriechemikalien können in aquatischen Systemen auch die von Menschen ausgeschiedenen oralen Kontrazeptiva und Lipidsenker durch ihre hormonelle Wirkung Umweltrelevanz erreichen.

Ende der achtziger Jahre hat sich die Umweltmedizin offiziell innerhalb der westlichen Medizin etabliert. Seit dieser Zeit gibt es die ersten umweltmedizinischen Untersuchungs- und Beratungsstellen als Pilotprojekte in Deutschland. In Österreich hat die Ärztekammer 1988 einen umweltmedizinischen Lehrgang eingeführt, der mit einem Diplom abgeschlossen werden kann.

Diese Themen finden großes Interesse in der Ärzteschaft. Etwa 1.000 haben diese Kurse in Österreich bisher abgeschlossen. Vielfach wurde in Deutschland die Kritik geäußert, dass die umweltmedizinischen Ambulanzen nur Alibicharakter hätten und hauptsächlich zur öffentlichen Beschwichtigung beunruhigter Menschen beitragen sollen. Der Österreichische Weg scheint noch eleganter zu sein. Umweltmedizinische Beratungen sind bisher nicht in den Katalog der von den Krankenkassen zu bezahlenden Dienstleistungen aufgenommen worden.

Univ. Prof. Ingrid Gerhard, langjährige Leiterin der endokrinologischen Ambulanz der Frauenklinik an der Universität in Heidelberg, hat sich über diese Hürden hinweggesetzt. Schon 1987 begann sie, mit Hilfe eines Fragebogens und der routinemäßigen Bestimmung von Pflanzenschutzmitteln, Holzschutzmitteln sowie die Schwermetalle Quecksilber, Blei und Cadmium die Schadstoffbelastung bei Frauen mit hormonellen Störungen zu dokumentieren. Nach jahrelangen Forschungen stellte sie fest, dass "Insektizide, Pestizide und Fungizide sowie Schwermetalle die Fertilität der Frau auf sämtlichen Ebenen der Reproduktion beeinflussen können." Bei der Beratung von ungewollt kinderlosen Paaren müsse daher auch immer geprüft werden, ob eine chronische Umweltbelastung als Ursache für die Infertilität in Frage kommt.

Den Lebensstil ändern

Die Umweltmedizin ist noch ein junges Fachgebiet mit zunehmend mehr theoretischen Erkenntnissen über die Zusammenhänge von Umwelteinflüssen und menschlicher Gesundheit oder Krankheit. Sie krankt selbst aber noch daran, dass diese Erkenntnisse kaum in die Praxis umgesetzt werden. Es ist das große Verdienst von Ingrid Gerhard, dass sie sich nicht mit der Theorie allein begnügt hat, sondern auch Beratungsgespräche in Bezug auf einen schadstoffarmen Lebensstil angeboten hat. Sie konnte damit die Erfolgsrate bei ihren unfruchtbaren Patientinnen von 30 auf über 60 Prozent erhöhen.

Nach ihren Erfahrungen ist es zweckmäßig, den individuellen Handlungsspielraum zur Vermeidung einer unnötigen Schadstoffaufnahme in den Bereichen Ernährung, Innenraumeinrichtung, Kleidung, Kosmetika, Putzmittel, Freizeitaktivitäten auszuloten. Auch der Konsum von Alkohol, Zigaretten oder Kaffee ist mit einer eingeschränkten Fertilität in Beziehung gebracht worden. Die Begegnung mit der Natur, das Pflegen guter zwischenmenschlicher Beziehungen, das Überdenken und eventuell Verändern der beruflichen Situation und der Partnerschaft sind ebenfalls wichtige Voraussetzungen, um die Fruchtbarkeit wieder zu gewinnen. Stress ist schon lange als wichtiger Störfaktor der Fruchtbarkeit bekannt.

Biologische Kost

Dieser ganzheitliche Ansatz der Umweltmedizin bedeutet natürlich nicht, dass damit alle Fälle von Kinderlosigkeit untersucht und behandelt werden können. In vielen Fällen können die Gynäkologen und Andrologen Ursachen feststellen, die mit der Schadstoffbelastung des Körpers nichts oder nur sehr wenig zu tun haben. Abgelaufene Entzündungen mit Verschluss der Eileiter oder die Hodenentzündung bei Mumps, angeborene Fehlbildungen oder genetische Defekte, Stoffwechselstörungen und viele andere gesundheitliche Störungen, etwa starkes Unter- oder Übergewicht, können als Ursache einer Unfruchtbarkeit erkannt und zum Teil behandelt werden.

Je mehr die Schadstoffe für die Unfruchtbarkeit ursächlich im Vordergrund stehen, umso wirkungsloser wird die von den Krankenkassen bezahlte In-Vitro-Fertilisation, um zu einem Kind zu kommen. Der österreichische Reproduktionsmediziner Wilfried Feichtinger fand bei Frauen mit erfolglosen IVF Behandlungszyklen in der Follikelflüssigkeit schon vor zehn Jahren mehr Biozide als bei den erfolgreich behandelten.

Menschen, die ihre Schadstoffbelastung reduzieren wollen, sollten über den Handlungsspielraum informiert sein. Der Hauptaufnahmepfad langlebiger Gifte in den Organismus erfolgt über die Ernährung. Die Rückkehr zu Produkten aus biologischem Landbau ist eine der wichtigsten Maßnahmen, die Umweltmediziner empfehlen. Des weiteren kann die Verwendung naturnaher Produkte bei der Wohnungseinrichtung, bei Putzmitteln, Kosmetika und Kleidung ebenfalls einen wesentlichen Beitrag leisten.

In der Sendung "Von Tag zu Tag" in Ö1 vom 1. März dieses Jahres berichtete Udo Pollmer, wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Institutes für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaft, dass bis zu 100 Mal mehr Pestizide in den pflanzlichen Lebensmitteln vorhanden seien, wie gemessen werden. Dies deshalb, weil die Entgiftung bei den Pflanzen dadurch erfolgt, dass die Biozide fest an die Zelloberfläche gebunden werden. Die Lebensmittelanalyse kann aber nur die freien Biozide messen. Nicht so der menschliche Verdauungstrakt. Hier werden Biozide freigesetzt und können vom Körper aufgenommen werden.

Ganz einfach zum Nachdenken: Im Mittagsjournal vom 14. Mai 2002 wird berichtet, dass der freie Handel von Pestiziden in der EU erleichtert werden soll und dass die Geburtenrate schon wieder um 3,6 Prozent auf einen neuen Tiefststand gesunken ist.

Der Autor ist Umweltmediziner in Innsbruck.

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