5G-Antenne - Bis zum Jahr 2023 sollen erste 5G-Dienste in Österreich nutzbar sein. In der Schweiz werden bereits 5G-Optionen angeboten (Bild: Antenne in Neuchatel). - © picturedesk.com / Adrien Perritaz / Keystone
Wissen

Ins Blaue hinein

1945 1960 1980 2000 2020

Für die einen ist es die neue Stufe der Digitalisierung, für die anderen ein unkontrolliertes Experiment mit der öffentlichen Gesundheit: Wie bedenklich ist der neue Mobilfunk 5G?

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Für die einen ist es die neue Stufe der Digitalisierung, für die anderen ein unkontrolliertes Experiment mit der öffentlichen Gesundheit: Wie bedenklich ist der neue Mobilfunk 5G?

Unsichtbar, smart und allgegenwärtig: Das "Internet der Dinge" soll die Objekte des Alltags verknüpfen und unsere Wohnungen, Häuser und Städte durchdringen. Die elektronische Vernetzung weitet sich zunehmend auf Maschinen und Geräte aus. Drei Viertel der heimische Haushalte sind laut Forum Mobilkommunikation (FMK) mit einem Smartphone ausgestattet. Internet-gestützte Assistenten finden sich in elf Prozent der Haushalte, bei den Unter-30-Jährigen sind es bereits rund 30 Prozent. Der neue Funkstandard der 5G-Technologie gilt nicht nur als Turbo für den Mobilfunk, sondern auch als Treibstoff für die Vision smarter Städte und einer datengesteuerten Umgebung.

Neues Übertragungsprotokoll
"Im städtischen Umfeld springen unsere digitalen Geräte ständig zwischen den Netzwerken, was zu Verbindungsproblemen führt", so IT-Forscher Knud Skouby von der Aalborg Universität Kopenhagen in einer Presseaussendung. Eine abgebrochene Verbindung bei einem Telefonat sei ärgerlich, aber harmlos. "Wenn aber ein voll autonomes Fahrzeug in einer komplizierten Verkehrssituation unterwegs ist, könnte ein Verlust der Verbindung zur Katastrophe führen." Bisherige Netzwerke seien inadäquat, um die für solche Szenarien nötigen Datenmengen verlässlich zu übertragen. Mit dem Umstieg auf das ultraschnelle Breitbandnetz 5G könnten viel diskutierte Innovationen reibungslos umgesetzt werden: selbstfahrende Autos, smarte Energieversorgung, "Augmented" und "Virtual Reality"-Anwendungen oder komplexe Robotik. Industrie und Wirtschaft sehen in 5G einen Angelpunkt, um global wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Konsumenten erwarten bei der Datenübertragung schnellere und stabilere Verbindungen. Zugleich aber wächst die Sorge vor einer höheren Strahlenbelastung.
So verwundert es nicht, dass angesichts der bevorstehenden Einführung von 5G (siehe unten) die Wogen hoch gehen. Anfang des Jahres haben europäische Ärzte und Wissenschafter ein Moratorium für 5G gefordert, weil die gesundheitlichen Folgen des neuen Mobilfunkstandards nicht ausreichend untersucht seien. Zu dieser Besorgnis mischen sich wilde Mythen und Verschwörungstheorien. "Immer wieder sind wir mit argen Vorwürfen konfrontiert", berichtet Gregor Wagner vom Forum Mobilkommunikation. "Aufgrund von 5G-Tests sollen Vögel tot vom Himmel gefallen und Brücken zusammengestürzt sein. Das ist natürlich völliger Unfug." Die Mobilfunk-Industrie führt vor allem zwei Argumente ins Treffen, um die Unbedenklichkeit von 5G zu unterstreichen: Physikalisch handle es sich lediglich um ein neues Übertragungsprotokoll; die Technologie der Funkübertragung sei unverändert. Die 5G-Frequenzbereiche seien "Nachbarbereiche" der bisherigen Technologien oder würden bereits heute für die Funkübertragung genutzt. "Das ist so, wie wenn ein Radiosprecher schneller spricht", so Wagner: "Die Frequenz verändert sich, das Medium bleibt gleich." Und statistisch gesehen habe sich seit der Einführung des Mobilfunks in den 1990er-Jahren keine nennenswerte Erhöhung von Krebserkrankungen gezeigt -obwohl "die Mehrheit der Österreicher seit mehr als 20 Jahren mit dem Handy telefoniert", wie Wagner betont.

Umstrittenes Krebsrisiko
Doch ganz so einfach sei das nicht, wie Hans-Peter Hutter von der Medizinischen Universität Wien im Gespräch mit der FURCHE betont. Der Umweltmediziner verweist auf die Analogie zur Chemie: "Es gibt chemische Substanzen, die unterscheiden sich nur geringfügig, etwa in der Position eines Benzolrings. Und doch kann dies darüber entscheiden, ob ein Stoff krebserregend ist oder nicht. In Bezug auf gesundheitliche Risiken ist Chemie also nicht gleich Chemie, und ebenso wenig kann man hier sagen 'Funk ist gleich Funk'." Es sei nicht automatisch davon auszugehen, dass Frequenz und Übertragungsprotokoll bei der 5G-Technologie unbedenklich wären, so Hutter. Bei der Installation neuer 5G-Antennen ist zwar eine geringere Sendeleistung als bisher zu erwarten. Diese würden aber wahrscheinlich auch näher an Orten betrieben, an denen sich tatsächlich Menschen aufhalten. "Wie sich dann die Strahlenexposition der Bevölkerung verändert, ist eine wichtige, aber noch offene Frage", so der Umweltmediziner.
Wie auch andere Experten kritisiert Hutter, dass sich bislang keine Studien zu den biologischen Effekten von 5G finden: "Die aktuelle Situation gleicht der Einführung des GSM-Netzes in den 1990er-Jahren. Damals wie heute wird eine neue Technologie eingeführt, über deren gesundheitliche Folgen es keine Untersuchungen gibt. Uns fehlen die Grundlagen." Ähnlich sieht es Präventionsforscher Maximilian Moser vom Human Research Institut in Weiz: "Man kann auch keine chemischen Substanzen ungeprüft auf den Menschen loslassen."

Unsichtbar, smart und allgegenwärtig: Das "Internet der Dinge" soll die Objekte des Alltags verknüpfen und unsere Wohnungen, Häuser und Städte durchdringen. Die elektronische Vernetzung weitet sich zunehmend auf Maschinen und Geräte aus. Drei Viertel der heimische Haushalte sind laut Forum Mobilkommunikation (FMK) mit einem Smartphone ausgestattet. Internet-gestützte Assistenten finden sich in elf Prozent der Haushalte, bei den Unter-30-Jährigen sind es bereits rund 30 Prozent. Der neue Funkstandard der 5G-Technologie gilt nicht nur als Turbo für den Mobilfunk, sondern auch als Treibstoff für die Vision smarter Städte und einer datengesteuerten Umgebung.

Neues Übertragungsprotokoll
"Im städtischen Umfeld springen unsere digitalen Geräte ständig zwischen den Netzwerken, was zu Verbindungsproblemen führt", so IT-Forscher Knud Skouby von der Aalborg Universität Kopenhagen in einer Presseaussendung. Eine abgebrochene Verbindung bei einem Telefonat sei ärgerlich, aber harmlos. "Wenn aber ein voll autonomes Fahrzeug in einer komplizierten Verkehrssituation unterwegs ist, könnte ein Verlust der Verbindung zur Katastrophe führen." Bisherige Netzwerke seien inadäquat, um die für solche Szenarien nötigen Datenmengen verlässlich zu übertragen. Mit dem Umstieg auf das ultraschnelle Breitbandnetz 5G könnten viel diskutierte Innovationen reibungslos umgesetzt werden: selbstfahrende Autos, smarte Energieversorgung, "Augmented" und "Virtual Reality"-Anwendungen oder komplexe Robotik. Industrie und Wirtschaft sehen in 5G einen Angelpunkt, um global wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Konsumenten erwarten bei der Datenübertragung schnellere und stabilere Verbindungen. Zugleich aber wächst die Sorge vor einer höheren Strahlenbelastung.
So verwundert es nicht, dass angesichts der bevorstehenden Einführung von 5G (siehe unten) die Wogen hoch gehen. Anfang des Jahres haben europäische Ärzte und Wissenschafter ein Moratorium für 5G gefordert, weil die gesundheitlichen Folgen des neuen Mobilfunkstandards nicht ausreichend untersucht seien. Zu dieser Besorgnis mischen sich wilde Mythen und Verschwörungstheorien. "Immer wieder sind wir mit argen Vorwürfen konfrontiert", berichtet Gregor Wagner vom Forum Mobilkommunikation. "Aufgrund von 5G-Tests sollen Vögel tot vom Himmel gefallen und Brücken zusammengestürzt sein. Das ist natürlich völliger Unfug." Die Mobilfunk-Industrie führt vor allem zwei Argumente ins Treffen, um die Unbedenklichkeit von 5G zu unterstreichen: Physikalisch handle es sich lediglich um ein neues Übertragungsprotokoll; die Technologie der Funkübertragung sei unverändert. Die 5G-Frequenzbereiche seien "Nachbarbereiche" der bisherigen Technologien oder würden bereits heute für die Funkübertragung genutzt. "Das ist so, wie wenn ein Radiosprecher schneller spricht", so Wagner: "Die Frequenz verändert sich, das Medium bleibt gleich." Und statistisch gesehen habe sich seit der Einführung des Mobilfunks in den 1990er-Jahren keine nennenswerte Erhöhung von Krebserkrankungen gezeigt -obwohl "die Mehrheit der Österreicher seit mehr als 20 Jahren mit dem Handy telefoniert", wie Wagner betont.

Umstrittenes Krebsrisiko
Doch ganz so einfach sei das nicht, wie Hans-Peter Hutter von der Medizinischen Universität Wien im Gespräch mit der FURCHE betont. Der Umweltmediziner verweist auf die Analogie zur Chemie: "Es gibt chemische Substanzen, die unterscheiden sich nur geringfügig, etwa in der Position eines Benzolrings. Und doch kann dies darüber entscheiden, ob ein Stoff krebserregend ist oder nicht. In Bezug auf gesundheitliche Risiken ist Chemie also nicht gleich Chemie, und ebenso wenig kann man hier sagen 'Funk ist gleich Funk'." Es sei nicht automatisch davon auszugehen, dass Frequenz und Übertragungsprotokoll bei der 5G-Technologie unbedenklich wären, so Hutter. Bei der Installation neuer 5G-Antennen ist zwar eine geringere Sendeleistung als bisher zu erwarten. Diese würden aber wahrscheinlich auch näher an Orten betrieben, an denen sich tatsächlich Menschen aufhalten. "Wie sich dann die Strahlenexposition der Bevölkerung verändert, ist eine wichtige, aber noch offene Frage", so der Umweltmediziner.
Wie auch andere Experten kritisiert Hutter, dass sich bislang keine Studien zu den biologischen Effekten von 5G finden: "Die aktuelle Situation gleicht der Einführung des GSM-Netzes in den 1990er-Jahren. Damals wie heute wird eine neue Technologie eingeführt, über deren gesundheitliche Folgen es keine Untersuchungen gibt. Uns fehlen die Grundlagen." Ähnlich sieht es Präventionsforscher Maximilian Moser vom Human Research Institut in Weiz: "Man kann auch keine chemischen Substanzen ungeprüft auf den Menschen loslassen."

Es ist nicht nachvollziehbar, warum 5G ohne systematische Begleitforschung eingeführt werden soll. Vielleicht will man sich künftig Querelen ersparen.

Bei der elektromagnetischen Strahlung des Mobilfunks handelt es sich um hochfrequente Felder. Sobald die elektromagnetischen Wellen in das Gewebe des menschlichen Körpers eindringen, wird die Energie in Wärme umgewandelt. Wer länger mit dem Handy telefoniert, spürt daher oft, wie im Bereich des Ohrs eine Wärmewirkung entsteht. Nicht-thermische Wirkungen auf das Gewebe sind bislang nicht eindeutig nachgewiesen.
Ob intensive Handy-Nutzung das Risiko für Krebserkrankungen wie Hirntumore erhöhen kann, ist umstritten. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) hat Mobilfunk nach Sichtung der Datenlage als "möglicherweise krebserregend" eingestuft. Das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie weist darauf hin, dass auch Stoffe wie Kokosöl und Aloe Vera in diese Kategorie fallen. Was unerwähnt bleibt ist, dass auch Methyl-Quecksilber oder Nitrobenzol so eingestuft sind. Bei dieser Bewertung sei es laut Ministerium "zwar theoretisch möglich, aber nicht wahrscheinlich", an Krebs durch Mobilfunk zu erkranken. Dazu Hutter: "Das ist nicht richtig, die IARC hat nie so etwas gesagt. Die Bewertung als 'möglicherweise' und 'wahrscheinlich krebserregend' bezieht sich hier nicht auf eine Wahrscheinlichkeit im Alltagssprachgebrauch, sondern allein auf die Stärke der Evidenz für eine Krebsentwicklung, also auf den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand."

Zehn medizinische "Handy-Regeln"
"Mit der Statistik kommen wir noch nicht weiter", bemerkt Wilhelm Mosgöller von der MedUni Wien. Der Zellbiologe verweist auf die teils jahrzehntelange Latenzzeit bei Krebskrankheiten, die zwischen dem Auftreten eines Risikos und dem Ausbruch der Erkrankung liegt - etwa dem Beginn des Rauchens und der Diagnose von Lungenkrebs. Der Beobachtungszeitraum seit Einführung des Mobilfunks sei bislang zu kurz, um klare Schlüsse zu ziehen: "In wenigen Jahrzehnten werden wir wohl mehr wissen."
Mosgöller empfiehlt, sich an die zehn "Handy-Regeln" zu halten, die die Wiener Ärztekammer für einen vorsichtigen Umgang mit dem Mobilfunk zusammengestellt hat (www.aekwien.at)."Die goldene Regel ist, die Dauer der Gespräche zu minimieren und den Abstand zwischen Gerät und Kopf zu maximieren", so der Experte. "Wenn man mit einem 'Headset' telefoniert und das Handy einen Meter vom Kopf weg legt, ist man keiner relevanten Strahlenexposition ausgesetzt." Nicht nachvollziehbar sei, warum die 5G-Technologie ohne systematische Begleitforschung eingeführt werden soll, wundert sich Mosgöller: "Vielleicht will man sich die Fragen, die die bisherige Forschung aufgeworfen hat, künftig einfach ersparen."

Fakt

FAKTEN ZU 5G
Flächendeckender Ausbau bis 2025
5G ist eine neue Entwicklungsstufe im Mobilfunk, die die Übertragung enormer Datenmengen praktisch in Echtzeit ermöglichen soll. Aufgrund von Glasfaserverbindungen sollen im 5G-Netz künftig bis zu 100-mal höhere Datenraten als bei heutigen LTE-Netzen erzielt werden -bis zu 10.000 MBit pro Sekunde. Seit 2018 gibt es in Österreich Versuche mit ersten vorkommerziellen 5G-Teststellungen. Bis 2025 soll das Ziel einer nahezu flächendeckenden Verfügbarkeit verwirklicht werden. Um die Wirkung von hochfrequenten elektromagnetischen Feldern zu beurteilen, wird die Energie herangezogen, die im Gewebe absorbiert wird. Die spezifische Absorptionsrate (SAR) wird in Watt pro Kilogramm angegeben. Der SAR-Wert gibt an, in welchem Ausmaß die Sendeleistung einer Funkanlage bzw. eines Mobiltelefons vom Körper aufgenommen wird. Die Werte findet man in der Betriebsanleitung des Geräts oder über das Forum Mobilkommunikation (www.fmk.at).